Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- 4 (07.06.1924)
- Date
- 1924-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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3rgan der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien * Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 /II Bezugspreis: vierteljähr.. 6.000 K halbjähr. . . 12.000 „ Einzelne Nummer 1000 Kronen Nr. 4. Wien, 7, Juni 1924. 1. Jahrgang. Im Zeichen der Zeit. Ein verzweifelter Arbeitet hat ein Attentat auf den Bundeskanzler verübt und dann Selbstmord versucht. Klein Sozialdemokrat kann dieses Attentat rechtfertigen. Die klassenbewußte! Arbeiterschaft hat, besonders in einem demokratischen Staate, erfolgreichere Kampfmittel als* Mord. Der Kampf der Sozialdemokratie gegen Seipel galt nie seiner Person, sondern dem Vertreter des Bürgertums und des Großkapitals. Das Attentat auf das1 Leben des Bundeskanzlers muß daher von. jedem Sozialdemokraten verurteilt werden. Aber es gilt, die Stimmung zu kennzeichnen, aus welcher solche Taten des Wahnsinns begangen werden können. . Seit Monaten veröffentlicht die Presse täglich Serien, von Berichten über Selbstmorde aus' Verzweiflung. Es1 wird von einer Selbstmordepidemie gesprochen. Kurzarbeiter und Abgebaute, die Opfer der Genfer Sanierung, brechen unter der Last der Not zusammen und flüchten aus dem Leben. Der Familienvater kann (f.'.tü Hungern seiner Angehörigen nicht mehr ntilansehen und er setzt seinem Leben ein Ende. In Not und Pein sehwindet jeder Resplekt vor der Majestät ,des Lebens, Diese ,verzweifelt|e| Stimmung des Arbeiters wird durch das Verhalten der Regierung nur noch gesteigert. Die Spekulation der Großbanken, die durch den hohen Zinsfuß die Industrie unterbinden, wird von den* Regierung gefördert. Das Leben des Arbeiters ist; schutzlos. Hakenkreuzlerische Mordbuben werden für die Tötung eines sozialdemokratischen Arbeiters mit 100.000 K bestraft. * Ist es nicht selbstverständlich, daß sich der Arbeiterschaft große Erbitterung bemächtigt? Und wenn sich solche Erbitterung auf einen Seihstmordkandidaten überträgt, sind alle Voraussetzungen für politische Mordattentate gegeben. (Den unseligen Attentäter wird das Urteil eines Gerichtes ereilen. Aber zu Gerichte wird nicht bloß .lavorik sitzen, neben ihm werden sich die Urheber und Vollstrecker der bürgerlichen Sanierung auf der Anklagebank befinden. Sie tragen die Schuld an der Not der Arbeiter, sie haben die Schaffung der Atmosphäre von Mord und Selbstmord auf ihrem Gewissen, sie werden sich von der Mitschuld an diesem Attentate nicht reinwaschen. Sie sind schuld an der Not j der Zeit, sie sind daher auch für das Attentat, das ein Zeichen dieser Zeit der Not darstellt, mitverantwortlich. 1 Internationale Tagungen in Wien. Wie oft ist sie totgesagt worden, die Internationale der Arbeiterschaf t! Und immer wiedeir steigt sie wie ein Phönix aus den brennenden Ruinen voll Macht und Lebenskraft hervor. Wie haben die Feinde dier Arbeiterschaft aller Länder und Sprachen gejubelt, al$ Arbeiten gegen ihre Brüder die Mordwaffen erhoben. Wie haben sie gefrohlockt, als nach Beendigung des1 Krieges ein' furchtbarer Meiinungsfcampf in der Arbeiterschaft entbrannt ist, der zeitweise in einem blutigen Bruderkampf ausartete. Da jubelten sie allerorten: diö Internationale der Arbeiter ist tot! In Wien tagt zurzeit der Gewerkschaftskon grjeiß de® Weltproletariats und die Exekutiv)© der sozialistischen Arbeiter-Internationale. Wir sind unmittelbare Zeugen dessen, daß die organisierte Arbeiterschaft fast aller Länder sich der Gemeinsamkeit ihrer Interessen bewußt sei und den Kampf gegen, das Weltkapital gemeinsam organisiert. Wir können uns fiberzeugen, daß Wege und Mittel gesucht werden, um jedem Versuch eines Krieges ein© internationale Abwehr der Arbeiterschaft entgegenzusetzen. Die Freude unserer Feinde war verfrüht. Trotz mancher Schlappe steht das sozialistische Proletariat ungebrochen da. (Die Siege des englischjen, französischen, dänischen und finnländischen Proletariats sind zweifellos Anzeichen, daß nimmehr eine 'entscheidende1 Wendung in der Machtstellung des Proletariats auch in den andern Ländern bevorsteht. Die Herrlichkeit der Nationalisten in Deutschland wird wohl an ihren inneren Widersprüchen scheitern, die Horthy und Mussolini werden an ihren, eigenen Taten zugrundegehen. Und ■die Internationale wird die Weltmacht, sie wird die Menschheit sein. 'Der Geist, der die beiden internationalen Tagungen (beherrscht, berechtigt diese) Hoffnung vollauf. Wir freuen uns, daß.^ unsere Genossen auf beiden. Tagungen vertreten sind. Am, Gewerkschaftskongreß beteiligen sich zum ersten Male die Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas, an dem. Beratungen ,der lExekiiti^der soz. Arbeiter-Internationale nimmt unser Vertreter, Genosse Kaplansky, teil. Während die andern Gruppierungen der jüdischen Arbeiterschaft abseits vom organisierten Weltproletariatestehen, und radikale Demagogie betreiben, sind wir die einzigen., die mittun, um gemeinsam mit dem klassenbewußten Proletariate den Kampf für den Sozialismus zu organisieren. Wir sind stolz darauf und sind überzeugt, daß die jüdischen Arbeiter unsere Leistungen zu würdigen verstehen werden. * Herr Julius Löwy, wir Diensten! zu In „Unserer Tribüne", Nr. 3, haben wir unter anderem Herrn Julius Löwy, Chefredakteur der „Wiener Morgenzeitung" vorg(eworfen, daß er gegen den Feiertag der Arbeit hetzt. Nun hat uns der Herr Chefredakteur in einer Zuschrift aufgefordert, den Beweis für die' Behauptung zu erbringen. Wir erlauben uns, dem1 Herrn Chefredakteur auf seinen Leitartikel: Der Staatsfeiertag in der „Wiener Morgenzeitung", Nr. 1873, vom13.' Mai id. J. aufmerksam zu machen. Dieser Artikel, der von der ersten bis zur letzten Zeile einen Versuch darstellt, die Sozialdemokratie Deutschösterreichs als abgewirtschaftet zu charakterisieren und die Berechtigung des gesetzlichen Ruhetages am 1. Mai zu. bestreiten, kann nicht anders als wie eine Hetze gegen den Feiertag der Arbeit genannt )werden. IDabei kommt es besonders auf den gehässigen Ton, der diese arbeiterfeindliche Musik macht, an. Um wieviel anständiger hat sich die demokratische bürgerliche Presse in dieser Frage verhalten I Jawohl, die Herren Jüdischnationalen beweisen bei jeder Gelegenheit, daß sie vom sozialen Geist der Bibel völlig durchdrungen sind... Eines soll noch erwähnt werden: In derselben Notiz haben wir . ja viel schwerwiegendere Anschuldigungen gegen die „Wiener Morgenzeitung", die jetzt vom Wein-Bondy-Geist beherrscht wird, erhoben, die genieren den Herrn Chefredakteur nicht. Und die Herren der „Wiener Morgenzeitung" gefallen sich sonst so gut in der Rolle von Hütern der Moral. % Hie Sie Kullusgeraeinfle verwaltet. Die Kultusgemeinde als religiöse Institution. Wenn man der israelitischen Kultusgem'einde den Vorwurf macht, daß sie den sozialen Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung so verständnislos gegenübersteht, erhält man in der Regel zur Antwort: dte Kultusgemeinde ist hauptsächlich eine religiöse Institution. Nun sollte man meinen, daß diese famostei Institution, dieser, ihrer Hauptpflicht zumindest annähernd nachkommt. Aber weit gefehlt! Versuchen]- wir die Avichtigsten Gebiete des religiösen Lebens zu durchstreifen und wir werden.uns überzeugen, daß auch auf diesem Gebiete diej israelitische Kultusgemeinde von heute ihre (Existenzberechtigung völlig verwirkt hat. In Wien gibt es 16 große und mittlere Tejmpel, aber bloß sechs sind Eigentum der Kultusgemejinde, zehn Tempel gehören selbständigen TempelvereinenJ und werden von ihnen erhalten. Außer den Tempeln gibt-es—ungefähr 30- Bethäuser, die 'ebenfalls «von .pri-.. vaten Vereinen erhaltleti werden. Einem ganz geringen Teil -der religiösen jüdischen Bevölkerung Wiens ermöglicht die israelitischen Kultus gemeinde1, sein Gebet verrichten zu können. Die große Mehrheit der religiösen Juden müssen sich ihre Tempel und Bethäuser selbst errichten und erhalten. Es: hat einst in Wien1 Bibelschulen gegeben, in welchen, der jüdischen Jugend Bibteilunterricht erteilt wurde, durch die segensreiche! Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde sind sie aufgelöst worden. Der Religionsunterricht in den Schulen sank auf das möglichst tiefe Niveau, hauptsächlich aus Mangel an entsprechendem Nachwuchs bei den Lehrern, die Kultusgemeinde tut nichts, um diesem Ufebelstande abzuhelfen. Nicht einmal das rituelle Bad konnte die löbl. Kultusigemeinde erhalten. So schaut die; glorreiche Tätigkeit der israelitischen Kultusgemeinde auf dem Gebiete, daß sie selbst für ihr hauptsächlichstes hält, aus. Und die Herreh wundem sich hoch, daß die jüdische Bevölkerung dieser Kultusgemeinde <nur geringes Interesse entgegenbringt und so ungerne Kultussteuer zahlt. Von der Bibliothek zum Schlachthaus. Jeder wirkliche Bibliotheksbenutzer —: es könnten auch unter dem Kultusvorstand welche sein — weiß, wie sehr der Betrieb einer Bibliothek von eingearbeitetem Personal abhängig ist. Insbesondere die! Gemeindebibliothek ist noch, mehr darauf angewiesen, wiiß jede andere, weil sie ausschließlich Handbibliothek ist und der Besteller nicht kostbare Zeit verlieren will, ehe er zum Lesen kommt. „Die Kultus'gemeinde hatte jn ihrer Bibliothek eine durch Jahre hindurch eingearbeitetjel Hilfskraft, die das Heraussuchen der Bücher und die Ueberstellung an den Lesetisch prompt besorgte. Der Mann; mußte endlich avancieren. Was' tat nun die Kultiisgemeindej? Kraft der famosen Unordnung, die in allen Beamleinverhältnissen der Gemeinde herrscht, war für den Mann ein Vorwärtskommen in der Bibliothek nicht möglich, er mußte auf den Schlachthof.