Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 15 (28.12.1925)
- Date
- 1925-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2822530-2822543-2822558--132-2822777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
II. b. b. Orgä ft# ****** **** „ ä^^e^M»** Iv*;^,,-- ..... & J0 Ät^aa ^ubcnen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, IL, Blumauergasse 1/11 Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljahrig. S 1.20 halbjährig . . „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 15. t Wien, 28, Dezember 1925. 2. Jahrgang. Die österreichische Insel. Die journalistischen Söldlinge des Kapitalismus und insbesondere jene, die sich gerne einen volkswirtschaftlichen 'Anstrich' geben, treten für die Aufhebung des Mieterschutzes in Oesterreich mit der Begründung ein: Oesterreich kann und darf keine Insel' unter den europäischen Staaten bilden. Ueberal haben die Hausherren ihr freies Verfügungsrecht über ihren Hausbesdtz wiedererlangt, folglich kann man es ihnen auch-in Oesterreich nicht länger vorenthalten. Die Herren mögen sich doch die Lage Oesterreichs genauer anschauen und feststellen, ob nicht dieses Land in seiner ganzen wirtschaftlichen Struktur eine wirkliche Inselstellung einnimmt. Gibt es in Europa einen zweiten Staat, der nahezu den dritten Teil seiner Bevölkerung in einer einzigen Stadt aufweisen soll? Findet man in Europa, trotz der allgemeinen wirtschaftlichen Krise, ein zweites Land, in welchem der vierte Teil sedner Arbeiter arbeitslos sein soll? Was der Imperialismus der Entente-Staaten mit dem sogenannten Friedensschluß eingeleitet, haben die «Sanierer um Seipel, die sich um die Volkswirtschaft überhaupt nicht kümmern, fortgesetzt. Um ein Linsengericht haben diese „Patrioten" den Staat dem ausländischen Kapital' ausgeliefert, die wirtschaftliche Entwicklung der Republik haben sie geradezu unterbunden. Sie haben mitgeholfen, daß Oesterreich eine Jammerinsel1 in Europa werde und jetzt haben sie noch die Stirn, die Volkswirtschaft ihrer letzten Möglichkeit — des Exportes — berauben zu wollen. Die Herren wollen wahrscheinlich die Not des Volkes bis zur Verzweiflung steigern, um dann im Trüben fischen zu können. Aber die Herren, mit dem böswilligen Jesuiten an der Spitze, täuschen sich. Diese Jammerinsel Oesterreich hat ein sozialdemokratisch verwaltetes Wien, hinter dem eine geschlossene, klassenbewußte und politisch reife Arbeiterschaft steht. An ihrem Widerstand werden, alle Pläne der Reaktion zerschellen. Die Festung des Proletariats wird diese Insel Oesterreich gegen ihre inneren Feinde, die auf die Unterstützung der Werbeaktion rechnen, zu verteidigen wissen. Alle arbeitenden Menschen dieses Landes, ohne Unterschied der Nation und Sprache, werden die Sozialdemokratie in ihrem bevorstehenden schweren Kampfe mit. allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln unterstützen. Steiger. Das unschuldige Opfer, das diesmal zufällig Steiger hieß, konnte aus den Krallen der polnischen Reaktion befreit werdon. Aber trotz der Fieispaechung Steigers ist das Schuldlirteil über die heutigen Machthaber Polens in diesem Prozesse gefällt worden. Im Läufe dieses Prozesses ist e3 •offenbar geworden, daß die polnischen Machthaber alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, vor keinem' Mittel zurück- .gescheut sind, um eine Verurteilung Steigens herbeizuführen. Falsche Zeugenaussagen, Erpressungen, Einschüjehterungsversuche, List, das waren die gebräuchlichstein Mittel. Warum haben die polnischen Machthaber eine Verurteilung Steigers um jeden Preis herbeiführen wollen? Erstens wollten sie ein zugkräftiges Ablenkungsmittel 'für die unter den Folgen der glorreichen Grabski-Politik notleidenden polnischen Bevölkerung bereithalten. Hüben wie drüben ist für solche Zwecke der Jude der geeignetste Sündenbock. Zweitens wollten die polnischen Machthaber der europäischen Öffentlichkeit die Tatsache, daß die Ukrainer in jihrer Verzweiflung zu Attentaten auf polnische Staatsmänner greifen, verhehlen. Das zu erreichen, war der Mühe dieser edlen Polen wert. Da ihr Versuch nun mißlungen, sei fostgstellt, daß der Freispruch Steigers gleichzitig eine Verurteilung dar blutrünstigen, judenfresserischen polnischn Machthaber bedeutet. Die polnischen Nationalisten zerren die Ehre de|r Hepublik in den Kot. Das Volk wird es ihnen zweifllod heimzahlen. Der Verrat d£f »Wiener Morgenzeitung" an d§n Interessen der jüdischeil Mieter. Die jüdischen Mieter sind zumindest nicht weniger als die nichtjüdischen an der AufrechterhaTtüng des Mieterschutzes interessiert. Obwohl die Anhänger der bürgerlichen Zionisten in Wien so dünn gesät sind, doch1 werden die Hausbesitzer und gut bezahlte Direktoren in ihrer Mitte noch immer eine verschwindende Minderheit bilden. Denn, daß die. Frage des Mieterschutzes nicht nur eine Angelegenheit der Arbeiterschaft ist, versteht sogar ein ansehnlicher Teil, der bürgerlichen Presse. Sogar die „Neue Freie Presse". Nicht aber die „Wiener Morgenzeitung". Sie hält es nicht einmal für wichtig, diese Frage, die eine Krise dm Staate heraufbeschworen hat^ausführlich zu besprechen. Wenn die „Arbeiter-Zeitung" oie jüdischen Schieber, die Hausbesitzer geworden sind, namentlich anführt (daß wir von der Aufmachung der A.-Z. in solchen Fällen nicht entzückt sind, haben wir bereits dargelegt), gerät die W. M. in Wut. Hände weg von den jüdischen 'Hausbesitzern! Aber die jüdischen Mieter, die kann man den Hausbesitzern ausliefern. Die wird man durch das stete Geheul über den Antisemit -Homta—der 3o2lalÜemokratTieJ schon einlullen können. Jeder anständige, denkende Jude sollte sich ob dieses schmählichen Verrates des bürgerlich-zionistischen Tagblattes an den Interessen aller arbeitenden Menschen geradezu schämen. Pionier und Arbeiter. Ein Beitrag zur Ideologie der bürgerlichen Zionisten D © u t s c h ö s> t © fr © i c h s.. Die KiiltüsOrlganisation der palästinensischen Arbeiterschaft hat einen Palästinjafilm hleiiges bellt. Da dieser Film alle bisherigen ia,'u künstlerischem Wert und an Wirkungskraft überragt, hat ihn der Nationalfoaids' undder Keren Hajessod für Propagandazwecke erworben. Aber daimif die bürgerlichen Besucher nicht verletzt werden,, mußte dieser Film präpariert werden. Ein Bild, das die Feier des 1. Mai in Tel-Aviv darstellt, wurde entfernt, dasselbe Schicksal ereilte all© Aufschriften, die von dein Leistungen '(ffer Arbeitorscluift Mitteilung rnachten. Sogar der Titel wurde geändert. Der Film beißt: Ded jüdische '(Arbeiter in PaJjästina, 'an Stelle des Wortes Arbeiter wurde das Wort: Pionier gesetzt. Welchen Zweck haben diese KoiTekturen? Der bürgerliche Zioinist darf nicht erfahren, daß es klassenbewußte jüdische Arbeiter in Palästina gibt, was dies© Arbeiter leisten. Pionier klingt dem. bürgerlichen Ohre noch sanft genug, aber der Arbeiter soll nicht gedacht werden. In anderen Ländern meinetwegen, aber „bei Utas ih Pallästina" dort sind wir ja alle Brüder ... Auf dieses Niveau erniedrigen die bürgerliclien Zionisten die Propaganda für den Palästinaaufbau. Das Gesetz zum Schätz inländischen Arbeit. In seiner letzten Session hat das Parlament ein Gesetz zum Schutze der inländisclien Arbeit beschlossen. Die Sozialdemokraten haben erklärt, daß sie nur ungern dieser Ges3,tzweidung. zustimmen, weil es gegen die internationale Solidarität verstößt, aber die Lage des Arbeitsmarktes sei so katastrophal, daß zu dieser Maßnahm© gegriffen werden mußte. Die Sozialdemokraten sind natürlich bereit, auf Grund der Gegenseitigkeit jederzeit für die Aufhebung dieses Gesetzes einzutreten. Wir werden darauf noch zuriiekkommen. Versammlungskalender. Donnerstag, den 7. Jänner, Vortrag Dr. Sabal: Innerpolitisch e F r a g e n. Mieterschutz — Gesetz zum' Schutze der inländischen Arbeiter. — Arbeits losigkit. — Neuwahlen. Donnerstag, den 21. Jänner. Vortrag Singer: Fünf Jahre Histadruth. Die Vorträge beginnen um halb 8 Uhr. Für die nächsten Wochen wird ein© große Veranstaltung zu Ehren der zwei Jubilar© C h a i m S e h y t - l'Qwski und Scha 1Om A s c h geplant. B. Locke*: t; Der lebende Borochow. Zu seinen* achten Todestag. (17. Dezember 1926.) i Wie die Jahre verstreichen I Zuinl achten Mal© jährt sich sein Todestag, acht Jahre sind es bereitsi, seife wir.j ihn auf immer verloren haben. Und doch ist die Wund©, noch frisch, bis heute können wi^ den Sfchmerz nicht verwinden, der in der Erinnerung an seinen frühen Tod liegt. Sicher ist dies auch daturni, weil er uns' nicht nur Lehrer und Führer, sondern auch ein guter, warmer Freund und Genosse war. Für jeden einzelnen von uns1, der da.s Glück hotte, ihn näher zu kennen, war sein Tod ein schwerer persönlicher Verlust Aber nicht das allein. Borochlow lebt in unserem' Herzen und Hirn, noch mehr: in unserem Gewissen. Wir fühlen und wissen, daß ' wir heute noch aus seinem Teichen, unerschöpflichen Quell; selu-ip'ea Gewiß, wir haben niemals versucht, mit jedem Wort, das Bonochow gesagt oder geschrieben, einen Kult zu treiben. Dies wäre auch im absoluten Widerspruch mit Borochlows freien, ständig udnüugen Geist, der, nie ih satter Zufriedefabeib auf loirier erreichten Stufe das Wissens und der Erkenntnis stehen bleiben konnte, sondern ständig sich hinaufkälmpfte, immer tiefer schürfte, um sich zu neuen Wahrheiten dixtchziiringen, uml die tragischen Probleme unseres Lebens von immer neuen Seiten zu erfassen. Nicht kanonisieren wollen wir Borochow, sondern sflinc Gedanken weiterentwickeln, überprüf ein und im1 Lieht der Tatsachen des rauschenden Lebens eiineuern, aus_ ihnen ••i^irai^^^sp-fiea' ^w-^i^oipr^^^ wir wollen das verwirklichen, wonach er gestrebt bat. Das ist unsere Pflicht gegen den' toten Führer. Hiezu ist eines Vorbedingung. Wie paradox esi auch klingen mag, es bleibt doch Wahrheit: Boiiochow muß erst richtig erkannt werden. Die Gescheliniss© in der Welt, im jüdischen Leben und in unserer Bewegung seit seinem1 Tod sind der allseitigen, objektiven Betrachtung und Durch-, leuchtung von Bortochows Werdegang nicht sehr günstig gewesen. Er ist wahrhaftig nicht der einzige Große, den Parteien uind Fraktionen in diesen acht Jahren politischer Revolutionen, ökonomischer Krisen, Spaltungen und Bruderkämpfe innerhalb der Arbeiterbewegung geistig mißbraucht, Gilteignet, 'entstellt nxifä verkrüppelt haben. ' Und so erscheint sein Bild" vor Freund und Gegner überhaupt nicht in wahrem Licht. Was ist nicht alles aus diesem feurigen Geist gemacht Warden, der im Schein der ersten russischen Revolution aufflammt© und bis zur zweiten 'einen gewaltigen Weg theoretischer Entwicklung ' und politischen Ideenkaimpfbs zurückgelegt hatte. In toten Schriftbuchstaben wurde jeder Bufchstabe seines Jugend-' werkes verwandelt, das, zweifellos in bestimmten Teilen genial und von bleibendem' Wert, von dessen Zeilen uns übenall außergewölmlich reich© Erudition und kolossale Scharfsinnigkeit entgegentritt, das aber doch natürlibherweise nicht in allen seinen Teilen den Axigenblick seiner Entotehung und all© begleitenden .Umstände, unter denen es entstanden war, überdauern konnte, über welche Borochow selbst in seinen späteren Schriften und in seiner politischen Praxis hinausgewachsen' war;. Ist es nicht lächerlich, wenn heute aus der „Plattform" herausgerissene Sätze zitiert werden, um die ausschließlich© Geltung gewisser taktischer Methoden zu beweisen, von denen Borochow oder irgendein anderer zu seiner Zeit nicht einmal träumen konnte? Ist es nicht eine schändliche Zensur an dem vor-- götterten Fühiietr, wenn alle sein© späteren Aeußerungbn einfach versehwiegeln werden, die im1 Gegensatz zu Dogmen stehen, für welche Menschen, die sieh als seine alleinigein Schüler ausgeben, gerade eine Begründung brauchen? Für uns ist Borochow kein toter Buchstabe, sondern eine lebendige Kraft', die zu Gedanken und vor allem' zu Taten treibt. Wir kanonisieren nicht den Boitochmv einer bestimmten Periode, wir lernen von Borochow, wie er in Wirklichkeit war, in seiner ganzen Entwicklung und allen seinen Tendenzen zu einem! weiteren Weg, deh ihm die Wirklichkeit leider versagte, zu gehen. Nur so können wir das- Wesentliche vom Beiwerk " untersolieiden, das zeitlich Begrenzte auf seinem! Lebensweg' absonderta von delm', was bleibenden Wert für Generationen hat. Und das bleibende ist ein ganzer Schatz. Treten wir an seine Schöpfungen in der Gründungsperiode dar Bewegung mit dem richtigen Maßstab heran, so eröffnen sich uns' eine ganze Reihe von Grundsteinen des poale-zionis tischen Gedankengebäudes, ja wir gewahren das ganze Fundament des sozialistisclvzionistischen Gedankens. Bis heut© ist klassisch mid unübertroffen die Analyse der sozial-ökonionnschen Anomalien des jüdischen Lobens, der treibenden Kräfte des proletarisch-zionistischen Gedankens in „Unsere Plottform". Schon in diesem Erstlingswerk, das in der Eile redaktioneller Tagesarbeit, im kochenden