Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachbarin grüßte ihn und bat ihn um irgendeine Hilfe. Dabei kam er in den Schuppen der Nachbarin und fand sogleich das zu seiner Arbeit notwendige Stück Holz. „Sie haben gute Augen", sagte ich ihm. „Ach nein," erwiderte er, „das Ding wartete schon auf mich und fiel mir ordentlich in die Arme." Solche Erfahrungen habe ich freilich meist nur dort gesammelt, wo die Bedürfnisse der Menschen noch anspruchslos sind und sich auf die Hebung der nächsten Not beschränken. Uber die Not hinaus scheinen die Beistände keinen eigentlichen Auftrag zu haben. Sie helfen auch da noch oft, aber gewissermaßen nicht amtlich, sondern aus Freundschaft. Und auch auf Herzensnot nehmen sie Rücksicht. Dort wo die Ansprüche der Menschen weiter gehen, stellen sich die Beistände seltener ein. Ich wollte mir zuerst ein ganz einfaches, kleines Holzhaus bauen lassen, ohne jeden „städtischen Komfort". Aber da protestierten zunächst meine schon vorhandenen Besitztümer; sie wollten doch bei mir bleiben und mußten Platz haben in dem neuen Hause, die vielen Bücher, die großen Bilder; es protestierten tausend Bequemlichkeiten, die ich mir im Laufe der Jahre hatte angewöhnen lassen; es protestierte die liebe Frau, die mein Haus und mich pflegen wollte; man müsse sich die Hilfe der modernen Technik möglichst zunutze machen, damit nicht das ganze Leben in der Hausarbeit versinke, sondern auch an dem geistigen Gute teilzunehmen Zeit habe; es kamen die Lieferanten und redeten mir alle möglichen Anschaffungen und Einrichtungen auf. Ach, was habe ich jetzt für Rohrleitungen, Hähne, Schalter, Steckdosen, Motore, Pumpen, Drähte - ganze Kilometer - im Haus! Das Grüpplein naher Beistände reicht bei weitem nicht aus, alles in Ordnung zu halten. Wehe, wenn etwas versagt. Da ist man, wie man sagt, „einfach aufgeschmissen", und keine Spur vom Herrnsein auf der Erde. Alle jene Einrichtungen sind auch Beistände, aber keine unbedingt treuen. Nur wenn sie funktionieren. Wer sich mit ihnen einläßt, ist von ihrer Gnade abhängig, ist nicht ihr Herr, sondern der Elektrotechniker, der Pumpenbauer, der Handwerker in der Stadt - eine Stunde weit weg — das sind ihre Herren, denen müssen sie gehorchen oder müssen sich durch andere ersetzen lassen, wenn sie gar nicht funktionieren wollen. Oder wollen sie mich zwingen, außer Theologie noch Elektrotechnik und Maschinenbau zu treiben, damit ich auch ihrer Herr werde? Ganz anderer Art als diese Sorte von Beiständen, gegen die ich noch ein lebhaftes Mißtrauen haben muß - sie sind gar nichts andres als dienst- 28