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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 106)
Language
German
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knüpft* Im Organismus setzt das Zentrum den Teilen ein Lebensziel. Jeder Organismus ist eine Hierarchie, Wenn die Teile sich vom Ganzen losreißen und dem Ziel zu dienen aufhören, das im organischen Zentrum gesetzt ist, ordnen sie sich unbemerkt der niedersten Natur unter. Die Epoche der Renaissance brüstet sich damit, daß sie nicht nur den Menschen, sondern auch die Natur entdeckt habe. Das Verhältnis der Renaissancemenschen zur Natur war ein segnendes, sie lernten bei der Natur und ahmten ihre äußeren Formen nach; sie stellten den Kampf gegen die Sündhaftigkeit der Natur ein, den die Menschen des Mittelalters geführt hatten. Dieses Renaissanceverhältnis zur Natur war in seiner ersten Periode begleitet von einer Berauschung an den Naturformen und von der Freude am Naturleben. Aber die Seele der Natur offenbarte sich den Renaissancemenschen nicht in ihrer ganzen Tiefe, denn in der Renaissance erhob sich nicht der geistige Mensch, dem allein das innere Wesen der Natur sich offenbaren kann, sondern der natürliche, nur der Oberfläche des Naturlebens zugewandte Mensch. Nur wenige Mystiker und Theosophen der Renaissance-Epoche drangen tiefer in die Natur ein. In der Renaissance nahm nicht nur das künstlerische, sondern auch das wissenschaftlich erkennende Verhältnis zur Natur seinen Anfang. Darin bestand die ungeheure Bedeutung der Epoche. Hier begann der historische Triumph der Wissenschaft von der Natur, der die großen technischen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts vorbereitete und zur Herrschaft der Maschine über das menschliche Leben führte. So erwies sich das historische Ende der Renaissance als ihrem Anfang nicht entsprechend. Das ursprünglich freudige Verhältnis zur Natur verwandelte sich in das Bewußtsein der Unvermeidlichkeit eines harten Kampfes mit ihr durch die Mechanisierung des Lebens. Unsere Epoche ahmt bereits nicht mehr die Naturformen nach, sie sucht in ihnen nicht nach Quellen der Vollkommenheit wie die Renaissance-Epoche, sie führt einen Kampf gegen die Natur, sie ist ihr innerlich entfremdet, die Natur wird von ihr als toter Mechanismus empfunden, und sie stellt zwischen den Menschen und die Natur die Maschine. Das Natur Verhältnis des modernen zivilisierten Menschen ist das Ende der Renaissance. Die innere Dialektik des Renaissance-Verhältnisses zur Natur führt zur Selbstnegierung dieses Verhältnisses. Das Ende der Renaissance tötet die Natur ebenso, wie es den Menschen tötet. Das ist die immanente Tragödie der neueren Geschichte, 228

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