Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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völlig gleich der allgemeinen klassizistischen Anschauung des deutschen achtzehnten Jahrhunderts in seinen letzten Jahrzehnten. Weder in den Vorstufen, noch in der endgültigen Fassung des Romans begegnen Anzeichen dafür, daß dieses Bild sich wesentlich gewandelt hätte. Offenbar hat es sich nur zu eignerem, klarerem, reicherem Leben entfaltet. War in jenem Aufsatz nur der von Winckelmann übernommene Unterschied von griechischem und orientalischem Wesen gezeichnet, so wird die Ansicht nun symmetrisch ergänzt durch die Zeichnung eines entsprechenden Unterschieds zwischen griechischem und okzidentalischem Wesen, aber eben nur ergänzt und feiner ausgeführt, vor weiter gespanntem Horizont, nicht im Umriß verändert. Das bedeutendste Zeugnis dieser Entfaltung wie auch jenes Verharrens im gleichen Charakter ist der große Schlußbrief des ersten Bandes. Das Bleiben in der schönen Mitte ist es, was Kunst und Philosophie? Religion und Staatsform der Athener schön gemacht hat. Wesen, Landschaft und Geschichte wirken daran einig zusammen. Die Schönheit der griechischen Kunst ist nicht das Resultat einer Spannung zwischen Gegensätzen, sondern sie ruht gesichert inmitten der Gegensätze, die keinen Teil an ihr haben, in der gegensatzlosen Harmonie. Ungestört und freier von gewaltsamem Einfluß als irgendein anderes Volk erwächst das athenische. Die Extreme liegen außerhalb, in anderen Völkern, die ihre natürliche Umgebung und Geschichte zum Extrem treibt. In der Kunst der Athener lebt der reife Mensch: „nicht das Kleinliche, nicht das L ngeheure der Ägyptier und Goten44, Menschensinn und Menschenmaß sind hier. In der schönen Mitte der Menschheit bleiben auch die Götter. So ist die Liebe zu ihnen maßvoll wie sie selber, „nicht zu knechtisch und nicht gar zu sehr vertraulich". Besonders deutlich wird dann am Wesen der athenischen Politik die sichere Ruhe zwischen den Extremen: „Aus der Geistesschönheit der Athener folgte denn auch der nötige Sinn für Freiheit. Der Ägyptier trägt ohne Schmerz die Despotie der Willkür, der Sohn des Nordens ohne Widerwillen die Gesetzesdespotie, die Ungerechtigkeit in Rechtsform; denn der Ägyptier hat von Mutterleib an einen Huldigungs- und Vergötterungstrieb; im Norden glaubt man an das reine freie Leben der Natur zu wenig, um nicht mit Aberglauben am Gesetzlichen zu hängen." Und die Philosophie des Atheners ist außer Gefahr, bloßer Vernunft oder bloßem Verstand zu verfallen, weil er ihren Zusam- 306