Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 10 (09.09.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Unsere Tribüne * Nr. 10 Mittwoch: 7—9 Uhr abends: Löwi (Ijinenorganisätion). Donnerstag: 7—9 Uhr abends: Diskussionsabend und Tarteienverkehr. Freitag: 7—8 Uhr abends: Halpern. Samstag: G—8 Uhr abends: Löwi. 'Sprechstunden der Refercntcn : Bildungsreferent Rost: Freitag, 7—9 Uhr abends. Rechts- und Jugendschutz Rost- und Halpern: Freitag. 7--9 Uhr abends. Sportreferent Groß: Donnerstag, 7—8 Uhr abends. Monatsprogramm für September 1926. I 1. Vorträge und Geselligkeit. Donnerstag, den 9.:. Glanz: Religion und Judentum. Donnerstag, den Mi.: Sokal: Das neue sozialdemokratische Programm. ' Samstag, den 18.: W e r b e v e r s a m m 1 n n g. Donnerstag,. den 23.: Fortsetzung der Diskussion vom IG. % Donnerstag, den 30.: Guensberg: Warum organisieren wir uns gewerkschaftlich? 2. Ausflüge. Samstag, den 11.: Nachtwanderung: Schöpfel. Treffpunkt nach mündlicher Vereinbarung. Führer: Schuler. Sonlntag, den 12.: Sofienalpe. Treffpunkt'8 Uhr, Hütteldorf. Führer: Halpern. Soirutag, den 19.: Südl. Wienerwald. 8,45 Uhr, Mauer. Führer: Lindeäifeld. Samstag, den 25.: Raxpartie. Führer: Goldstaub. Mündliche Vereinbarung. Sorrntag, den 26.: Wienerwald. Treffpunkt! 8 Uhr, Sievering. Führer: Schuler. Für Bade 1 usWge,.bei schönem Wetter, jeden Sonntag, 8 Uhr: Reichsbrücke-Lassallestraße. Ziel: Stiidt. Bad Alte Donau. . ' Bei ausgesprochenem Regenwetter findet jeden Sonntag, ab 3 Uhr nachmittags," in, der Blumauergasse ein II e i mn[a.c h m i t ti a g statt!. Das neue Parteiprogramm. (Eine einstige Bfetra^htung.) Dem Beschlüsse des letzten Parteitages entsprechend, hat der Parfceivonsltan'd den Entwurf für ein neues Parteiprolgramm, weiches dem bevorstehenden Parteitag zur Annahme vorgelegt werden wird, der Oeff entlieh keit, und insbesondere der Parteiöffentlichkeit, .unterbreitet. '; Neben alten, aber nicht veralteten Wahrheiten der Politik deö proletaris'dhea Klassenkampfes, versucht der. Entwurf die zwei widitijglen. aktuellen Probleme: Koalitionepolitik und Demokratie und Diktatur zu lösen. . Die Löjsiiinjg1 wird im Geiste der Erkenntnis Otto Bauens versucht. Das entscheidende ist ihm:- die po litiselie Zweckmäßigkeit. Geliangen wir in einen Zustand des G Leichtgewichtes zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Klasse, müssen wir, allerdings uniter gewissen Garantien, auf ein gemeinsames Regieren mit dem Bürgjertum eingehen. Das! Dilemma: Demokratie — Diktatur will man lösen, indem man es vom Verhalten der Bourgeoisie abhängig macht, o!b das Proletariat gezwungen werden wird, die .politische Demokratie zu s'prenlgen, um die kapitalistische Gesellschaftsordnung in eine sozialistische.zu verwandeln. Wenn man gegen diese defensive revolutionäre Taktik die seit jeher "als richtig bezeichnete Taktik der revolutionären Offensive geltend machen will, retten sich die führenden österreichischen Genossen zur Behauptung, daß die Lage in Oesterreich eine ganz (besondere ist, hinüber. Hierzulande besitzt die Arbeiterschaft Machtpositionen, die sie in anderen Ländern nicht hat, dasi Bürgertum hingegen ist in Oesterreich ohnmächtiger als1 in den meisten anderen Staaten. Diese Einstellung der Sozialdemokratie im kleinen .Oesterreich erinnert — so paradox es klingen mag — an die Stellung der Genossen aus dem britischen; {Weltreiche/audi der Linken aus der I. L. P., die, zumindest bis vor kurzer Zeit, stets behauptet haben: es mag sein, daß in manchen Ländern ohne die Anwendung von Gewalt der Sozialismus nicht verwirklicht werden kann, bei uns wird es nur auf dem .Wege der Demokratie geschehen. ,Wir sind der Ansicht, daß diese Unterschiede in den Kampfmethoden zwischen Proletariat und Bourgeoisie in verschiedenen Ländern eine zeitlich beschränkte Erscheinung sind. Sie ist ein Merkmal, daß, wir uns noch' in einer rückständigen Phase der sozialen Entscheidungen befinden!" Je näher , wir dem Stadium des EntsCheidunglskampfes zwischen kapitalistischer und sozialistischer Gesellschaftsordnung rücken werden, um sio ähnlicher werden sich die Kampfmethoden in den verschiedenen Ländern werden. Das Argument der „besonderen Verhältnisse" ist deshalb für ein Parteiprogramm, welches1 Ausblicke in die ferne — wenn wir auch hoffen wollen: nicht allzuferne — Zukunft eröffnet, mit Vorsicht zu behandeln. ( ^Uebrigens1, betrachtet sich' ja die österreichische Arbeiterschaft, mit Recht, als' Teil des gesamten deutschen Violkes, und wenn heute noch die imperialistischen Mächte, unter dem Vorwande, daß sie „Oesterreich vjon der Landkarte nicht vers'chwinden lassen" wollen, den Anschluß, verhindern, so ist es klar, daß der .Wille der Mehrheit des! deutschen Volkes in absehbarer Zeit z!um DurchbruCh gelangen und die Vereinigung Oesterreichs! mit Deutschland .zur Tatsache werden wird. Wie würde esi um die „besonderen Ver- •häinisSe" betsteiit sein, wenn das heutige .Oesterreich eine Provinz des großen Deutschen Reiches geworden sein wird? , ' iünd vor lauter Parteitaktik darf man auch an die jTaktjik als Mittel der politischen, 'Erziehungj nicht vergessen. Eine Taktik der Defensive ist nicht imstande,, revolutionäre .Energie in den proletarischen Masisen zu wecken. Und das Moment der politischen Erziehung Spielt eine große Rolle ^gerade im jetzigen. Zeitabschnitt, in dem' eS gilt, die proletarischen Massen für den Kampf um den Soziahsimu.s' reif zu machen. Nicht eine erschöpfende .Würdigung 'des! Programmen twurfesi ist der Zweck dieser Zeilen, die aktuellen Momente des Entwurfes' '.wollten wir bloß von unserem Gesichtspunkte aus beleuchten. Das darf aber nicht den Eindruck erwecken, als ob an dem Entwürfe WICHTIG FÜR JEDERMANN! Sorget Vor für euch und eure Angehörigen, um beim Ableben eines eurer Teuren der Pflicht und Sorgen enthoben zu sein, für ein würdiges und modernes Leichenbegängnis aufzukommen. Um sich alle diese finanziellen Sorgen zu ersparen, müßt ihr sofort die Mitgliedschaft erwerben im VOLKS* FEUER - BESTATTUNGS - VEREIN IN OESTERREICH WIEN, VII., MARIAHILFERSTRAUE 88 A Das Inkasso wird regelmäßig von unseren Vereinsorganen besorgt. Kein Wirtshausbesüch und längeres Warten notwendig. Die Gefahr des Verlustes der Mitgliedschaft durch Vergessen der Einzahlung der Monatsbeiträge fällt durch diese Maßnahme weg. KEINE KARENZZEIT! (WARTEZEIT) ' Schon nach Erlag des ersten Monatsbeitrages1 und bei jeder Todesart ist der Verein verpflichtet, die kostenlose Einäscherung durchzuführen. KEINE ZAHLUNG AUF LEBENSOAUERI KLEINE MONATSBEITRÄGE! Die Beitragsleistung des Mitgliedes ist auf eine von ihm selbst zu bestimmende Zeitdauer beschränkt, dagegen besteht die Mitgliedschaft auf Lebensdauer. BBBBBSBGBfSBSSBSBBSB Fabriksniederlage in Herren- und Damen- Modestoffen S. Meister Wien, I., Salzgries Nr. 7. Telephon Nr. 69-402 nicht vieles neues und richtiges zu finden ist. Wir hielten es für richtig1, einseitig1 zu sein. Der Protaminentwurf übte bereits eine gute Wirkung in der Parteföffentlichkeit aus. Man gewinnt immer mehr und mehr Interesse für rein sozialistische Probleme. Trotz der vielen Bäume — die tägliche Kleinarbbit — wird auch schon der Wald — die sozialistische Idee — sichtbar. Aber aus diesem >. (Grunde eben würden wir abraten, auf dem bevorstehenden Parteitag! im Oktober, das Parteiprogramm zu besc'hließen. Es soll noch zugewartet werden. Die Probleme, die der Programmentwurf aufweist, sollen zunächst jn die 'breiten Massen der Arbeiterschaft eindringen. Der Widerhall, den die Losungen des Entwurfes dort finden, wird der beste Wegweiser zur richtigen politischen Orientierung sein. Eile ist hier nicht am Platze. Die Ideen und Probleme,, die hier aufgeworfen werden, stallen von den arbeitenden Mas'- sen geistig verdaut, von ihrem revolutionären Instinkt und Bewußtsein beseelt werden, bevor sie in die feste Form eines- Parteiprogramms gegossen werden. M. S. Eine Publikation der Wiener jüdischen Gemeinde. * Aus Anlaß der Jahrhundertfeier des Stadttempels wurde die Verausgabe der ersten Statuten dieses .Bethauses (1826) beschlossen.*) Die Person des Gelehrten, dem die Arbeit übertragen wurde, Dr. Bernhard Wachstem, gab .von Anbeginn an die Bürgschaft, daß das Werk voll und rechtzeitig gelinge. In der Tat ist die kurze. Spanne Zeit, in der Dr. Wachstem die Aufgabe bewältigen konnte, nur der äußere Ausdruck dafür, daß die in jahrzehntelangem Forscheu aufgesammelten Materialien, bei dem Gelehrten schon völlig gebrauchsfertig bereit lagen und. nur in den Rahmen dieser Veröffentlichimg eingefügt werden mußten. Das in kalligraphischer Treue reproduzierte Statut bietet in volks-, religions- und gesellschaftskundlicher Beziehimg wenig interessantes, ist aber um so wichtiger für die Geschichte deer Zeitideen im Judentum und die Erkenntnis der politischen Lage der damaligen Wiener Juden heit. Zudem erhebt .sich dieses Dokument durch die auf ihm angebrachten 71 Unterschriften seiner Urheber und Gutheißer zu einem menschlich sehr wertvollen, indem an ihm die Fülle individueller Lebensbeziehungen erkannt worden können, die die damaligen Wiener Judeiii untereinander und mit ihrer Umgebung verbanden. Hier beginnt nun! die große Aufgabe des Biographen Dr. Wachstein, der an diesen Unterschriften aus der Lebensgeschichte der Einzelpersonen, der Tatsache ihrer Unterschrift, der weiteren Tatsache, daß gewisse Unterschriften fehlen usw. ein Zeitbild der damaligen Wiener Juden formt, das seine ungeheure *) Die erstp Statuten des Rathauses in der Inneren Stadt*,.. Mit einer Studie: Das Statut für das Bethaus der Israeliten in Wien. Seine Urheber und Gutheißer. Von Dr. Bernhard Wachstein. (Nur in 300 Exemplaren hergestellt.) [Anziehungskraft auf jeden üben muß. Selbst auf eine Zeit, in der eine Vielzahl individueller Geschicke keine weiten Möglichkeiten einer Geschichtsbetrachtung mehr bietet. Müssen wir heute auch die Geschichte des jüdischen Volkes aus anderen Quellen schöpfen, die uns den Bestarid des physischen Volkskörpers, seiner gesellschaftlichen Schichtungen, seines kulturellen Volksbesitzes zureichend erklären, so wird darum doch die Geschichte einer Anzahl jüdischer Individuen an einem exponierten Ort nicht weniger anziehend. Und sogar die Tatsache, daß alle diese genannten Einzelinciividuen physisch und kulturell zu dem Aufbau der Großgemeinde Wien fast nichts beigetragen haben, läßt uns eben wieder nur den Strich ziehen, der die menschlich wertvollsten Ergebnisse jüdischer ludividual1forschung von ' den Notwendigkeiten der Geschichtserforschung des ganzen jüdischen Volkes abtrennt. Und es waren von vorneherein nur die gezählten Individuen, die ihr Wohnrecht in Wien als den materiellen Erfolg ihres Lebens betrachten durften. Und daneben verschwindet die Betrachtung des ganzen übrigen Judeuvolkes in seinen täglichen Nöten, weil es" ein anderes jüdisches Volk in Wien gar nicht gab. Die armen, gesellschaftlich aufsteigeriden Volksschichten, die in der nachfolgenden Zeit die Wiener Großgemeinde bildeten, konnten damals in Wien, nicht wohnen. So wird aber gleichzeitig4 die Geschichte der jüdischen Bewohner Wiens zu einer reinen Individualgesohichte. Denn durchpersönliches Geschick mußte sich der auszeichnen, der des Wohnrechtes in Wien für würdig befunden wurde. Und dadurch wird die Geschichte dieser 71 Individuen gleichzeitig zur Griindungsgeschichte der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Höchststellung der Wiener Juden auf allen Gebieten, ihren Spitzenleistungen und ihres Vorkarnpfes; für bürgerliche Gleichstellung. Das Bildungsniveau der damaligen Wiener Juden und» ihrer Nachkommen blieb die vonbildliche Leistung für die späteren Geschlechter; Der. bleibende Anteil der Wiener Juden am äußeren Staats- und Wirtschaftsleben wurde durch jene Juden und ihre Nachkommen dauernd bestimmt. Eine Aufgabe von seltenem Beiz für den Biographen! Durch eine Beihe individueller Lebensschicksale das Allgemeinniveau der großen jüdischen Gemeinschaft einer Hauptstadt allgemeinigültig bestimmen zu "können 1 Wachsteins Leistung ist hier kaum abzuschätzen. Die Exaktheit der Einzelerforschung biographischer Details erreicht in ihm, der über sämtliche Hilfsmittel aller Wissenszweige wie kein zweiter verfügt, eine Feinheit, die nur von der unumstößlichen inneren Gewißheit der erforschten Daten übertroffen wird. Den höchsten Grad erreicht aber seine Leistung in den durch umfassendste Vorarbeiten reif gewordenen Schlüssen, die er aus dem biographischen Material zieht, die das Leben' der Einzelnen ebenso endgültig abschließen, wie die gesellschaftlichen Ereignisse, in denön sie mitgewrkt haben. Stücke wie Nr. 51 (Hermann Herzenskron) werden für immer die Höchstleistung biographischer Einzel- und Gesellschaftsforschung veranschaulichen. Das genaue Studium dieses Werkes bietet außer der Erkenntnis einer Zeitepoche der Wiener Judenschaft auch einen seltenen Genuß, den nur die Einfühlung in geheime menschliche Tatsachen gewähren kann. In diesem Sinne begrüßen wir dieses «neue Dokument, das zu der Fülle menschlicher Erlebnisse des uns wohlbekannten jüdischen Volkslebens auch die Geschicke einer lleihe von Persönlichkeiten hinzufügt, denen das jüdische Volk sonst fern steht, wie auch sie in ihrem Leben dem jüdischen Volk fern standen. Der jüdischen Gemeinde aber . sei die Hoffnung ausgesprochen, daß mit dieser ersten Publikation nach langer Zeit des Stillstandes der historischen Forschung endlich wieder eine Zeit anbreche, # der durch Förderung der Gemeinde, wieder* jüdische Geschichtsforschung in Wien Ergebnisse zutage fördert. D<r. Kudolf Glanz. fij^tümer, Verleger; H@pu^e>hsr «nd veiraatwkjrtUoliieir "Bßdßktetox: Dr. Hud,. Crto; B.-A.-An,wärter, Wie»; XVIII., Wieiw^gstr. 19/10. r- Djruck: „Adria", Wien, II., Tabbrstr. $2b.