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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 63)
Language
German
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kasse gibt ihm Almosen. Aber wie auf der Kohlenschütte, von der ich eben sprach, der Einzelne geworfelt wird und kann nichts dazu, so wechselt die wirtschaftliche Konjunktur. Die Volkswirtschaft braucht Menschenreserven. Sie ist darauf angewiesen, daß bald hier, bald dort Hände feiern. Sie ist gleich einer Ziehharmonika von wechselnder Ausdehnung und faßt selten alle Arbeitskräfte; trotzdem braucht sie Arbeiterreserven, um sich bei gutem Glück erweitern zu können. Wir in Deutschland haben zu viel Arbeitskräfte. Unser Land gibt nicht ohne weitres genug her, uns alle zu ernähren. Deutschlands Volkswirtschaft ist von Gunst und Ungunst der Welt draußen abhängig. Um so weniger kann der Einzelne diese ganze Last allein tragen. Sie wissen, daß der Arbeitslose stempeln geht. Das hat etwas zu bedeuten. Ja, es hat so viel zu bedeuten, daß es mich immer ärgert, wenn die Männer über das Stempeln faule Witze reißen. Das ist unwürdig. Es steckt etwas Großes in der Sache. Die Arbeitslosenversicherung bedeutet die Einreihung der Arbeitslosen als Reserve in die Armee der Arbeit. Auch du bist Kumpel, auch du bist Arbeitskamerad, obwohl du im Augenblick auf der Straße liegst. Du bist nicht allein, auch nicht allein schuld. Sondern im Rahmen des ganzen Heeres ist dir dein Los gefallen. Schicksalsgemeinschaft der Volkswirtschaft wird durch die Arbeitslosenversicherung anerkannt. Von dieser Anerkennung aus läßt sich eine Volkswirtschaft aufbauen. Seitdem wir sie haben, können wir also daran gehen, die Volkswirtschaft zu vervollkommnen und zu verbessern. Daß wir zusammen wirtschaften müssen, steht nun schon fest. Wenn die Kohlenschütte einmal dich zu der Schlacke sortiert hat, so wirst du doch nicht auf die Halde gestürzt, um ein für allemal liegen zu bleiben. Nein, wir werden immer neu sortiert, solange, bis jeder seine Kraft zu brennen, zu wärmen und zu leuchten, sein Stückchen Kohlenenergie hineinfahren kann in die Gesellschaft. Der Mensch fängt oft und oft von vorne an. Der Arbeitsmarkt ist doch etwas anderes als die trostlose Kohlenschütte. Sie kennt nur einen Versuch. Bei der Arbeit aber ist kein Versuch der letzte. Nach Wirtschaft schreit heute alles. Soviel läßt sich schon sagen, daß die Wirtschaft, die herauf zieht, nämlich die V olkswirtschaft, anders aussehen wird, als die Wirtschaftskämpfer sich sie bisher träumen ließen. Volkswirtschaft steht im Gegensatz zur bloßen Wirtschaft, dadurch, daß sie vom Einsatz des ganzen Arbeitsheeres in den Kampf ums Dasein 63

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