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Unsere Tribüne · 1924-08-15 · 7 (15.08.1924) · page 1

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Journal
Unsere Tribüne
Volume
1 (1924)
Issue
7 (15.08.1924)
Date
1924-08-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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w» Ii« Ii« IfiiiToysitätgbibliothök ViXQlß I. ,.. > 'x- Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien ■s . Erscheint zweimal monatlich atl|h Redaktion und Administration: Wen, II., Blufflauergasse l/tl Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: Vierteljahr.. 6.000 K halbjähr. . . 12.000 , Einzelne Nummer tÖ00s Kronen Nr. 7. Wien, 15, August 1924. 1. Jahrgang. ^Die politischen Entscheidungen in London. Bangen Herzens harren jetzt die Völker Europas auf .US«; EntsCheidhingeh in London. Nicht am Sozialismus oder Kapitalismus wird in London igeirungen, obwohl die englische Arbeiteairegierung der IniiÜator dieser Konferenz war und Macdonald, der führende Mann dieser* Beratungen ist. Dort wird ein Ausweg aus dem permanenten Kriegszustände, in welchem die verschiedenen „Friedensverträge/4 Europa gestürzt haben, gesucht. Es ist für die Impotenz der bürgerlichem Poli'lälk bezeichnend, daß selbst <fcie Wiiederberslelihingvihrer kapitalistischen Ordnung von Vertretern der Arbeiterklasse übernommen werden muß. Wie lailmächlngästd'oeh die i^ierungakundige Bourgeoisie! Wenn die Anzeichen m||:M ifcäusclien, wird trotz aller Schwierigkeiten, die die dentechla und die französische Reaktion den Bemühungen Macdonalds bereiitet, das Resul- 'tafc der Londoner Verhandlungen ein polslüves sein. Die Wemäung zum Frieden in der Politik Europas wird einen Schlag ins Gesicht der bürgerlich'eini. Ploliltiik bedeuten. Hochverrat als Programm. Wie pflegten diie Herren MonasreriisteM in der alten guten Zeit gegen einen Hochverrätier zu wettern. Auflehnung gegen die Staatsge^ -oft am Galgen gesühnt werden. Aber' heutzutage! Heute ist ies Pflicht jedes deutsehen Patrioten, am deutschen Staate Hochverrat zu üben. Der leichtsinnige Massenmörder Luden- ' dorf darf ungestraft Verschwörungen gegen die Reichsreguerung organisieren,, in Bayern nimmt Kronprinz ■Ruprecht bei der Reiichswehr Parade ab, als ob sich in Deutschland nichts geändert hätte. Zu Kaiser Wilhelms Zeilen mußten viele des Hochverrates Beschiuldägileto, im Kerker zugrundegethten, in der deutschen Republik darf der Hochverrat das Programm der eigensichligen Nutznießer des monarchistischen Regimes bilden, ohne, daß diesen Herren eiinj Haar gekrümmt werde. Einem Volke, daß solches duldet, kann man wirklich reipubükanische Gesinnung nicht zutrauen. I Ein neues Attentat der israelitischen Kultusgemeinde auf die jüdische Bevölkerung in Wien. Den Herren' in der Seifanstetteng-isse, die Zi > rüsten natürlich inbegriffen, scheint es sehr bange um die bevorstehende Entscheidung der Kultuswähler zu sein. Um ihre Macht in der Kultusstube zu sichern, scheinen sie sich mit dem Wahlrechtsraub, den sie an tausenden steuerzahlenden Mitgliedern der Kultusgemeinde begangen, noch nicht beruhigt zu haben. Sie sinnen nach neuen Mitteln. So teilt die israelit. Kultusgemeinde jetzt mit, daß wer bis Anfang September die Kultussteuerrückstände für die Jahre 1922 und 1923 nicht begleicht, seines Wahlrechtes verlustig wird. Die Herren wissen, daß viele Arbeiter und Angestellte gegenwärtig auf Urlaub weilen und sie hoffen durch diese Kimdinachung die Zahl der wahlberechtigten Gegner noch weiter zu verringern. Wir machen hiemit alle Arbeiter und Angestellte darauf aufmerksam. Wir müssen bereits jetzt alle Vorkehrungen treffen, um die sauberen Pläne der Kultusherren zu zerstören. Es darf diesen Herien nicht gelingen, daß sie die Neuwahl, die am 9.* November stattfinden soll, zu einer Angelegenheit ihrer Sippschaft machen sollen. Alle arbeitenden Juden müssen sich rechtzeitig ihr Wahlrecht sichern. Am 9. November sollen die Herren in der Seitenstettengasse die Antwort erhalten, die sie verdienen. Auf der polna9chnCumasiA9C.I^ri Eisenbahnlinie bewegt sich ein Zug von unzählige^1 die sich bemüheu, auf Umwegen nadhl^fttfißilina zu gelangen. In Wien selbst liarren mehrere /hundert Emigranten einer Hinreisemöglichjüe$i:;<^fe'K'-.j)j^j^fea. f Und in Palästina selbst herrscht' ein Mangel^ Ks mußten viele Arbeiten in den Städten unterbrochen werdpn, um die Arbeiter für die Taibaikernle frei zu beikommen. Aber trotz alJer Bemühungen ist es nacht gelungen, die nötige Zaihil von Arbeitern aufzutreiben und ein Teil der Tabalternle ist versengt worden! Müssen wir auch uniler dem Regtime Macdonalds durch brutalen Widersinn solchen Leiden ausgesetzt sein?, In Palästina soll ein Teil1 der Ernte aua Mangel an Arbeitskräften zugrunde gehen und Tausendc jüdischer Arbeiter sollen vergeblich aiuf eine Einreisebewilligung warnten?* Wir können und wollen das nicht glauben. Wir neigen eher zur Annahme, daß wir die Forderung um freie Ein Wanderung nach Palästina nicht mit dem nötigen. Nachdruck vertreten, daß man an maßgebender Stelle die Tragweite der Drosselung) der Einwanderung nach Palästina nicht erfassen konnte, sonst wäre das Verhallten der englischen Arbcileiregierung undenkbar. Unser Verbandsbüro müßte hier energisch eingreifen. Im Namen der schwer leidenden arbeitliendlen Juden, die sehnsüchtig darauf warten, die , in . Palästina fehlenden Arbeitskräfte abzugeben, sollen unsere führenden Genossen am'' die:' engWsehe .,Arh^1)&Tre^^ung' mit der Forderung '• n^ÄlTCHefl':-^-t>'^ffU^l-V<ile Tore Palästinas! ■ 5 Die Not pocht hier wie: dort an der Tür, äußerste Eile ist Gebot. Öffnet die Tore Palästinas! vP^.ftelfitänMmtarln-W^ Krakau und Lemberg werden von Tausenden arbeitswilligen Juden um Einreisebewilligungen nach Palästina förmlich bestürmt. Die Sitzung des zionistischen A. C. Der „Misrachi" an der,Spitze der Arbeiterfeinde iVom 24. bis 29. Juli halt inj Lonidbm die Sitzung dies zionistischen Aktionskomitees getagt. Der Sitzung wurde diesmal besondere Bedeutung beigemessen, weil sie die übliche Jahreskenferenz („kleiner Kongereß") zu ersetzen hatte. Die Beratung hat aber trotzdem — außer der Kampagne gegen die jüdische Arbeiterschaft — nichts1 Bemerkenswertes zu verzeichnen. Weitzmamn und seine Anhänger haben noch immerv die Verbindung mit den amerikanisch-englischen Geldjuden bei der Schaffung der .lewish Agency als das Allheilmittel in der jetzigen Situa tion befürwortet. Die Gegnerschaft Weitzmanns im bürger- Lichfen Lager selbsit halt, wie ziu erwarten war, merklich nachgelassen. Nur die Vertreter der Arbeiterschaft, insbesondere Genosse Locker, ist energisch gegen diesen^ Tanz um das goldene Kalb aufgetreten und hat nachzuweisen versucht, daß nur eine Erweiterung der „Jüdischen Agentur" auf dem Wege der Demokratie uns der Verwirklichung des Zionismus in Palästina näher bringen kann. Beschlüsse wurden in dieser Frage nicht gefaßt. Im dieser Beratung wurde der Kampf gegen die genossentschlaftliche Arbeiteirkolondsation in Palästina eingeleitet. Auch hier mußten die Ambeitervertreler den Entstellungen und Verleumdungen seitens djer Feinde der Arbejterkolonisalion entgegentreten. Daß die Annäherung an die jüdische PlutokraSlie und die Offensive gegen die jüdische Arbeiterschaft einander bedingen, ist jedem Einsichtigen klar. Beschlüsse wurden einstweilen keine gefaßt, es war bloß ein Vorpösltengefecht. Erwähnenswert ist nur noch, daß der Vertreter des ^Misrachi", Herr Farbstein, als einer der wütendstem Gegner der Arbeiterschaft sich präsemtiert hat. Sonst faseln diese Herren, gerne vom sozialen Geisjt djer Bibel, wenn es sich aber um den leuenem Ppivatbesitiz handelt, vereinigen sich diese Bibel-J udjen mit ihrem ungläubigen KJassenigenossen zum Kampfe gegen die jüdische Arbeiterschaft. Heuchelei und Verlogenheit sind auch die Merkmale der jüdischen Frömmler. Eine Wendung im Zionismus, Kampf fegen die Arheiteikolonisatl«. Was viele von uns vorausgesehen ünd vorausgesagt haben, scheint nun einzutreten. Die bürgerlichen Zionisten geben mm, ihren „Traum" vom Aufbau eines Palästina auf den sozialen Grundsätzen der Bibel auf. An der Spitze marschieren natürlich die bürgerlichen Zionisten aus Amerika. Die Herren sind nun endlich' des „Idealismus" müde geworden. Unter schwersten Opfern haben die Arbeiter die Wege für die Ansiedlung Palästinas gebah.nl.. Die reichen Onkel haben Dollars beigesteuert. Aber nun wollen sie doch endlich auch: zu ihren buisnes kommen. Der Idealismus der jugendlichen Schwärmer hat sich verflüchtigt. Der Geschäftsmann fordert seine Hechte. In allen Ländern, auf allen zionistischen Tagungen der letzten Zeil, werden Heizreden gegen die Ärbeiterkolouisalion vom Stapel gelassen.. Die Devise lautet: Kein Geld mehr für die proletarischem, gemeinwirtschaf fliehen Unternehmungen, freie Bahn für das Privatkapital! Der Ring des zionistischen. Bürgertums aller'Länder scheint sich, zu schließen, denn es kommen ähnliche Nachrichten aus Polen und Palästina. Es wird zweifellos an der Vorbereitung eines Generalangriffes gegen die Arbcilerrichtungen im Zionismus gearbeitet. Die zionistisch-sozialistische Arbeiterschaft wird dem ihr aufgezwungenen Kampfe nicht entgehen. Je fifiber die jüdische Arbeiterschaft sich dessen bewußt wird, umso erfolgreiche^ wird sie aus diesem Kampfe hervorgehen.:' '..--• - ";---;':V:'-:-'-;..': VM. S. . Das Martyrium der jüdischen Durchwanderer |n Wien. Das Verhalten der Wiener Behörden. J3a3 Wirtschaftisleben in Polen soneint gründlich bm schüttert zu. sein. Die Sanierung der Regierung Grabski hat eine verhängnisvolle Stagnation in Handel und Industrie zur Folg©. Eine Arbeitslosigkeit in. noch nie d^ewesenem: Umfange zermürbt die Macht der Arbeiteirs'chaftf Arn. schwersten bat die jüdische Arbeiterschaft und der verarmte Mittelstand/ \inter';'.diesen Ziistiiaden zu leiden. Denn zu den Leiden ger 'gesamten polnischen Bevölkerung gesellt sich für sie noch der Haß und die Verfolgungswiit der reaktionären Regierung. Es ist ja "ein beliebtes Mittel der bürgerlicihen lieaktion aller Länder -und Völker, die Erbitterung der Massen von sich abzulenken und die Juden als Sündenbock hinzustellen. Der Jud ist schuld. Daß.die} jüdische Jugend keine Lust verspürt, diesem: teuem VaW- Jande Militärdienst zu leisten, kann ihnen wirklich niemand verargen. i ( In ihrer Not und Verzweiflung verlassen nun viele Juden fluchtartig Idas Land, In Europa herrscht überall Not, die Toie Amerikas sind verschlossen, auch die Einwanderung nach Palästina wird von der englischen Administration gedrosselt. So sind diese Opfer der polnischen Reaktion zum Biellasen Herum wandern verurteilt.. Einige Hunderte von diesen Auswanderern haben auf ihrem Wege Wien berührt. Sie gedenken wohl nicht in Wien zu bleiben, hier wollen sie blaß von den Strapazen des Weges austrnhen und versuchen, üire Marschroute geordneter fortzusetzen. Während das Wiener Paßamt diese Durch Wanderer human behandelt, nehmen, die österreichischen Grenzbehörden und die Wiener Polizei keine Rücksicht. auf die'bedauernswerten Wanderer. Sie werden wegen unerlaubten Grenzübertrittes zu schweren Geldstrafen verurteilt und viele von ihnen werden unbe^ründeterweise wochenlang im, Arrest gehalten. Das Aufenthaltisverbot wird diesen Hilfesuchenden gegenüber, die Wien nur als Durchzugsstation betrachten, strengstens gehandhabt. Wen irgendwer Anspruch auf Asylrecht zu erheben berechtigt ist, sind es zweifellos die gehetzten jüdischen Dm'chwanderer. Die Polizeidirektion möge etwas nachsichtiger mit ihne nümgeheu. ..•' Aber bei weitem mehr als durch die Behörden haben die jüdischen Durchwanderer von den verschiedenen Nutznießern ihrer Notlage, durch die Passivität; der jüdisphea Parteien und von der schädlichen Tätigkeit der Kü'ltüsgemeinde zu leiden. Einiges wollen wir , hier mitteilen. Die religiösen. Vampire. In informierten Kreisen wird jetztmit Bestimmtheit behauptet, daß die Frörrimlerder , Aguda" zu dieser Wanderung ermuntert haben. Wie nun die Durch wanderer in Wien angelangt sind, haben, sich diese ehrenwerten Herren wie die Vampire auf sie gestürzt. Der Leiter ihres Rec^tsschutzbüros, ein gewisser Herr Grünberg, hat sich* der Erpressung an Durch Wanderern und der Unterschlagung ihres Geldes, schuldig gemach t, und dieser Herr ist auch nach' Feststellung dieser Verbrechen in Amt und Wurde verblieben. Das ist wohl nicht anders zu erklären, als daß die Hejrnen der „Aguda" sich mit diesem Vampire der verfolgten Durchwanderer solidarisieren. Und diese Gesellschaft erfrecht sich, Religiosität und Frömmigkeit zu heucheln.

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