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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 107

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 107)
Language
German
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Da war also etwas geschehen, sichtbar und wirksam geschehen. L nd stand über aller Häuptern bereits als Vergangenheit. Aber man hielt es in der Schwebe, so als ob es erst Zukunft sei. Der 9. November hatte alle überrascht. Nun fuhren alle in die Kleider. Und man möchte die fünf Jahre als die Ankleidezeit ansprechen, während der wir die veränderten Kleider, geflickte oder neugefertigte, angelegt haben, in denen wir gern am Jüngsten Tage gesehen zu werden wünschten. Sicher waren da Tausende, die auch da nur Kleider zur Schau getragen haben, ohne es ernst zu meinen. Aber sie beweisen ganz dasselbe wie die Ernsthaften und Redlichen. Die Leichten und die Schweren fuhren bestürzt in die Kleider, und zwar in andersartige Kleider, um gerüstet zu sein für den Schrecken der neuen Lage und der Gestalt ihres künftigen Lebens. 1923 war diese Geisterstunde zu Ende. Fassung und Haltung wurden die Schlagworte des Tages. Die neue Sachlichkeit richtete sieh nun auf. Dort, wo der Schlag Eins uns, einen jeden, überrascht hatte, da standen wir nun wie angewurzelt. Die Gnadenfrist des Nachholens war damit zu Ende. Jetzt mußte der ganze Mensch, mit allen seinen Elementen, aus allen seinen hundert Teilen gemischt, alt und neu in einem so wie er nun eben ivar. wegfertig sein. Die Schaffenskraft, die uns neu entworfen und umgesehallen hatte, trat zurück in unbewegliches Schweigen. Sc wie wir unter ihrer Hand geworden waren, mußten wir nun anheben zu wirken. Diese Verhärtung und Versteifung der Lage seit 1923/21 ist ja uns allen gegenwärtig. Mir liegt daher nicht an einem Ausmalen dieser Lage, sondern nur das \ erhältnis zur Zeit gilt es hervorzuheben. Um in den nun — durch Hindenburgs Präsidentschaft äußerlieh markiert - anhebenden Jahren zu bestehen, mußte man nämlich eine -eltsame Handlung begehen: man mußte vieles von dem, was man gewußt hatte über den Sinn der Zeit und die Wahrheit der Lage, geradezu vergessen. Dort, wo man im Augenblick der Deflation stand, mußte man sich in Reih und Glied stellen. Man mußte eine schon erlangte höhere Forin des Wissens und des Zusammenlebens dahingehen und noch einmal die „reale", d. h. die alte Ordnung buchstabieren und bestätigen, nur um sich überhaupt erst einmal wieder zu verständigen. Hatte man während der Inflation sich mit Seinesgleichen über der Erde 107

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