Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesetzes wird. Der soziologische Bereich, der der lutherischen Predigt zugeordnet war, damit sich die reine Innerlichkeit auswirken könne: das Haus, der Beruf, das Handwerk, das Gewerbe, das Amt verlieren ihren freien Charakter. Uberall müssen wir zusammen arbeiten, ganz gleich, ob wir das nun „Kommissionen" nennen oder „Arbeitsgemeinschaften", oder wie sonst. Die ganzen heutigen Verhältnisse bringen das mit. Uberall reiben sich die Menschen untereinander. Von einem freien Beruf ist nicht mehr die Rede. Das Reich der Persönlichkeit ist zu Ende. Es ist eben kein Platz mehr dafür da. Vergleichen wir die Vorgänge in der Staatswelt, so beobachten wir da die erste Gegen Wirkung: alles belastet das Individuum, so sucht es jetzt auf der Staatsseite so viel Freiheit wie nur möglich. Der Heide in uns, der naturalistische Mensch, der Nicht-Christ begnügt sich mit dieser Ausgleichung zwischen „Volksstaat" und Zwangswirtschaft. Der Staat soll „frei" werden, die Obrigkeit wird mit Watte umwickelt. Dafür kann man die Zwangsarbeit auf der anderen Seite leichter vertragen. Das ist eine kurzartige und verführerische Austauschbewegung. Als ob der Staat je „frei" werden könnte. Die lutherische Tafel läßt sich nicht durch Abtausch von rechts und links erledigen. Damit wäre das Evangelium preisgegeben, die Theologie abgedankt. Befänden wir uns nur in der Spannung Staat und Gesellschaft, dann müßten wir in die Politik gehen, dann ist das unser Reich, dann haben wir kein Problem der Arbeit als Christ. Heute tobt im weitesten Umfang der Kampf allein auf dieser Fläche des Vordergrundes. Die einen wollen Gesetz hier und dort Freiheit, die andern denken umgekehrt. Die Rechten in Deutschland, die die alte Tradition hüten, sagen: Ihr habt noch ein freies Reich in eurem Beruf, was wollt ihr mehr? Der Staat bleibe Machtordnung. Die andern aber sagen: Dort muß aller Zwang verschwinden, denn der Zwang hier ist schon schlimm genug. Nun aber wurzelt doch die lutherische Predigt in einem ganz anderen reichen Feld. Sie ist doch erwachsen als Reinigungspredigt, als Läuterung der Kirche innerhalb der Kirche. Die zeitlichen Werte Staat und Wirtschaft sind nur Ausdruck für Tieferes. Will man die lutherischen Prägungen wirklich lebendig machen, so genügt nicht ihr Adabsurdumführen. Man muß sie einbetten in ihre Vergangenheit, ihre Voraussetzungen. Dort muß auch die Voraussetzung unserer Lage zu finden sein. Nun ist aus der 166