Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
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leiblicher Freundschaft änderte geistig die Zeit. Das ist ja keine Mode, das ist ein Seelen-Ausschrei: dies Entzücken der Renaissance an der Schönheit des Freunds; dies Über-alles-Stellen des Entzückens der Freundschaft! Aber mit nichten ist nun des Schmetterlings Flug im Widerspiel zur Raupe zurückgekehrt, und die antike Freundschaft in Christenheit eingebrochen. Die Schleusentore der Flut halten das Errungene fest: Luther und Shakespeare das rein betende Wort. Luther, der, Mönch, die Nonne heiratete, ist's, der das Wort des Gesetzes den Mönch-Priestern entriß und als Evangelium den Laien hingab. Shakespeare, der Laie, der Freundes Schönheit anbetet, antastet sie nicht, sondern schenkt sie ins Dichtwort. Sie widerstehen dem schwärmerischen Zug, Freundschaft und Liebe wieder zu mischen. Kein größerer Feind wider sinnlichende Mystik als Luther. Kein größerer Feind von Freunds Hätschelei als Shakespeare. Jeder von beiden kennt rein sein Thema. Luther hebt Weibs-Liebe ins Glaubens-Wort, anbetend die Schöpfer- Gnade, die auch Fleisch-Liebe darreicht. Shakespeare anbetend vor dem Freund als Geschöpf, dessen Fleisch er bedichtend in Wort-Leib umwandelt. Das Gesetz freilich haben beide geopfert; ihr Evangelium auch ist einseitig nur; sie auf ihrer Linie auch haben verfehlt, was die Priester- Mönche auf ihrer andern: diese, sich geistig in Allgemeinheit verlierend; jene, über Individual-Gnade nie Allgemeinheit erreichend. Und so bricht Priestertum mit ihnen ab. Mönch-Priestertum. Mönchische Freundschaft wird sauer in Welt. Welt will auch ihren Leib geliebt haben; in jener Liebe, die nicht nur Tat, die auch Wort, und die im Wort Fleisch hebt über Fleisch durch die Freundschaft. Kirche wird geistiger Schatten d © nur der hellen Erd-Liebe. Aber deren undurchschattete Helle tut weh; von Gemeinschaft des Ringens um Regel ungehemmt austlutend verflacht sie in Farblosigkeit, verbrennt sie die Erde. Den Völkern ist die Erziehung genommen: Obere sind nicht Schicht, nicht Bund mehr; Wort-Führen gilt zuständig jetzt Allen und Keinem oder Befehligern des Worts. Wer am neuen, obernden, Wort nun noch arbeitet, steht seelen-einsam wie der Mönch der Thebais, eh Regel-Suche diesen in Freundschaft einband. Derweil die Welt wird immer weniger Kirche und immer mehr Staat der Gewalttätigkeit. 213