Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSEPH WITTIG AUS MEINER LETZTEN SCHULKLASSE Als ich den ersten Tag in die Schule ging, habe ich weinen müssen; in dem großen Gewudel von Müttern und Kindern, Lehrern und Schulklassen, Treppen und Türen, Hoffnungen und Befürchtungen war mir meine Mütze verloren gegangen, die einzige Behauptung, die ich damals hatte; und ich wußte noch nicht, daß es zu jedem rechten Schulgang gehöre, eine Behauptung zu verlieren; darum mußte ich weinen. Ich wußte auch noch nicht, daß das Weinen zum Leben gehört, nicht bloß wie ein Druschina zur Hochzeit, sondern eher wie eine Mutter zum Kinde; darum war es mir so bitterlich. Seitdem war es immer so, daß ich, wenn ich mich einmal nicht behaupten konnte, schon in einer neuen Schule angemeldet war. Ich hatte mich sehr nach der Schule gesehnt, so wie sich einer, der auf das Mittagessen und den Zw ölfuhrschlag w artet, nach dem Elfuhrschlag sehnt. Es ging schnell durch die acht Klassen der Elementarschule, durch Gymnasium und Universität. Aber während meine Schulgenossen immer dringlicher danach verlangten,endlich aus der Schule insLeben hinauszukommen, nistete sich in meinem Herzen die bange Furcht ein, das Leben hinter der Schule könnte am Ende sein wie der Tod, eine lange Weile im Gelernten, kein neues Lernen mehr, kein Aufstieg, keine Hoffnung. In einer der letzten Schulen, die ich durchmachen mußte, verlor ich auch diese Behauptung. Ich muß noch einmal davon reden, daß der schönste Tag meines ersten Schuljahres jener gebenedeite Tag war, an dem der Lehrer Knebel zu reden anfing: ,,Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde", und als er uns durch alle sechs Tage der Schöpfung führte. Wir wußten noch gar nicht, was Schaffen ist, aber w ir sahen etwas, das mußte Schaffen sein; es war etwas ganz Wunderreiches. Himmel - ach ja, dieses Wort hatten die Eltern und die Nachbarn schon manchmal gebraucht; hatten dorthin gewiesen, wo Sonne, Mond und Sterne und Wolken zu sehen waren. Und Erde, das waren für uns die Ackerkrumen und eben noch der Boden, auf dem das Dorf und die Stadt und die Berge standen. Aber jetzt wurde der Himmel und die Erde geschaffen, zwei ganz neue Dinge. Und sie waren erfüllt von Lieht und Seligkeit; der ganze Klassenraum auch. Und es wurden erschallen das blaue Firmament und die Länder und die Meere. Und alles, was der Lehrer nur nennen konnte, alles wurde vor uns geschaffen und es war da. Es war nicht nur ein Tag. Wenn die vielen Jahre meiner Schulzeit und