Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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Es kann vieles Lehre heißen und ist doch nicht so bescheiden-mehraltrig wie diese. Denn nur der Lehrer, der dem Führerspielen entschlossen entsagt, kann über sich hinaus- oder an sich vorbeiweisen. Man muß dem Lehrstand beides anmerken, das Entsagen wie das An-sich-vorbei-Weisen, wenn ein lebenshungriges Geschlecht seinen Lauf abbiegen soll, um aufsein einähriges, natürliches Leben die Unnatur der mehraltrigen Weisheit wirken zu lassen. Ungern setzt sich Leben der Weisheit des Uberlebenden aus. Jede Generation reizt es, schlechthin zu genießen, schlechthin sich zu entwickeln, schlechthin fortzuschreiten, schlechthin zu wachsen und wie man so verführerisch sagt, die schöpferischen Kräfte zu entfesseln. In den Abgrund der Zeit stürzt trunken jedes Geschlecht: auch des Lehrers Stand und Beruf und Geschlecht selber kann in diese Versuchung geraten - und dies scheint mir die seltsamste Verführung der Gegenwart, wörtlich Ver-Führung, falsche Führung, Irre-Führung, daß Lehrer meinen, sie müßten führen; Hochschullehrer, sie müßten mit den Inhalten ihrer Lehre zeitgemäß sein. Nicht die Inhalte, nicht die Wahrheit kann zeitgemäß sein, sondern Form und Frage, Lehrauftrag und Problem gibt das Zeitalter der Lehre. Aber der Inhalt und die Antwort, Lernbefehl und Nachweis sind zeitentrückt. Indessen gilt dies alles nur, wenn Lehre kein bloßer Stoff, keine bloße Materie ist und auf der anderen Seite auch nicht zusammenfällt mit theoretischer Forschung und Erforschung des Weltalls und der Weltkugel. Die Art, in der wir hier das Wort Lehre verwenden müssen, verbietet, Lehre mit Wissenschaft und mit Forschung im Sinne der Neuzeit einfach gleichzusetzen. Denn in dem, was die Neuzeit Wissenschaft zu nennen sich gewöhnt hat, wird das jeweils Erforschte gelehrt. Die Lehre aber will die sogenannten führenden Geister eines Zeitalters, genauer sagen wir: die führenden Männer eines Zeitalters mit den Generationen vor und nach ihnen zusammenbinden und verfugen. In diese Lehre sollte jeder Erwachsene immer wieder gehen, zur täglichen Erneuerung seines sonst in der Führung sich schnell aus und zu Ende lebenden Geistes. Hier wird daher geforscht, weil gelehrt werden muß. Lud das Gelehrte wird erforscht, um noch besser gelehrt werden zu können. Die Zukunft des Menschengeschlechtes, das natürliche Wachstum in uns, legt jeweils der Vergangenheit, der gebildeten Gestalt in uns, ihre 60