KC-Mitteilungen
- Journal
- KC-Mitteilungen
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 7 (15.8.1924)
- Date
- 1924-08-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Mittel und Wege des K.C. bei unseren Freunden die Ansichten, geteilt gewesen, sind und, gestehen wir es offen, auch manch einer von uns selbst ist kleinmütig geworden und hat die Frage aufgeworfen, ob der Weg, den wir gegangen sind, der richtige ist. All diese Kritik und dieser Kleinmut beruht letzten Endes aber auf der Verkennung einer Tatsache, der Wandlung der Zeiterscheinungen und der die Zeit beherrschenden Gedanken. Der K.C. von ehedem hatte sich ein. doppeltes Ziel gesetzt. Das eine war — wenn wir den alten ' Aufruf der Viadrina aus dem Jahre 1886 durchlesen: die deutschen Juden zu einer akttven Abwehr zusammenzufaffen, eine damals völlige Neuerscheinung in einer Zeit, in der man noch glaubte, die Abwehr beu anderen überlassen zu dürfen, die Aeberzeugung, daß der Kampf für unser Recht letzten Endes nur durch uns selbst geehrt werden kann. Diese Aufgabe der Aufrüttelung hat der K.C. erfüllt. Cr hat nicht nur die Masten der deutschen Juden für diejen Gedanken gewonnen, er hat auch die Führer in dem politischen Kampf gestellt. Mit der Erreichung dieses Ziels mußte aber mit Notwendigkeit der K.C. als solcher als poli- . tische Erscheinung zurücktreten. An die Stelle des K.C. in der jüdischen Politik trat die Stellung des K.C.ers. Der K.C. selbst war in seiner politischen Aufgabe wieder beschränkt aus das, was sein ursprüngliches Ziel sein mußte, auf die Bekämpfung des Antisemismus in der deutschen Studentenschaft. Dieses Ziel' ist erreicht .und auch das andere, das Kampfziel, wäre schon errungen, wenn nicht die geistigen Strömungen sich verändert hätten. Als die Viadrina vor jetzt vier Jahrzehnten mit ihrem Ausruf an die Oefsentlichkeit trat, konnte sie die Gleichberechtigung als ein selbstverständliches Menschenrecht fordern, konnte sie sich darauf berufen, daß wir im Jahrhundert der Menschenrechte leben. Diese Zeiten sind vorbei. Die Ideale der Aufklärung sind heute nicht mehr eine Selbst- Verständlichkeit. An die Stelle dieser Austastung ist die Idee des Nationalstaates getreten, in der jeder kleine Stamm seine Natton, sein staatliches Gebilde für sich selbst fordert und die Gleichheit der Rechte dem anderen nicht zubilligen will, wobei er sich ausschließlich auf sein - Ziel als Nation stützt, unbeschadet idealer Menschenrechte, all das verneinend, was 'man früher als die Gleichberechttgung aller derer zusammenfaßte, die Menschenantlitz ttagen. Der saero egoissimo ist Grundsatz im Leben der Völker geworden. Durch diese Umstellung der Ideen, ist auch der Kampf für die Gleichberechttgung auf eine veränderte Grundlage gestellt. An die Stelle des Rechtsproblems ist das Kultur- Problem getteten. Cs genügt nicht mehr, sich auf die M e n s ch e n r e ch 1 e zu berufen, wir müssen Nachweisen, daß wir den Anspruch auf die Kulturgemeinschaft haben. Durch diese Umstellung des Grundproblems ist auch die innere Einstellung des K.C. und seine Tätigkeit eine andere geworden. Wenn die Viadrina in ihrem Aufruf davon ausgehen konnte, daß schon die Existenz eines solchen Vereins jüdischer Studenten ausreichen würde, um unsere Feinde verstummen zu lassen, so ist dieses Wort allerdings völlig überholt. Unsere Existenz allein genügt heute nicht mehr, um unseren Kampf zu führen, auf die Art unserer Tätigkeit kommt es an. Unser Arbeitsfeld ist größer und schwieriger geworden. Der Begriff des selbstbewußten Judentums, den die Gründer unseres Verbandes gepflegt haben, war eine Frage der Selbstachtung. Der Begriff des selbstbewußten Judentums in dem Kampf um die Kultur- . gemeinschaft ist eine Problemstellung für sich, er fordert eine Wertung unserer eigenen Persönlichkeit, die ein Wissen um unsere Kultur, um unser Deutschtum und unser Judentum vorausfetzt. Aus dieser Wandlung der Ideen heraus ist es eine Selbstverständlichkeit, daß der K.C. erst im letzten Jahrzehnt gezwungen worden ist, zu dem innerjüdischen Problem als solchem Stellung zu nehmen. Cr muß beim Kampf um dre Kulturgememlchaft sich in Gegnerschaft zum Nationaljudentum befinden, weil die Grundvoraussetzungen, von denen dieses ausgeht, letzten Endes die gleichen sind wie. die unserer Gegner. Das Nattonaljuventum kann einen Kamp» gegen den Antisemitismus nur führewauf der Basis des Rechtsproblems, auf der Grundlage des Kulturproblems kamr er uns ein Bundesgenosse nicht sein, denn hier deckt sich seine Gedankenwelt mit der unserer Gegner. Aus dem gleichen Grunde können wir auch die restlose Assimilation nicht gutheißen, die zur Aufgabe des Judentums führt und die damit das leugnet, was uns lelbstbewußtes Judentum ist, sie löst die Fragen der Kulturgemeinschaft unter Ausgabe dessen, was uns von unseren Vätern vererbt ist. Wir glauben den Anspruch auf die Kulturgemeinschaft zu haven, so wie wir sind und nicht durch Hingabe von Auffassungen und Cleverlieserungen, die das Judentum durch die Jahrtausende sich erhalten hat. Dieser Begriff des selbstbewußten Judentums zwingt uns aber auch zur Frage der Wissenschaft vom Judentum und insbesondere vom deutschen Judentum anders Stellung zu nehmen als dies früher der Fall war. Früher war sie im wesentlichen für uns eine Waffe im Aufklärungskampf. Gewiß, sie hat diese Bedeutung auch heute noch nicht völlig verloren. .Aber als Akademiker ist heute für uns das Wissen vom Judentum eine Notwendigkeit, um die Stellung, die wir im deutschen Judentum und im deutschen Volk überhaupt bekleiden, nicht nur zu einer Frage des Gefühls zu machen, sondern diese Stellung einzunehmen in dem Bewußtsein, daß sie unter genauer Kenntnis der Dinge die für uns allein richtige und mögliche ist. Wie schwer der Kampf gerade unter diesen Voraussetzungen ist, zeigt uns heute Würzburg am besten. Cs sind genau 5 Jahre verflossen, seit hier der erste deutsche Studententag zusammenttat, um über die erste deutsche Studentenverfassung zu beschließen. Damals konnten wir in den K.C.-Blättern berichten, daß das Ideal der Volksgemeinschaft erreicht ist, daß nicht eine Sttmme sich erhob, die uns zur Abwehr zwang. Bald darauf fetzte der Kampf ein und ich brauche in diesem Kreise nicht auszusprechen, wie weltenfern wir heute gerade in der deutschen Studentenschaft vom Ideal der Volksgemeinschaft entfernt sind. Der K.C. ist heute wieder wie er es früher gewesen zum Stoßtrupp der deutschen Juden geworden. Wer von chm verlangt, daß er überall zur Stelle ist, verlangt von ihm mehr als er leisten kann. Er vergißt, wie wenige wir sind, übersieht welche Erziehungsarbeit wir zu leisten haben, verkennt vielleicht auch die Bedeutung des Kcnnpfes, den wir auf der Hochschule um unsere Gleichberechtigung für die Aufilärung führen, damit es nicht der Kampf der Allgemeinheit wird. Diesen Kampf für unsere Ueberzeugung, für Recht und Kultur werden wir weiterführen und unsere Bundesbrüder hevanbilden zu Streitern für unsere Ideale, damit sie auch draußen ihren Mann stehen, bewußt der Pflichten, die wir übernommen haben, aber nicht als eine Pflicht, sondern in der inneren Aeberzeugung von unserem Anspruch aus deutsche Kultur. Wir führen diesen Kampf mit dem Idealismus des Deutschen und mit dem Optimismus des Juden in dem Glauben, daß wir durch Wissen zur Wahrheit, durch Arbeit zum Sieg gelangen, neu erwerben, was unsere Väter uns vererbt: die deutsche . Volksgemeinschaft dem deutschen Juden.