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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 65)
Language
German
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Wenn er noch auf jemand anderen hört; wenn er dann noch jemand hat, der ihm anhört und auf den er hört, dann ist ihm noch zu helfen. Einer, ein einziger genügt im gefährüchen Augenblick schon. Das Lnglück ist meist, daß grade im entscheidenden Augenblick dieser Eint1 nicht zu finden ist. Auf jemand hören und jemand haben, mit dem man sich aussprechen kann, ist die Weise, auf die man Volksgenosse wird und bleibt. Deshalb ist ein Riesenapparat aufgestellt, um jedem im \ olke möglichst viele Mitwisser und Zusprecher zu sichern. Unsere Verfassung gibt allen Kindern das Recht auf die Volksschule. Das ist der erste \\ eg in die Volksgenossenschaft. Denn lesen und schreiben können heißt ja nichts anders, als sich vernehmlich machen können und als hören, was andere sagen oder gesagt haben. Das Kind ist begeistert von diesem Weg zu den anderen Menschen. Die vielen Bucher, von der Fibel und von der Bibel angefangen, verbinden das Kind mit allen, die je gesprochen. Wer hat uns nicht irgend etwas Wichtiges zu sagen! L nd wir haben die Zeitungen zum Lesen. Freilich: wir gehen nicht mehr gern in die Schule, wenn wir erwachsen sind. Und weil wir das nicht tun, deshalb haben wir zu wenig Volksgenossame. Die Reichsverfassung stellt deshalb schon neben die Volksschule der Kinder die Einrichtung der Volksbildung; damit sind gemeint die Volkshochschulen in den Städten, die Ferienheime auf dem Lande. Die Verfassung bekennt sich zu diesen Namen, weil damit etwas Unentbehrliches bezeichnet wird: Hörstätten, Hörplätze und Sprechstunden und Sprechwochen für die erwachsenen .Mitglieder des Volkes. Noch sind diese Freiwochen und Freizeiten dünn gesät. Aber nehmen wir einmal an, die Verfassung hielte, was sie verspricht. Und überall gäbe es die Schulen für Kinder und die Heime für Erwachsene. Dann wäre noch nichts geschallt, wenn wir nicht auch hineingingen! Viel öfter noch, als wir wissen, versäumen wir an einer Tür anzuklopfen. Sie würde aufs;etan; nur muß man zu rechter Zeit fragen, muß auzuo ~ r? klopfen und zu lesen wissen. An der Volksgenossenschaft weben wir täglich selber oder wir trennen selber das Gewebe auf. In ihr suchen wir freiwillig zueinander zu kommen. Niemand hat ein Recht zu klagen, ehe er nicht sich ein Herz gefaßt hat und versucht hat, vor die Schmiede zu kommen, die für sein Glück die rechte Schmiede ist. Ja, es ist unter uns geradezu eine Sucht so zu klagen, daß es niemand hört, der helfen kann. Wir lieben die erbärmliche Luft des Klatschens. Stöhnen^, Neideus, 65

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