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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 89)
Language
German
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daher war sein Glaube aufrichtig und doch verkehrt. Eben, weil er aufrichtig war, findet der Bauer jetzt den Weg zu seiner ersten Frage nicht zurück. Er ist gleichsam in einer Glaubensirrung befangen, die sich noch näher beschreiben läßt. Der Doktor ist ihm zum Arzt geworden. Bei seinem ersten Besuch glaubte er an das Wissen, beim dritten lernte er an den Träger des Wissens, den Arzt glauben. Weil der dritte Arzt ihm doch imponiert hatte, wurde er sich und seinem Glauben ans issen untreu, und ohne es zu wissen, glaubte er jetzt an den betreffenden Menschen, lernte er an diesem schließlich auch zweifeln. Denn die Schmerzen wurden jetzt erst heftig. - Und so hatte er also den richtigen Arzt immer noch nicht gefunden. Er ist, sagt er sich j etzt, offenbar schwer zu finden; mein Fall muß wohl ein besonderer Fall sein und seine Krankheit meine seltene Krankheit. Drüben in der andern Stadt ist ein ganz besonderer Arzt. Er geht j etzt zu dem berühmten Homöopathen. Da ist denn freilich alles ganz anders. Hier muß sich alles entscheiden. Und in derTat,\ielehabenähnhcheIrrfahrtenhinter sich und endlichhier Hilfe gefunden. So geht es auch dem Bauern. Auf Monate hinaus ist er geheilt. Damals hat er auch seinen Prozeß endgültig verloren. Wir begegnen ihm erst nach Jahren wieder. Er hat mancherlei unterdessen erlebt. Plötzlich war er an einer schweren GallensteinkoÜk erkrankt; bald darauf war er operiert worden, der Chirurg fand eine Vereiterung und Steine. Man hat ihm gesagt, die früheren Beschwerden wären auch schon von den Steinen gekommen. Vater und Mutter waren inzwischen gestorben. Es ging ihm nicht schlecht, er hatte keine Schmerzen mehr, aber er war ein Unzufriedener, von \\ idrigkeiten Umgebener. Wir interessieren uns nicht dafür, er hat jetzt einen Arzt zu befragen die Kosten nicht mehr wert gefunden. - Nur ein vielseitig gutgeschulter Mediziner kann alle Phasen dieser Krankengeschichte ganz analysieren und mit dem Stande unseres \\ issens recht deuten. Er weiß, daß Störungen und Schmerzen der Gallenwege von psychischen Faktoren abhängen. Er weiß, daß die neurotische Einstellung sich immer auf einer frühkindlichen Entwicklung der Psyche aufbaut. Er weiß, daß „Kunstfehler44 im alten Sinn von keinem aller dieser Arzte gemacht worden sind und daß auch, wäre die Kunst von allen füiifen im ersten vereinigt gewesen, das Schicksal des Bauern vielleicht ähnlich verlaufen wäre. Denkt er modern, so wird er den ersten drei Ärzten, jedem auf verschiedene Weise, vorwerfen, daß sie keine energische Psycho- 457

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