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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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allgemeine Ablehnung überdies noch zur Schuld gestempelt. So mußte von unerfahrenen Schultern eine doppelte Last getragen werden. Nochmals: was ist es, das so gewaltsam in ein intaktes Leben einbricht und ihm von innen her mit unzweifelhafter Autorität den Tod gebietet? Sind es Dämonen, die gleich den Verbrechern, die den Kindern auflauern, gerade die jungen Seelen anfallen? Oder gibt es in uns ein Verhältnis zum Tod, das in unserer Seele neben dem Lebenstrieb steht und in den unbewachten Jahren der Jugend sich unvermerkt an die erste Stelle schiebt? Bleibt etwa in den Zellen oder Atomen unseres Körpers eine Verliebtheit ins Anorganische lebendig? Streben sie, gleich den Individuen im Staat, aus der Ordnung des Ganzen geheim heraus? Und kann dieses anarchische Streben sich zu Zeiten so summieren, daß der Aufstand gegen die Form bis tief ins Bewußtsein hinein gespürt wird? Oder muß diese Todeslust, die ja bezeichnenderweise gerade beim Aufwachen des Geistes im Menschen auftritt, als eine Abwehr unserer Natur gegen den Geist, als eine Feigheit vor dem Geist betrachtet werden? Ist sie eine versuchte Fahnenflucht, etwa wie die Flucht der alten Propheten vor der Furchtbarkeit der göttlichen Berufung? Wittert die Natur in dem auftretenden Geist ihren unversöhnlichen Feind und sucht sie sich vor den drohenden Konflikten in den Tod zu retten? Oder ist diese so deutliche Empfindung des Gestorbenseins und des gespenstischen Weiterlebens der ungeheuer vergrößerte Reflex eines tatsächlichen Ereignisses, nämlich jenes Ubergangs vom Kinde zum Mann, den man ja öfters in bildlicher Sprache als „Tod des Kindes" und „Auferstehung des Mannes" bezeichnet hat? Es wäre denkbar, daß eine so große, gewagte Verschiebung, wie sie hier erfolgt und die eine alte Ordnung völlig zerbricht, eine Melancholie der Umordnung zur Folge hat; denn es geht nirgends etwas Altes zugrunde, ohne daß ihm eine Liebe trauernd und verzweifelnd in den Tod nachfolgt. Oder stammt diese Tendenz zum Tode nicht aus der Natur in uns, sondern aus dem Geiste? Fühlt der Geist nicht seine Entnommenheit aus der Allfülle? Und strebt er etwa nach ihr zurück? Ist ihm die Individuation nicht ein metaphysischer Skandal? Trägt er nicht die Anbindung an das Stoffliche als eine Schmach, als eine capitis diminutio, aus der er sich je eher, je lieber wieder in das Reich seines Ansichseins empor- 22

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