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Unsere Tribüne · 1924-11-04 · 10 (04.11.1924) · p. Seite 4

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
1 (1924)
Issue
10 (04.11.1924)
Date
1924-11-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Unsere Tribüne Nr. 10 Das „Memorandum des Herrn Goldberg" oder „Der Wolf im Schafspelz", Täglich fühlbarer wird es, daß eine entscheidende Stunde für die Kolonisationspolitik in Erez Israel .herannaht. Von allen Seiten, unter verschiedensten Losungen und Absichten, sammeln sich diejenigen' Elemente, denen, verhüllter oder unverhüllter, die Tätigkeil der Arbeiterschaft ein Greuel ist. Die Losungen sind ganz verschiedeil: Kür den einen handelt es sich um die Beseitigung der genossenschaftlichen Kolonisation^ überhaupt' (Bein Awi im „Doar hajom" frohlockt bereits in seinem eitlen, schwülstigen Stil: „Ein Verkünder guter Botschaften bin ich: ,der große Holländer' (De Lieme) wird kommen und die1 ,Punkte' (nekudoth) der Arbeiter zerstören"); anderen handelt es1 sieh in erster Reihe darum, den ,;Mercas chaklai" der Histadrut auszuschalten, um dann ungestört eine möglichst autokratische Form der Verwaltung und nicht weniger bürgerliche Form der Siedlung einzuführen „Moschaw Owdim" höchstens noch, aber auch nur mit halber Seele; kleiine Kwuzah — schon fauler, große Kwuzah — noch fauler, wenn überhaupt noch möglich; Gedud twodah — das ist überhaupt das' Ende" — so etwa lautet eine auch in „offiziellen Kreisen4' zu findende^, sich ausbreitende, mehr oder weniger fundierte Ansicht. Und eine dritte Spezialität sind diejenigen, die überhaupt, wenn auch unter allerlei Veildausülienmgen1 gegen die Landwirtschaft und gegen die proletarischen Siedlungen im besonderein eingestellt sind, alus; Gründen, die noch zu beleuchten sein werden. Dals Musterbeispiel dieser Art ist das Memoranldiun von „Herrn Goldberg", das1 zwar den Namen von Herrn Abraham Goldberg (New York) trägt und sicherlich von ihm' gebilligt wird, nach) allgemeiner Ansicht aber von einem nicht ehrgeizlosen und nicht weiter unbekannten deutsbhzionistischen Führer der Jugendbewegung stammt. Für die Herkunft aus Deutschland sprechen zumindest genügend inhaltliche und sprachliche Feinheiten, Diese Konstellation verschiedener Kräfte, von NeW York bis zum- Warschaiii desf Herrn Dr. J. Gottlieb, fällt mit dem Zeitpunkt zusaMnien, in dem die Organisier rung der Jewish AgenCy der Verwirklichung entgegenreift und damit überhaupt der rein zionistische Einfluß eine Vemiinderung erfährt. Esi ist klar, daß die Bildung der Jewish AgenoY einer Verstärkung des. bürgerlichen und plutokratisbhen Elementes in der Bewegung entgegenkommt, umso notwendiger ist es, die Grundlagen der Siedlungs|politik und die Stichhaltigkeit der Angriffe neu zu überprüfen. Willkommenen Anlaß dazu bietet dais „prinzipielle" Memorandum von Herrn Goldberg. , , ■ i, Die neue Erkenntnis des Herrn Goldberg, Tourist in Erez Israel, besteht darin, daß die bisherige zionistische Arbeit „vollkommen riohtungs- und fühxungslos" gearbeitet habe. An Stelle dessen muß die „planmäßige" Politik treten. Und die Aufgabe dieses typischen Touristcnelaborats besteht eben darin, derartige „Planmäßigkeit" zu fordert.. Die Arbeit erinnert, obwohl sie allen EXekutiAimjfcgtiedern zugegangen^ ist, also wohl beansprucht, Lösungen zu bringen, stark an die wohlgemeinten Vorschläge, die vor dem Kriege junge Semester in den zionistischen Studentenverbindungen zwecks1 Bestehens des sogenanntient „Burschenexamens" •fiuiszuaj'beiten hatten. Aber da die Arbeit für den ih^ultigeh Geist der Kritik typisch ist, verdient sie Beachtung. Planmäßigkeit". Planmäßig müssen große zusammenhängende Strecken erworben werden, planmäßig ist der Absatz zu fördern, planmäßig Industrie zu schaffen, planmäßig besonders die Gegend der Städte zu kolonisieren. jfoTjnerhin ist auch dem Verfasser nicht unbekannt, daß „planmäßig" seit langem nur ein Teil des Landes seitens der zionistischen Organisation kolonisiert wird, der Emek vo(n Haifa bis Both >Schean; Jucht unjbekannt ist ihm, daß planmäßig in die „Interessensphäre" des: Baron, Schemron, im allgemeinen] Hicht! ^angegriffen wird, daß gerade rings um Tel iAwiw (bis1 Petaoh Tikwah) Siedlung um Siedlung entsteht (Sohechunath Borochbw, Ram&tgan, En Ganim, Eime Berak Herzlia); aber auf Logik kommt es in diesem Schreibe« überhaupt nicht an, sondern auf etwas gajnz anderes. Auf Logik so wenig, daß der Verfasser auf Seite 1 ifci demselben Atem die Notwendigkeit der industriellen Siedlung als Absatzmarkt der landwirtschaftlichen Produkte und zwecks Erlangung der Majorität im Lande fordert, denn „die wichtige Frage des Absatzes ist bisher vollkommen verhachläßigt worden" (vom „Maschbir" und vom Milchabsatz hat der Verfasser, natürlich ganz ohne seine Absicht, nie etwas gehört) natürlich hat. er auch genau geprüft, welche Güter in den jüdischen Siedlungen bisher überhaupt abzusetzen waren. Und als 'Beweis für die Notwendigkeit der Industrieschaffung im Interesse des Absatzes wird wenige Zeilen darunter angeführt, daß Tel Awew „jährlich zirka 200.0000 Pftijhd Sterling für arabische Gemüse, Eier und Geflügel etc. bezahlt, weil keine jüdische Kolonie in der Nähe diese Belieferung übernimmt". Ob diese Beweisführung nicht eher für die Notwendigkeit der landwirtschaftlichen Siedlung spricht? „Industrien müssen geschaffen werden." Dem Verfasser ist auch heute klar, daß eine solche Feststellung nicht etwa irgendwie ein Aufgeben der landwirtschaftlichen Kolonisation bedeutet, sondern.'nur eine andere Berücksichtigung dieses wichtigen Zweige^ der Industrie, der Landwirtschaft verlangt als bisher". Und an einer anderen Stelle „Landwirtschaft... wird zweifellos den größten Teil des Budgets auch in der Zukunft in Ansprach nehmen". Aber dennoch; Was soll geschehen, außer durch die Feststellung, daß die zionistische Organisation, überall versage, richtungs- und fiihrungslos sei usw.? Wenn mann den größten Teil des! Budgets für Landwirtschaft verwenden muß -— was kann dann geschehen? Wer hat denn die Privatindustrie bisher gehindert? Es genügt vollauf, so zu tun, als habe di,e zionistisch Organisation gehindert. Wo steckt denn der Beweis, daß Privatindustrie eihe schnellere Be- IsSiiedliifrig des Landes ermögliche? Wo steckt denn ,dite rentable Privatindustrie bisher? Warum.' bemüht sich diehn der Verfasser, diel Dinge (so zu verfälschest, als baue er auf irgendeiner Tatsache auf, die beweisen iköfanie, daß „sicher bereits; in der Gegenwart allein durch eine entsprechende Förderung städtischer Besflediung eine Majorität im' Lande erreicht werden 'kann". Die Defizite von Silikat wiegen sämtliche Defizite aller landwirtschaftlichen Kolonien überhaupt auf, Schemeln wird seit drei Jahren gebaut, ohne daß irgendetwas Tatsächliches herauskommt, Kedem, Habotaeh, American-Dainst (Tischelrei), sind vom Erdboden verschwunden; die Existenz auch nicht einer einzigen Industrie in den 20 bestehenden Fabriken, die diesen Namen verdienen (duröhschnittlkh mit 30 und weniger Arbeitern), ist gesicherter a^s die irgendeiner landwirtsöhaftlichen Siedelung, deren Produkte sie' zu bearbeiten haben, wenn in ihnen überhapt irgendein Sinn steckt. Was soll das Gerede von der „Majorität ijn dieser Generation durch Privatihdustrie" außer zu demagogischen Zwecken? Man verstehe mich picht falsch: selbstverständlich ist die Industrieschaffung notwendig und mit allen Mitteln zu fördern; selbstverständlich ist die Frage des Industiiekredites dringend zu lösen, selbstverständlich sind politische und andere Erleichterungen anzustreben (wobei übrigens' der Verfasser wohlweislich so tut, als geschehe auf all diesen Gebieten nichts, was nicht wahr isit: es gibt Handelskammern, es gibt die Tozeret Haarezbewegujng, es gibt eine Industrieabteilung der Zionistischen Organiastion, usw.): Uns kommt es darauf an, die Dinge auf ihr richtiges1 Maß zurückzuführen. Und da zeigt es sich ganz unzweifelhaft, daß nurim! Zusammenhang, nur in Wechselwirkung mit der Landwirtschaft, die Industrie sich entwicekln wird, daß die Industrie als Grundalge die Landwirtschaft haben muß (selbst in Fällen, wie Tabak, Zucker, Baumwolle, Oel usw.), daß nur dort, wo jüdischer Boden] da, ist, selbst diefee Industrie existenzfähig ist, da sie auf Giirnd nur importierten Rohmaterials unter den heutigen Landesbedingungen keine Existenzmöglichkeit hat. Und in den Ausnahmefällen, wo Industrie auf Grand von ausländischen Rohmaterialien ausgebaut ist, wird sie zarüenmäßig nicht mehr ins Gewicht fallen, als die heutige landwirtschaftliche Kolonisation; auch. Die Grundlage der (palästinensischen Industrie wird und muß die Landwirtschaft sein! Und darum ist es leeres Gerede, wenn in dem' Memorandum von Industrie im Gegensatz zur Landwirtschaft gesprochen wird. Man kann mit aller Sicherheit für die nächste Jahrzehnte zumindest voraussagen, daß Industrie i Erez Israel im; wesentlichen als Ergänzung und Fö derin der landwirtschaftlichen Produktion in Betrach kommt; alle anderen nennenswerten Versuche um Pläne, bis auf wenige im Zusammenhang mit de] Bautätigkeit, gipfeln auch darin (Baumwolle, Tabak Seide, Sprit, Zucker, als diejenigen Industrien, di am meisten Aussichten haben, die jüdische Bevölke rung zu \-ermehren). Walter Preuß. (Schluß folgü Sitzung des Verbandsbüros. Montag, dein 13. Oktober fand in Wien eine Sitzunj des Verbandsbüros statt, an welcher die Genossei Kapalnski, Locker, Singer und Sokal teilnahmen. Ge Bosse Reiß (Lemberg) ist im letzten Moment vferhinder worden, der Sitzung beizuwohnen. Die Sitzung hat sich ausführlich) mit der Situatior in der Weltbewegung und in einzelnen Landesparteiem befaßt. Sie nahm1 die Uebersiedlung des Geh. Kaplans!» nach Palästina^zur Kenntnis und stimmte seinen Vor schlagen bezüglich der- Tätigkeit des „Politischem Ko mibees" in Lonodn, welches uns bei der Labor Part} zu vertreten hat, zu. Gen. Kaplanski wird auch weiter hin im ständigen Kontakt mit dem „Politischen Komi tee" bleiben. Es ist beschlossen worden, dem Gen. Locker zc beauftragen, daß er die Einladung der Partei nach Arne rika a/nnehme. Genosse Locker soll dort einige Monate weilen, um für die Orgahisationsaktion und für Palä stina zu wirken, wie auch die Genossen in Amerika über die Probleme der Weltbewegung! luiterrichten und eine engere Verbindung mit dem Weltverbande her 'stellen. Es ist Vorsorge .getroffen worden, daß das Sekretariat während der Abwesenheit des Genossen Locker weiter funktionieren könne. Ausführlich sind die Beischlüsseder Achdut-Haawoda, die das organisatorische A^erhältnis der Partei in Palästina zum Weltverbande und die Frage der Vereinigung mit den sozialistischen Zeirej-Zion betrefjj1 fen, besprochen worden. Es ist abermals festgestellt worden, daß Verhandlungen bezüglich einer Vereinigung nur auf der Grundlage der Beschlüsse der Weltkonferenz geführt werden können und! daß man die Resolutionen von Ejn-Charod lediglich alsj Vorschlage für die nächste Weltkoiiferenz, welche auch die organisatorischen Anomalien im Verhältnis der Achdut-Haa^ woda dem Weltverbande gegenüber endgültig auä der Welt wird schaffen müssen, betrachten kann. Angesichts der Stellungnahme der Landesparteien bezüglich des Zeitpunktes der Wieltkonferenz, ist festgestellt worden, daß eine Beteiligung aller Teile der Weltbewegung erst im Sommer 1925 möglich sein wird. Im Einverständnis mit der amerikanischen und der Zustimmung u. a. auch der ostgalizisohen Partei, hat die Sitzung beschlossen, die Weltkoiiferenz im zeit liehen Zusammenhange mit dein 14. Zionistenkongresse einzuberufen. Eine Reihe von Beschlüssen sind bezüglich der ideologischen imd organisatorischen Vorbereitung der (Bewegung für die Weltkonferenz, der Intensivierung clor Palästinatätigkeit und der Hilfd für die Landespar-, teien beschlossen worden. Mit großer Zufriedenheit hat das1 V.-ß. die Re* richte der vergrößerten EinwTanderung unserer Genossen aus Polen nach PaMstina und die Vereinigiuiig unserer Partei in Argentinien; mit den dortigen sozialistischen Zeirej-Zion in eine vereinigte Partei PoaJe-Zion zur Kenntnis genommen. Es ist beschlossen worden, die Landesparteieri nochmals auf die unbedingte Notwendigkeit, durch eine breite Schekelaktion, eine stärkere Arbedtervertretung auf dem nächsten Zionistenkongreß zu sichern. Auch sind die Aufgaben, der nächsten Tagung de» Plenums des Konntees für das arbeitende Palästina besprochen »ad unseren Vertretern die entsprechendeni RichflinSen erteilt Averden. Zur sechsten Konferenz der ostgalizischen Partei,, deren ideologische Entwicklung in der letzten Zeit Beunruhigung hervorgerufen hat, ist Genosse M. Singer entsendet worden. Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Dr. Rudolf Glanz, XVIII., Weimarerstraße 19/10. — Druck: „Adria" Wien. II., Taborslraße 52 B.

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