Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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und menschlichen Tugenden, aber in ethischer Hinsicht leer und ohne Wirklichkeit. Wahrheit, Schönheit, Tugend haben lediglich formale, technische Bedeutung für diese humanistische Welt selber, aber nicht über sie hinaus. Diese ganze Welt steht für sich da, losgelöst und beziehungslos, neben der Welt der Wirklichkeit. Sie hat die ganze Fülle des Lebens und ist doch nur ein Traum, eine Einbildung, wie umgekehrt die Gegenwart zwar wirklich, aber völlig entleert ist. Sobald wir die humanistische Welt ernst nehmen, ihr eine Bedeutung für jene andere Welt beimessen, sobald wrir das, was irgendein Satz als Wahrheit sagt, als Wirklichkeit nehmen, sobald wir meinen, in dieser Welt einen Standpunkt einnehmen zu können, haben wir ihre Grenze überschritten. Denn nicht innerhalb dieser Welt, sondern außen ist die Wirklichkeit. Die entscheidende kritische Frage, die zum Schluß noch zu stellen ist, nachdem im Verlauf der Darstellung schon verschiedene Bedenken angedeutet wurden, ist die nach der Möglichkeit der kritischen Selbstbesinnung. Wenn die Spaltung der humanistischen Welt und der ethischen Wirklichkeit restlos durchgeführt wird, so wird damit die kritische Selbstbesinnung unmöglich, da das satanische Selbst sich nicht selber in Frage stellen kann. Das grenzenlose Selbst widerstrebt der Begrenzung durch den von außen kommenden Anspruch. Seine Bosheit, die sein Wesen ist, besteht eben darin, daß es den andern als den Träger des Anspruchs zu vernichten strebt. Wenn Grisebach glaubt als „Mindestmaß der Tugend, das ohne Uberschätzung den Menschen zugemutet werden darf", ..kritische Besinnung und Redlichkeit44 voraussetzen zu können, so widerspricht er damit schon dem logischen Urteil, daß der Mensch böse ist. Entweder gehören diese Tugenden der humanistischen Welt an und sind in ethischer Hinsicht unzulänglich oder sie bilden die Brücke über den Abgrund, dann macht dieses Minimum schon die ganze Spaltung der Sphären hinfällig. Dieser innere W iderspruch haftet der ganzen kritischen Untersuchung Grisebachs an, nicht weil sie von Grisebach nachlässig durchgeführt wäre, sondern weil sie praktisch überhaupt nicht durchgeführt werden kann. Dem beziehungslosen Nebeneinander von humanistischer Welt und Wirklichkeit entsprechend stehen auch Kritik und Erfahrung (im besonderen Sinne Grisebachs) beziehungslos nebeneinander. Die Kritik ist auf dem Felde der humanistischen Welt die Vorbereitung auf die Er- 48