Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 2 (11.02.1926)
- Date
- 1926-02-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Unsere Tribüne Seite 3 nicht dem Brote allein, die .geistigen Schätze bilden einen bedeutenden, vielleicht sogar den bedeutendsten Teil des nationalen Besitzes eines Volkes, aber das Materielle ist das Primäre, ist die Voraussetzung. Im Denken Shyblowskys und seines hebräistischen Doppelgängers ist die geistige Kultur und die Sprache das absolut vorherrschende. Die Stellung Shytlowskys in der Sprachenfrage hat es ihm unmöglich gemacht, in unseren Reihen zu bleiben, obwohl1 er sonst in den wichtigsten Grundsätzen mi uns überteinstimmt. Die Tatsache, daß in Palästina nicht die jiddische, sondern die hebräische Sprache vorherrscht, hat für Shytlowsky genügt, um sich von Palästina abzuwenden. Es kann natürlich nicht bestritten werden, daß der Luxus zweier Sprachen, insbesondere die sprachliche Spaltung zwischen dem Golus und Palästina, ein tragisches Moment im Prozesse unserer Auflebung bildet, aber wir werden auch diese bittere Pille schlucken müssen. Es ist undenkbar, daß ein normal' lebender und schaffender Teil unseres Volkes in Palästina, die Juden des Golus un'd ihr Schaffen von sich a'bschüttlen. Es ist völlig, ausgeschlossen, daß die Juden im' Golu|3! sicih dauernd feindlich, oder auch nur gleichgültig, der aufblühenden .Kultur des palästinensischen Judentums gegenüber verhalten sollen. Der geschichtliche Ausgleich wird sich wie eine eherne Notwendigkeit vollziehen. Shytlowsky hat in vielem Recht behalten, in diesem Punkte aber wird, hoffen wir, die palästinensische Wirklichkeit, ihn besiegen. , Schalom Asch, Die künstlerische Laufbahn, die Schalom Asch vom „Städtchen" bis zum „Kidusch Haschern" durchschritten hat. ist ungemein imponierend und kennzeichnet die Eigenart dieses großen Künstlers. Ein trunkener wanderte Asch durch die Gäs'chen des Städtchens, völlig verträumt klang sein Lied des stillen, harmonischen jüdischen Lebens, das vom fremden Leben der Stadt noch nicht zerstört war. Asch trat in einem eigenartigen Zeitpunkte In» der iiddischen Literatur auf. Mendele Moscher Sforim hatte den Weg für die volkstümliche, künstlerische ' Eoik (bereits gebahnt, Schülern Alejchem folgte in vielen Hinsichten in den Fußstapfen des „Seide". Da erschien Perez, er wollte die; Wendung Ins Europäische herbeiführen und bediente sich des künstlerischen Rüstzeugs der modernen europäischen Literatur. Man hielt die i „Mendele-Schule" für überwunden. Da; erklang die Stimme Asch'. Ein Anbeter Peretz' und doch hat er sich an den Seide Mendele angelehnt. Der Künstler Asch ist der Stimme seines Herzens, nicht der herrschenden Richtung gefolgt. Mut und Treue zu sich selbst sind die Merkmale Schalom Asch'. Der lyrische Erzähler und Schilderer hat sich später auch der dramatischen Kunstform' zugewendet. Konservative Literaturkritiker, die sich merkwürdigerweise damit nicht abfinden konnten, daßi ein Lyriker Dramen schreiben soll (als ob; es niemals einen Goethe, Schiller, WildganS,. Werfel;iusw. gegeben hätte), wollten Schalom Asch jedes dramatische Talent abstreiten. Der Bühnenerfolg vieler Dramen von Aschf ist die beste Widerlegung dieser Behauptung. Schalom Asch bereicherte in den letzten Jahren unsere Literatur um zwei großangelegte historische Romane: „Die Kis'chefmächerim fyn Kastilien" und „Kidusch Has'chem". Auch auf diesem1 Gebiete erwies sich Asch als großer un'd eigenartiger Künstler. Vom Erzähler der sanftmütigen, lyrischen Geschichten des „Städtchens", bis zum großen Romanschriftsteller führt ein langer, fruchtbarer, aufsteH gender Weg. Diesen Aufstieg hat nicht Schalom Asch allein vollbracht, mit ihm' ist unsere jiddische Literatur wunderbar emporgestiegen. An dieser Entwicklung hat Asch reichlichen Anteil' genommen. Die jüdische Volksmasse ist ihrem' großen Künstler zu ganz besonderem Dank verpflichtet. . L. K. Zwei jiddische Tageszeitungen in Paris. Die bisherige Pariser Wochenschrift in jiddischer Sprache „Pariser Blattei"" erscheint seit den* 15. Jänner «Ster dem gleichen Titel als jiddische Tageszeitung: Der Warschauer „Najer Ha/jnt" läßt seit dem 24. Jänner in Paris eine tägliche, 'für Westeuropa, bestimmte besondere Ausgabe unter dem Namen „Pariser Hajnt" erscheinen. Die Weltkonferenz des „Hechaluz". Die Welfckonferenz des ^Hechaluz" ist nunmehr endgültig auf den 9. März angesetzt worden. Der Tagungsort, Danzig 'oder Berlin, ist noch nicht bestimmt. Trotz alledem! (Paläs tina-Rundsich.au.) Die Arbeiterschaft in der Assefath Harfiwcharim- und im Waad Leumi. — Selbsthilfe der jüdischen Arbeiterschaft. Die Selbstlosigkeit der jüdischen Arbeiterschaft. — Die Solidarität, der jüdischen unß. arabischen Arbeiterschaft. — Einige Zahlen. — Die jüdische Arbeiterschaft und die Kunst. In der Tagung der Assefath Haniwcharim ist es bereits offenbar geworden, daß die Zersplitterung des jüdischen Bürgertums kein Zufall, sondern ein deutlicher Ausdruck der Gedankenlosigkeit und Unverantwortlichkeit, die diese Schichten beherrscht, ist. Die Redner der Arbeiterschaft: Ben-Ourjon, Arlasorow, B. Katsenelson haben, durch ihre tief durchdachte Konsequenz und ihr ausgeprägtes Gefühl der Verantwortlichkeit für den Aufbau des Landes, sich bei allen Unbefangenen Achtung und Anerkennung verschafft. Auch in der ersten Sitzung des' von der Assefath Haniwcharim gebildeten Ausschusses, ) der „Waad Leumi" hatte die Arbeiterschaft die führende Rolle inne. Die Tagung der Assefath Haniwcharim und die Sitzung des Waad Leumi trugen keinen feierlichen Charakter, die Arbeitervertreter haben den Beratungen den Stempel der schwierigen wirtschaftlichen Situation im Lande aufgedrückt. Daß die Arbeiterschaft trotz Krise und Arbeitslosigkeit in ihrer Zuversicht) nicht erschüttert ist, beweist das mutige, selbstbewußte Auftreten ihrer Sprecher. Sie erzwangen auch die Annahme eines Beschlusses, der die Aufnahme jüdischer Arbeiter in den Kolonien -verlangt und der den lokalen Verwaltungen die Verpflichtung auferlegt sich an der Auszahlung von Anzahlungen an die Arbeitslosen auf Rechnung später durchzuführender Arbeiten. Einen äußerst wohltuenden Eindruck machte die scharfe Ablehnung jeder Almosenunterstützung an Arbeitslose seitens der Arbeiter Vertreter. .Das trug wohl viel dazu bei, daß sich' jetzt alle berufenen< Körperschaften damit befassen, die Inangriffnahme aller durchzuführenden öffentlichen Arbeiten zu beschleunigen. y Inhaltslos und dumm waren die Reden der Zabotinsky-Jünger und der unverantwortlichen kommunistischen Buben. * Den wunderbaren Geist der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina kennzeichnet folgender Beschluß: alle Arbeiter, die Beschäftigung haben, s'ollen nach Möglichkeit ihre Arbeit mit den Arbeitslosen teilen, sollten aber die Beschäftigten nicht zu ersetzen sein, so sollen sie mindestens1 den Uohnl von zwei bis drei Arbeitstagen im Monat den Arbeitslosen geben. Dieser Beschluß wurde zum Teile noch vor der formellen Annahme in der Organisation durchgeführt. Welche Arbeiterschaft könnte ein ähnliches Gefühl der Solidarität aufweisen? Oder würde sich das jüdische Bürgertum in Palästina oder in irgend einem andern Lahde jemals1 zu solcher Opferwilligkeit aufraffen? * Eine Zweite sonderbare Erscheinung ist die Tatsache, daß die jüdische Arbeiterschaft jeden Vorschlag zur Einschränkung der Einwanderung mit Entrüstung zurückweist. In allen Ländern fordert die Arbeiterschaft immer in Fällen von Arbeitslosigkeit die rückhaltlose Sperrung der Grenze. In der Berliner „Jüdischen Run'dschau" erhob sogar Robert Weltsch, ein gewiß ernst zu nehmender Journalist^ die Forderung nach einer Drosselung der Einwanderung. Die Jüdische Arbeiterschaft Palästinas aber fordert die uneingeschränkte Einwanderung. Diese Selbstlosigkeit steht ohne Beispiel da. * Und es scheint wirklich, daß die wirtschaftliche Krise ihren Höhepunkt bereits überschritten hat, Symptome einer Besserung machen sich bereits bemerkbar. Es gelang der Arbeiterorganisation, gegen 1000 Arbeitern Arbeitsplätze in den Kolonien zu sichern, in Jerusalem macht sich der Mangel an Steinarbeitern deutlich bemerkbar und die Arbeiterorganisation bildet eine Zahl' solcher Arbeiter heran. Etwas schwieriger ist die Beschaffung von Arbeitsmöglichkeiten für Frauen, die im letzten Jahre in besonders großer Zahl ins Lan'd gekommen sind: Aber auch dieses Problem wird zweifellos in absehbarer Zeit gelöst werden. . Die Arbeiterschaft ist überzeugt, daß die Ueberwindung der .Wirtschaftskrise größere Fortschritte aufweisen würde, wenn die zionistische Leitung mit der notwendigen Energie und Entschlossenheit eingegriffen hätte. Es herrscht in den Arbeiterkreisen eine Erbitterung gegen die geradezu sündhafte Langsamkeit des zionistischen Apparates. . * In den letzten Wochen tagte in Chaifa eine Konferenz der palästinensischen Eisenbahner. Diese Organisation war die erste, die Juden und Araber erfaßt hat. Mit Genugtuung hat der Vertreter der „Histadruth" in dieser Konferenz, Genosse Mereminsky, darauf hingewiesen, daß die gemeinsame Organisierung von jüdischen und arabischen Arbeitern, auch auf andere Berufe übergegriffen hat. Die arabischen Vertreter kamen zur Konferenz mit einem Vorschlage, daß man die jüdischen und arabischen Arbeiter in gesonderte Unterorganisationen und in einer gemeinsamen Konföderation zusammenfassen soll1. Die arabischen Genossen behaupteten mit Recht, daß diese Methode der Organisation das Gewinnen der arabischen Arbeiter erleichtern würde. Genosse Mereminsky erklärte, daß wir diese Formi der Organisation stets für die richtigere gehalten haben, nur haben wir aus Gründen der Zweckmäßigkeit diese Frage bis jetzt zurückgestellt. Es ist beschlossen worden, die Entscheidung über diese Frage der Konferenz der allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation zu überlassen. In dieser Konferenz herrschte der Geist vollster Solidarität zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern. Es soll erwähnt werden, daß die linken Poale- Zion, die auf der vorjährigen Konferenz 18 Vertreter hatten, heuer kaum zwei Stimmen für ihre Anträge erreicht haben. * Einige Zahlen sollen das .Wachsen der jüdischen Arbeiterschaft und unserer Brud.erpartei charakterisieren: Im Monate Dezember 1925 sind 2776 Einwanderer nach Palästina gekommen, gegenüber 1825 im Dezember 1924. Im Monate Jänner 1926 sind 2100 Personen nach Palästina eingewandert. Im Jänner 1926 .waren jn der „Histadruth"' 17.869 Arbeiter, außer den Arbeiterfrauen, registriert. Ein unvollständiges Resultat zur Konferenz den landwirtschaftlichen Arbeiter weist folgende Zusammensetzung auf: Achduth Haawoda zirka 30 Prozent, Hapoel Hazair zirka 26 Prozent, Linke Poale- Zion zirka 2 Prozent. Die noch ausständigen Resultate können das Verhältnis1 unserer Bruderpartei „Achduth Haawoda" noch günstiger gestalten. Unter, den lokalen Vertretern;(zirka 29 Prozent) vertritt der größte Teil in grundsätzlichen Fragen den Standpunkt unserer Genossen. . s * Das Verhältnis der jüdischen Arbeiterschaft zur Kunst ist daran zu ermessen, daß in diesen Tagen! der Arbeitslosigkeit die Theater-Studie der Arbeiterschaft „Ohel" eröffnet wurde. In seiner größten Bedrängnis vergißt der jüdische Arbeiter nicht an sein« geistigen Interessen. Der jüdische Arbeiter verzweifelt nicht, wird nicht eingeschüchtert. Er beharrt auf' seinem Posten' und1 allen Gefahren tritt er entgegen mit seinem' mutigen5 Trotz alledem:! Hilfe für unsere Genossen in Rußland! Unsere Genossen in Rußland, die Märtyrer ihrer ziü* nistisch-s'ozialistischen Ueberzeugung werdein, haben raiannigfache Leiden auszustehen. Wenn sie in die Gefängnisse eingesperrt <oder in entlegene Teile defä Landes1 verbannt' werden, besitzen sie keine Geldmittel, um sich die notwendigen Kleidungsstücke, die unentbehrlichen Nahrungs-? mittel anzuschaffen, um vor dem Erfrieren und Verhungern geschützt zu sein. So mancher könnte dem Schick-! sal des Kerkers' und der "Verbannung durch die Auswanderung nach Palästina entgehen, wenm die notwendigen Reisen Spesen verfügbar wären. Daa Wüten der „Jidsektie" beweist, daß unsere GeU nossen einen bedeutenden Einfluß unter der arbeitenden; jüdischen Bevölkerung Oes Lande» gewannen' haben. Es fehlen ihnen die Mittel, um unsere Ideen inj weite Kreis« der jüdischen Bevölkerung zu tragen. Wir dürfen uns mit der bloßen Siolidaritätserklärung! nicht begnügen, j eder Gen'os s e und Freund spende, nach Kräften für den Kampf-Fonds1 unserer Genossen in Rußland. * In der nächsten Nummer beginnen wir mit der Ver* öffentlichung der Spendenausweise. Sammellisten liegen in unserer Redaktion auf. Geldsendungen erbitten wir auf unser , Postsparkassebjkfonto (38.042) mit dem Vermerk; 7,Rußland-Hilfe."