KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 7 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- Seite 52 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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52 Max Liebermann. Werk und Künstler. Von Wolfgang Siegbert Matzdorff (Neo-Friburgiae, Sprevie). Am 22. Juni sprach im Berliner K. C.- Leim auf Einladung der Sprevia der bekannte Kunsthistoriker Dr. Max Osborn über Max Liebermann. Der Abend, der sich zu einer großen Werbeveranstaltung des Berliner K. C. gestaltete, fand vor einem Auditorium von niehr als hundert Personen statt. Besonders erfreulich war es, eine größere Anzahl von Alten Lerren und Gästen bei dieser Veranstaltung zu sehen. Der von Lichtbildern illustrierte Vortrag des Lerrn Dr. Osborn stellt den Auftakt zu einer größeren Reihe von Vorträgen dar, in deren Mittelpunkt bedeutende Persönlichkeiten des deutschen Judentums stehen sollen. Die Verbindung geht bei der Veranstaltung dieser Vorträge von dem Gesichtspunkt aus, daß es wohl für die jungen deutsch-jüdischen Akademiker keine besseren Anhaltspunkte und Symbole geben kann, als sie uns durch Männer unserer Einstellung vorgeführt werden. Die weiteren Vorträge dieser Reihe werden sich mit Rathenau, Rießer, Lermann Cohen, Jacob Wassermann und anderen beschäftigen. Zu Beginn des Vortrags ging Dr. Osborn auf die Persönlichkeit Liebermanns, der heute im öffentlichen Leben Berlins, besonders als Präsident der preußischen Akademie der Künste eine bedeutende Rolle spielt, ein. Er schilderte in fesselnder Weise die Kämpfe, die Liebermann gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zu bestehen hatte, als er als junger Künstler mit neuen Idealen erfüllt auf den Plan trat. Liebermann hatte wie kein anderer zuerst erkannt, daß eine Fortentwicklung von der naturalistischen Richtung in der Malerei notwendig sei und ihm hatte zuerst die Forderung Runges nach Licht, Farbe und Bewegung, die in jener Zeit ein ungeheures Aufsehen erregten, eingeleuchtet. Die ersten Werke Liebermanns entfesselten einen regen Streit rn der Oeffentlichkeit. Interessant ist aus jener Zeit der Streit um ein Gemälde Liebermanns, auf dem der kleine Christusknabe im Tempel dargestellt wird, das in München ausgestellt wurde. Die Art der Wiedergabe wurde von den meisten als eine Profanierung empfunden, die, wie es hieß „selbst ein Jude nicht wagen dürfe". Aber über diese kleinen Streitigkeiten hinaus wuchs die Persönlichkeit und Bedeutung Liebermanns in der Malerei allmählich so, daß seine Malweise und Art der Darstellung bald maßgebend wurden für die gesamte junge Generation der deutschen Impressionisten. Von den Einflüssen, die Liebermann anfangs auf Manzel wiesen und die auch in seiner weiteren Entwicklung zu verfolgen sind, interessieren uns besonders die des holländischen Juden Israels. Dieser hatte eine ganz hervorragende Rolle rn den achtziger Jahren gespielt und gerade Motive der Malkunst Israels haben auf Liebermann einen großen Eindruck gemacht. Israels bevorzugte in seinen Darstellungen die Wiedergabe von Typen armer, sozial gedrückter und niedriger Volksteile, wie wir sie von ostjüdischen Bildern her kennen, die wir bei Israels finden und die nun auch in einer gewissen Anlehnung an diese bei Lieb ermann wieder kehren. Aber die künstlerische Persönlichkeit Liebermanns zeigt sich auch hier. Er gibt nicht nur den Typ des armen, mitleiderregenden jüdischen Menschen wieder, wie Israels, sondern er legt in die Haltung und besonders den Gesichtsausdruck seiner Gestalten eine Art wie Trotz, Hartnäckigkeit und bewußtem Sichaufbäumenwollen. Diese Art ist uns um so verständlicher» als Liebermann, der ja aus einer der angesehendsten Berliner Familie stammt, in seiner Jugend nie etwas Trübes erlebt hat, etwas Persönliches in seine Juden hineinlegte. Bel anderen Werken Liebermanns läßt sich die Darstellung des deutschen Juden nicht nur in derAeußerlichkeit, sondern auch dem Inhalt seines Wesens nach feststellen. Es ist natürlich nicht leicht und vielleicht ein großes Wagnis, bei einem Maler, der in der gesamten Malerei heute eine Rolle spielt, Untersuchungen anzustellen, wie weit etwa ein jüdisches Element in der Kunst Liebermanns festzustellen ist. Zwar hat Liebermann sein Judentum nie verleugnet, aber wer Liebermanns Kunst kennt, weiß, daß es immer andere Motive, wie Volksszenen, Landschafts- und Meeresbilder usw., sind, die wir bei Liebermann finden, als gerade die. die sonst bei der Wiedergabe ostjüdischer Verhältnisse wiederkehren. Dennoch glaubt Dr. Osborn gerade feststellen zu können, daß sich rn sehr vielen Bildern, die für einen Juden typischen Gesichtspunkte bei Liebermann feststellen lassen. Rücksichtslose Offenheit, ständiges Vordringenwollen in die Natur und Verhältnisse der Zeit sind zum Teil auf diese Elemente zurückzuführen. Die verschiedenen Selbstporträts, die der nun fast 79jährige uns geschenkt hat, zeigen, mit welcher radikalen Offenheit er das Altern seiner selbst wiederzugeben wagt, ohne jede Beschönigung oder Aesthetisierung. Wie sehr Liebermann auf der anderen Seite bewußt oder unbewußt in seinem Judentum gesteckt hat, zeigt ein Vers Rrchard Dehmels, in dem der Dichter Lrebermann empfiehlt,- als am besten geeignet zur Porträtierung eines „arischen teutschen Recken". Das Gesamtbild, das uns von Liebermann entrollt wurde, zeigt, wie die Verquickung, die der im Deutschtum aufgegangene sich seiner Abstammung bewußte Jude rn glücklichster Weise sich durchführen läßt. Wir können stolz darauf sein, einen Mann von der Persönlichkeit Liebermanns» der ausschlaggebend geworden ist für die gesamte Entwicklung der deutschen Malerei, der es insbesondere verstanden hat, den aus Frankreich in Deutschland eintretenden Impressionismus im Wesen der deutschen Malerei anzugleichen, zu den unseren zu zählen. Der Vortrag, dem eine zahlreiche Zuhörerschaft mit größtem Interesse folgte, kann als überaus erfreulicher Anfang angesehen werden. Wenn wir uns, wie hier auf dem Gebiete der Malerei, auch noch im Laufe der Zeit mit verschiedenen anderen Geistesrichtungen und ihren bedeutenden Vertretern beschäftigt haben werden, können wir uns wohl der Hoffnung hingeben, zu einem gewissen Ueberblick über kulturelle und geistige Einstellung des deutschen Judentums gelangt zu sein. Ich bin ah RECHTSANWALT beim Amts- und Landgericht MAINZ zugelassen. — Mein Büro befindet sich’: Schillerstraße 26, Telephon 5586. Rechtsanwalt Dr. Sigwart Sussei Mainz (Ghib.) Wir haben uns zur gemeinschaftlichen AusQbnng der Praxis verbunden. Dr. Ernst Struch Bernhard Simmenauer Rechtsanwälte Essen, RathenaustraQe 18 im Bankhaus Hammersteim.