Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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Beweglichkeit entscheidend gelähmt und kommt für die geistige Gesamtentwicklung nicht mehr in Betracht. Seine geistige Tat wird nur noch ausgespielt gegen eine gegnerische Tat von ungefähr gleicher geistiger Stärke und nichts kommt vom Fleck. Auch wenn er es seihst gar nicht mehr will, wird er weiter als Stein in dem Brettspiel der Organisierten hin und her geschoben und wenn er nicht mehr brauchbar erscheint, einfach ausgespielt und fallen gelassen. Das ist das Schicksal v ieler geistiger Führer in Wissenschaft und Kunst, in Wirtschaft und Erziehung. Zuerst waren sie noch selbständig und taten alles au> der Kraft ihrer eigenen Entwicklung und der geistigen Gemeinschaft mit ihrer Freundesgruppe. Dann aber, um der wachsenden Feindschaft wirk-amer zu begegnen, mußten sie sich bestehenden Organisationen angliedern und schließlich vergaßen sie, daß ihnen doch das ursprünglich gar nicht so ernst war. So werden sie merklich von der Organisationsmaschinerie erfaßt. Zwar werden sie von der Masse der Organisierten nicht mehr gehaßt. Sie bekommen gewissermaßen ihren Platz angew iesen in dem w ohlorganisierten Kampf der Parteien. Doch werden sie von ihrem eigentlichen Ziel endgültig abgelenkt, dem Ziel, das da heißt: Feindschaft. Todfeindschaft gegen das „Hier" und ,„Da" all dieser organisierten Feindschaften. Denn gerade diese Organisierung der Feindsvhaft, diese Konzernbildung der Entrüstung, zerstört ja das Wachstum des Volkes, ist die eigentliche geistige Gefahr der Gegenwart: Dauerzustand geistiger Spaltung, Geisteskrankheit des Volkes. Dagegen müssen sich zur Wehr setzen alle, die aus ihrem Gruppenzusammenhang zur lebendigen Einheit streben. ( her Parteilichkeit ist hier die große Forderung, die gegenwärtig zwingend ist wie nie zuvor. Allein darum werden heute auch die Beispiele der geistigen Vorzeit wiederleuchtender. Wie nämlich große Männer des wahren geistigen Fortgangs stets unablenkbar geblieben sind, unberührbar und unv erführbar durch die Gunst oder Drohung d^r Masse von rechts oder links, wie sie die scheinbar günstigsten Positionen zur Popularität"* gerade ungenützt ließen, darin liegt die beispielhafte Unerschöpflichkeit und die fortzeugende Bedeutung ihres geistigen Wesens. Das ist uns \ orbild. Wie Goethe etwa während der Befreiungskriege seine übernationale Haltung p n o bewahrte, dieselbe Haltung, die ihn ein Menschenalter vorher auch die Bedeutung der französischen Revolution nicht einen Vugenblick hat