Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 118)
- Language
- German
- Belongs to
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KARL NÖTZEL DIE VERWIRKLICHUNG DES MENSCHEN IM RUSSEN 1 Eines wurde mir vor allem klar am russischen Menschen, als ich ihn fast ein Menschenalter hindurch täglich um mich hatte in seiner ursprünglichen Verwirklichung: als Bauer, der Fabrikarbeit verrichtete — und er mir immer wieder wie ein Wunder vorkam, wie ein Rätsel, das dabei gar kein Rätsel sein will, und vor dem eigentlich wir andern uns selber zum Rätsel werden. Eines wurde mir dabei vor allem klar: schon ein innerliches Abweichen von dem Leben in seiner Fülle bedeutet Frevel, Gottlosigkeit — den Sündenfall des Menschen. Blitzartig hellte sich mir der ganz große Zusammenhang auf in allem, was mir jemals als wesentlich eigenartig erschienen war in der Lebensauswirkung des einfachen Russen und in der großen russischen Leistung (und schon dadurch erweist sie sich als gestaltete und weiterwirkende Wesensdeutung des russischen Menschen) — als ich bei einem der morgenländischen Kirchenväter das erstaunliche Wort las: Die Fleischwerdung des Wortes44, bedeute die Erlösung der Menschheit von dem abstrakten Gedanken! Ihm in allen seinen Erscheinungsformen gilt ja der ursprüngliche innere Widerspruch des russischen Menschen. Schon gegen die geistige Haltung, aus der heraus der Gedanke aus dem vollen Erlebnis losgerissen wird, wehrt sich der russische Mensch. Das heißt: er läßt sie sich gar nicht aufzwingen. Er bleibt anders, er bleibt wie er ist. Anders wehrt er sich ja überhaupt nicht. Seit Jahrhunderten wird ununterbrochen herumgeformt an ihm, soll er so werden wie seine ungerufenen Erlöser — und ihrer ist fast Legion — ihn haben wollen. Er aber bleibt wie er ist. Man kann ihn darum nicht unverbesserlich nennen. Er fußt ja auf dem, was gar nicht zu verbessern, was nur einfach hinzunehmen ist und alles in sich schließt, was dem Menschen offen steht. Wo immer er weilen mag, fühlt sich der russische Mensch als der Mensch; was auch von außen her an ihn herantritt, und mag es unmittelbarer Daseinsgefährdung gleichkommen, nimmt er überhaupt nur so weit an, als es allen Menschen zukommen sollte oder keinem Menschen geboten werden dürfte. Was sonst noch am eigenen Schicksal 118