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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 84)
Language
German
Belongs to
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Das entscheidende Kennzeichen für alle diese Zugehörigen einer heimlichen Gruppe innerhalb der Organisation ist immer, daß sie niemals das Mittel der mechanischen Gegenaktion anwenden, wenn sie einen Menschen vor sich haben, und daß ihr Haß nicht mehr die Dauerform der Entrüstung annehmen kann. Insofern sie sich heimlich ihrer Gruppe zugehörig fühlen, haben sie eben die nötige Bindekraft, Liebeskraft übrig, um ihren Gegner immer noch menschlich ehren zu können. Feindeshaß und Feindesliebe gehören zusammen, um die kalte Sachlichkeit der Gegenaktion und die Entrüstung von Seiten der Organisationsmaschinerie zu überwinden. Da ja der Gruppenzugehörige seinen Haß zu verdichten gelernt hat, um recht lange Stellen seines Lebens haßfrei zubringen zu können, kann er eben auch sehr leicht seinen Haß vergessen. Er kann es fertigbringen - was ein Organisierter niemals für möglich, ja sogar einfach für Verstellung hält - einen Menschen, den er vor einiger Zeit noch gehaßt hat, wirklich voll und ganz als Menschenbruder zu lieben. Leicht kann er seinen Haß vergessen, so völlig vergessen, als wäre er niemals aufgeflammt. So ist das erhabene Beispiel Christi zu deuten, der dieselben Feinde, um sich ihrer zu erwehren und sein Werk der Weltwende nicht zerstören zu lassen, in flammendem Haß aus dem Tempel heraustrieb und doch dieselben vom Kreuz herab der Gnade Gottes empfahl. Das widerspricht sich nicht. Christus haßt seine Feinde nur, soweit sie als Vertreter stumpfer Gegenaktion auftreten. Christus liebt seine Feinde, wo „sie nicht wissen, was sie tun44. In diesem Sinne hat er die paradoxe Lehre ausgesprochen, die Forderungen an sich und seine Freunde gestellt: Liebet eure Feinde! Wo das an der Zeit ist und dann gekonnt wird, da ist in der Tat die Feindschaft als stumpfe Gegenaktion wie die Feindschaft aus andauernd sich entrüstendem Haß endgültig entkräftet. Der Haß ist die Liebe aufgegangen und verflüchtigt. Die weltverwandelnde Kraft dieser Lehre ist noch nicht erprobt worden auf große Strecken der Geschichte hin, weil durch den Satz von der Feindesliebe verdeckt wurde, wie man allein dazu kommen kann, die Feinde zu lieben. Daß der Mensch durch den Haß hindurch muß und erst, wenn es an der Zeit ist und er dann noch stark genug dazu ist, sein Haß in Liebe verwandelt wird, diese Paradoxie wurde vergessen. So erwies sich die ethische Forderung der Feindesliebe schlechthin als unmögliche 84

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