Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
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einer Wirklichkeits-Untersuchung - nicht umsonst sprechen wir im Bilde des Arztes! - so wenig Sinn hat, wie überhaupt der Gegensatz Egoismus- Altruismus: die Zelle lebt kraft ihrer Funktion für den Gesamtleib auch in sich. Egoismus würde man dann auch dem Gesamtleib zusprechen müssen, der Gesellschaft. Aber was heißt das? Gegen wen? Gegen ihre Glieder und Zellen? Willentlich nicht! Sie will sich nicht selbst verzehren, sondern die Natur! Die Außenwelt, deren Güter sie in sich ziehen will. Hier trifft der Arzt die erste Entartungserscheinung, und zwar eine solche, daß sie in das Geheimnis der ganzen Erkrankung hereinführt. Mit dem Blick, der im Unähnlichen das Gleiche erkennt, sieht er jetzt auch in den nicht sozialistisch entzündeten Hornschichten, im zufriedenen Pflichttun des bürgerlichen Besitzes, dieselbe Verkehrung des Verhältnisses zur Natur: die Doppelaufgabe, sie einzunehmen und abzustoßen, ja auch nur abzuwehren, verfehlt in eine zu einseitige Uber-Einnahme. Wie der Säufer Flüssigkeit in den Schwamm seines Leibes einsaugen muß. mehr als der Leib gebraucht und bewältigen kann, und damit seine inneren Organe aufschwellt, so hat unsere Zeit ihre Arbeit und Arbeitsmassen aufgeschwellt durch ein Übermaß der Ansaugung von Natur. Die Klage des Arbeiters, ausgenutzt zu sein, ist schon seinem eigenen Bewußtsein nicht ganz wahr. Den ungeheuren Prozeß der Ausnutzung der Natur, der seit dem letzten Maschinen-Jahrhundert Güterwirtschaft. Bevölkerungsmenge und Gesellschaftsturmbau in rasendem Tempo hat anwachsen lassen, bewundert auch der Arbeiter als Hoehstand von Kultur. Auch wenn schon er selbst weniger arbeiten möchte und bei der Verteilung der Güter reichlicher bedacht sein, wünscht er keineswegs da- Riesenschwungrad dieser Naturbewirtschaftung abzustellen, sondern träumt von technisch noch viel gesteigerter Ausnutzung der Natur, von od immer weiterer, immer besserer Erzeugung von Gütern. Jede \skese gegen die Natur ist abhanden gekommen; Natur tlößt dem Menschen gänzlich keine Ehrfurcht mehr ein, außer jener unechten ästhetischen (künstlerischen, künstlichen), die vor der Ansaugegier nicht standhält: in der der Mensch jeweils, wenn er sich satt gespeist hat an Natur, sich noch scheinbar uneigennützig labt an Duft und Farbe der Speist*. Vber wenn er könnte, würde er die Sonne sich zum Gasofen tunrichten! Die ihm einstmals ein Gott war! Seine Zugreiflichkeit kennt keine Distanz. Der Mangel an geschlechtlicher Askese, die jedermann auffallende Zu- 91