Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- 10 (04.11.1924)
- Date
- 1924-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. bb. n pp~ ünsere Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion tind Administration: Wien, II., Blumauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljähr.. 6.000 K halbjähr. . . 12.000 „ Einzelne Nummer 1000 Kronen Nr. 10. Wien, 4, November 1924. 1. Jahrgang. Zu den Kultusgemeindewahlen am 9. November. Das bisherige Wirken der Herren in der Kultusstübe bildet die größte Sünde wider den Geist der Juden und des Judentums. Die Ivnltasigetmeiinide soll die relegiösen Institu tionen pflegen, doch müssen die meisten Tempel und Belhäusier von privaten Vereinen und Emzelpersonen erhalten weirden. Die Kiütu&gemeinde soll eine soziale Tätigkeit entfalten und irri , Geiste des Judentum^ müßte diese Tätigkeit: Zduko— Gerechtigkeit sein. In Wirklichkeit alter ist die soziale Tätigkeit der Kultusgemeinde auf den Nullpunkt gesunken, bis auf das Ajljmjosetogeben, das unproduktiv ist und die Hilfe- Suchenden zu Schnoreaiii erniedrigt. .Auf jdie&e Weise ha.ben die Machthaber der JtiiHu'sstuhe die Grundlagen dieser wichtigen Institution untergraben. Die WaMvereinigung für soziale Tätigkeit in der Kultusgeinieinde, die zum erstenmal an dem Wahlkämpfe teilnimmt, hat 'sich demgegenüber zur Aufgäbe ^gestellt: „Die Kultusgemeinde soll sich außer der Pflege der* rieligiösen Institutionen hauptsächlich mit der l .ö'siihg sozialer und ladturoller Aufgaben befassen. Diese sind: Das Fürsorgewesen, weJches sich mit den besonderen Ersoheiimngen der jüdischen Armut zu. befassen hat, Soll derart ausgestaltet werden, daß es' allen Anforderungen sozialer Hilfsbereitschaft entsprechen kann. Die bereits bestehenden sozialen Institu tionen der Kultusgeaneinde sollen in demokratischen! Geiste (bei iVIitwirkung der dort Beschäftigten) um- und ausgestailtet werden." Die w i r t sch a f 11 i ch e Not in Oesterreich und in den Ländemi jüdischer Ma&senaiijsiedlung, hat auf die jüdische Bevölkerung geradezu verheerend gewirkt. Das' U in s c h i c h t u n ,g s p r o b 1 e m ist für kein Volk so brennend wie für uns, die Not (unserer gdstigen und •manuellen Arbeiter ist seit dem Kriege ins Unermeßliche gewachsen. Zur Abhilfe dieser Nob fordert^ die) iWaihlvereinigung; für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde: „Die Errichtung eines Amtes für soziale Verwaltung mit entsprechenden Stellen für Berufsberatung und Arbeitsvermittlung, wobei besondere Gewicht darauf zu legen wäre, die zu Beratenden produktiven Berufen zuzuführen. Dieses Amt hätte auch, für die berufliche Ausbildung der zahlreidhen nicht qualifizierten jüdischen Arbeiter und Jugendlichen durch Errichtung von Lehrwerkstätten und Handwerkerschulen Sorgi© zu tragein." Erhebliche, 'feile der jüdischen Bevölkerung, besonders in Osteuropa, werden gezwungen, ihre Wohnstätten zu vierlassen, um in arideren Ländern Erwerbsmöglichkeiten zu stachen. Während die meisten Länder der Welt ihre Tore diesen arbeitssudhenden Wanderern! verspenen, entsteht in Palästina ein an iVufnahmlsr fähigkeit neuer Einwanderer stets wachsendes jüdisches Zentrum!. Wenn diWsie Wanderung zum| Segen für die! jüdische Gesamtheit werden soll, muß sie von den jüdischen Institutionen in geregelte Bahnen geleitet werden. Die Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in <fer •Kultusgemeinde fordert deshalb : „Mitwirkung bei der Regelung der jüdischen Wanderung durch. Errichtung von Durchzugsstationen, Informationsbüros und dergl." Aber nur dann wird die Kultusgemeinde obert wähnten Aufgaben gerecht werden können* wohn sie in eine v/ahrhaft demokratische Volksgemeinde verwandelt wird und die Lasten des Budgets gerecht und vertiünftig verteilt werden. Wir fordern deshalb: „Die Statuten der Kultusgemeinde sind zeitgemäß zu ändern und in erster Linie das allgemeine und gleiche Wahlrecht einzuführen. Alle Angehörigen der Kultuögenieinde, welche aim 1. Jänner des Wahljahres das 20. Lebensjahr erreicht bähen, erhalten, das aktive Wahrlecht. Das passive Wahlrecht-ist an die Erreichung des 28. Lebensjahres gebunden, wovon auch die Angestellten der Kultusgemeinde und Tempeiivereine nicht ausgenommen sind." Der Schande, daß in einer demokratischen Republik eine jüdische Institution auf solch reaktionärer Grundlage gebildet werde, muß ehestens ein Ende gesetzt werden,. Zur Reform; deis" Steuerwesens fordern, wir: „Das Steuerwesen der Kultusgemeinde ist auf modemer1 Grundlage umzugestalten, wobei im Rahmen des progressiven Beisteuerungssystems die wirtschaftlich Schwachen besonders zu berücksichtigen sind, .während Jas.S^e^a^BlM»-.abgea.cjhafft.werden soll. Die Veranlagung, Einschätzung und Vorschreibung der Steuer soll vereinfacht und dief Bezahlung der Steuern in entsprechenden Raten ermöglicht werden. Den Bezii-kskommissionen sind auch im Steuerwesen größere Befugnisse einzuräumen." Eine vernünftige sozial gerechte Steuerpolitik würde der Kultusgemeinde zweifellos ermöglichen, ihren dringenden Aufgaben gerecht zu werden. \ 'Dem Uniuge, daß nicht Strenggläubige Religiosität heucheln und in rein rituellen Angelegenheiten! mitreden, will die „Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in der Ktiltusigemeinde" durch folgende Forderung Endje setzen. „Die ausschließlich religiösen und rituellen Angelegenheiten sollen einem Ausschüsse geeigneter r^eligionskundiger Vorsteher überwieslen werden, welche/m die weitestgehende Autonomie gewährt werden soll." Die Schuld der bisjetzigen Machthaber. In der letzten Periode haben in der Kultusstube hiebt mehr die aÜtliberalen Asisimilanten allein die JCultuslgemeinde verwaltet, die Jüdischnationalen haben an der Verwaltung reichUch teilgenommen. Der Wahlrechtsraub an 18 tausend Steuerzahlenden, wie alle verbrecherischen Unterlassungssünden der Kulmsgemeinde fallen den Jüdischnationalen nicht welliger als den altliberalen Israeliten, mit denen sie übrigens1 auch geineinsam den Wahlkampf führen; zur Last. Unter dem Namen „Vereinigten Jüdische Parteien" haben sich die Verräter an der Demokratie^ die Schädlinge der jüdischen Bevölkerung zusammengefunden. Am 9.-November soll jeder denkende Jude zur Wahl Schreiten und mit seiner Stimme gegen die vereinigte Clique, für die progressive, soziale Umgestaltung der Kultusgemeande entscheiden. — Genossen und Freundel Es gilt, am 9. November; den! Gegnern geschlossen etntgegeixzutneten, um alle Wähler, die wir für unsere Forderungen gewonnen haben, erfassen zu können. Es ist Pflicht eines jeden Genossen und Sympatikers an diesem Tage mitzutun. Wir fordern euch alle auf, Freitag den 7. November, um 8 Uhr abds., in unserem Parteilokal (IL, Blumauerg. 1) zu einer dringenden Besprechung zu erscheinen. Keiner darf fehlen l Jüd. so z.-dem!. Arbeiter or g. Poaile-Zion, Wien. An die freigewerkschaftlich organisierten jüdischen Angestellten Wiens! (Tür Sonntag, den 9. November 1. J., ist die ^Neuwahl des Vorstandes der Wiener israel. Kultusgetneitide abgeschrieben, an diesem Tage soll über die Zusammensetzung dieser Körperschaft für die nächsten .4 Jahre entschieden werden. Diesie Wahlen sind füi* die Angestellten der Kultusgemfeinde von lebenswichtiger Bedeutung. Die beiden, die Kultusgemeinde dermalen beherrschenden Parteien, die Altliberalen und die Jüdischnationalen, welche sich nunmehr auf einer Liste geeint unter delm Namen „Vereinigte jüdische Parteien" der Wählerschaft präsentieren, rekrutieren sich ausschließlich aus den Kreisen des großkapitalistischen, scliarfmacherisehen Bürgertums, welches in jedem Angestellten einen Feind und in dessen berechtigter Forderung nach Gewährimg einer menschenwürdigen Existenz ein Attentat auf seinen Geldsack erblickt. In Konsequenz dieser aus den brutalsten, Klasseninstinkten entspringenden Moral, oder besser gesagt, U(nmoral hat sich der gegenwärtige Kultusvorstandj an den Angestellten der Kultusgemeinde schwer vergangen. Erbitterte Lohhkämpfe, die zeitweilig die Anwendung der schärfsten gewerkschaftlichen Mittel notwendig machten, technische Nothilfe durch Kultus Vorsteher und deren Fanulienangehörigen, yerweigeruiv*; einer der modernen Zeit entsprechenden Dienstordnung und eines ebensolchen Pensionjßnormales, Knebelung des freien Worte* und Verweigerung des passiven Wahlrechtes sind für die Angestellten der Ktdtusgemeinde: die traurige Bilanz der verflossenen 4 Jahre. Um dieses, die Mejn^henwürde der Angestelltenschaft tief verletzende System zu Falle zu bringen, unterstützt das gefertigte Komitee für! diese Wahl eine Liste, welche unter dem Namenf „Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde" in den Wahlkampf eintritt. jK ©liegen, A n g e stellte! Die Angestellten der Kultusgemeinde apellieren in ihrem schweren Kampfe an eure Solidarität und bitten euch, soweit ihr Kultuswähler seid, inständigst daß ihr ihnen behilflich seid, ilire Gegner, welche auch die eurigen sind, niederzuringen. Uebt daher aäm' 9. November euer Wahlrecht ganz bestimmt aus und stimmt geschlossen und werbet für die \ 4 Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde. Listenführer Dr. Edwin Bader! Sie tritt ein: Für die Sicherung der Existent! der Angestellten, ^veineiinitens^enwürdige Behandlung der Angestellten, für Ausbau der Wohlfahrtsihstitufce^ Erweiterung der sozialen Fürsorge, gerechte Verteilung der Lasten, insbesonders Inanspruchnahme der Reichen, allgemeines Wahlrecht l Für des Anges^ellten-Wamkomiteej: Josef Pick, Richard Kaiser, Moritz Figdor, Markus Pick, Dawid Steinbach, Sigmund Kornfein.