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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 70)
Language
German
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darf, wie ich zugegeben habe, daß die Liebe trotz aller Einwände sie zu schließen suchen muß. Ich aber habe als Glaubensaufgabe, die Heilung auf der Oberfläche, die einstweilen statthaben muß, nicht den Eiterherd in der Tiefe vergessen zu lassen. Unsere Zeit hat keinen Glauben an Gott; was einzelne Gläubige dran haben, ist ohne Einfluß. Auch sehen wir nicht, wie solch neuer Glaube entstehen sollte. Entstünde keiner, so sähen wir unseren Sterbens-Prozeß und alle Liebe könnte ihn nur überkleistern. Aber mit dem furchtbaren Ernst dieser Möglichkeit rechnend heißt es wie ein gewissenhafter Arzt die anderen Möglichkeiten sorgsam erspähn. Wenn es selbst ein Sterben ist, ist's eines des ganzen Baums? oder nur unseres Astes? eines kleinen Zweiges? Und wenn es der ganze Baum, kann nicht neben ihm bereits aus seiner Frucht ein junges Bäumchen ersprießen? Kann es nicht vielleicht bloß Winter sein und der scheinbare Tod nur ein Schlaf? Und der Möglichkeiten gibt es noch mehre. Und hinter ihnen allen steht unser eigenes Leben; die Tatsache, daß wir von Tag su Tag vertraun; die ja Verstumpfung sein kann, aber auch Gesundheit. Nur daß freilich das Vertrauen auf uns selbst uns zwar hält, aber nicht fördert, die Lebensgemeinschaft nicht schafft. Hier lassen Sie mich diesen langen Brief abbrechen. „Glaube, Liebe und Arbeitsamkeit" könnte ich ihn betiteln. Vom Glauben freilich habe ich nur seine Kraft innerhalb des Lebens, des tätigen Lebens, ausgesprochen; die andere Seite: seine Kraft, auch den Tod zu überwinden und in ein Leben der Transzendenz umzuwirken, hat in dieser Abhandlung keine Statt. Und von der Liebe gar habe ich fast nichts gesagt. Aber - vielleicht daß Sie es tun. Noch ausführlicher, als in dem Buch. In vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr ergebenster Florens Christian Rang. 70

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