Unsere Tribüne
- Journal
- Unsere Tribüne
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- 2 (01.05.1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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.i _. Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien ä Erscheint zweimal monatlich Nr. 2. Wien, 1, Mai 1924. Redaktion uitd Administration: Wien, II., Blunatiergaise 1/(1, Bezugspreis: Vierteljahr.. 6.0*0 f? halbjähr. . . 12.000 . Einzelne Nummer 1000 Kronen. , 1. Jahrgang. Arbeiter und Arbeiterinnen aller Länder! Vor fünfunddreißig Jahren hat der internationale Soziahstenkongreß in fcaris die Maifeier eingesetzt, umi für die Eroberurff* des Achtstundentages* m demonstrieren. Während eines Menschenalters sind wir in harten und zähen Kämpfen Schritt für Schritt diesem Ziele näher gekommen. Heute geht der Kampf dajum; das Eroberte zu verteidigen und den Achtstundentag international gesetzlich festzulegen. In den nächsten Monaten wird die Entscheidung in vielen Landern fallen. Daher ist der easte Mai in so hohem Maße wie nur gewidmet der Demonstration für den Achtstundentag. Zehn Jahre sind vergangen, seit das Unheil des Weltkrieges zum Ausdruck kam. Zehn Jahre — (aber der Frieden ist-noch immer nicht da. Noch bluten die Wunden, die der Krieg geschlagen, noch sind die zerstörton Wohnstätten nicht wiederaufgebaut, noch ist die Produktion nicht in vollem Gange, noch steht die Welt unter dem unmittelbaren Eindruck, daß außer den zwölf Millionen Toten, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind, Millionen von Krüppeln, Millionen von Hungernden und Darbenden, Millionen von Arbeitslosen aJs lebendige Zeugen |egen den Wahnsinn des Krieges in unserer Mitte sind. Und trotz'alledem wagt #dh der Gedanke an neue Kriege schon wieder hervor. Poincares Ruhrbesetzung und Ludendorffs Revanchephantasien beweisen, wie wenig die Imperialisten auf beiden Seiten der Front gelernt haben. Und noch viel offener hört man die Möglichkeit eines- Krieges auf dem Balkan, der schon einmal das Vorspiel der Weltkatastrophe gewesen. Die Friedensdiktate der imperialistisohen Sieger haben die Probleme nicht jfelöst. Die Prinzipien der Demokratie, das Selbstbestimmungsrechts der Völker haben ihre Schuldigkeit als Propagandamittel im Kriege getan und sind nun zum alten Eisen geworfen. Gegenüber der unheilvollen Verblendung der Imperialisten wird die Arbeiterklasse in diesem Gedenkjahr immeß wieder den Ruf erschallen lassen: Nie wieder Krieg! Vor sechzig Jahren wurde in London die Internationale des Weltproletariats gegründet. Zweimal ist sie geschlagen worden: dem deutsch-französischeni Kriege von 1870 fiel der erste Versuch, dem Weltkrieg der zweite Versuch der internationalen Organisation des Proletariats zum Opfer- Aber immer von neuem drängt sich mit unwiderstehlicher Gewalt die Notwendigkeit der internationalen Geschlossenheit der Arbeiterklasse auf. Der Sozialistischen Arbeiterinternationale ist es in dem Jahre seit ihrer Gründung in Hamburg gelungen, die großen Massen der sozialistischen Arbeiterschaft in ihren Reihen zu sammeln und den Roden zu schaffen, von dem aus: gemeinsame internationale Aktionen des Weltprletariats möglich werden. Als erste große Heerschau des sich wieder einigenden Weltproletariats rufen wir euch auf zur kraf(vollen Demonstratio^am ersten Mai: ' Für die internationale Festlegung des Atihtundentages! - Gegen Kriegshetze und Kriegsgefahr! Für die internatipnale Aktion des sozialistischen Weltproletariats! Die GescMrtekominission der Sozialistischen Arbeiterinternationale:; Friedrich Adler. Zum 1. Mai. Inj den meisten Ländern werden am 1. Mai die jür diachen Arbeiter Schulter an Schulter mit den Pro« letariern der anderen Völker gegen die kapitalistische Reaktion, für den endgültigen Sieg des Sozialismus in brüderlicher Solidarität demonstrieren. Die Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft werden aber auch ihre Stimme für die Minderheitsrechte des jüdischen! Volkes in den Ländern jüdischer Massensiedlung erheben. Wir werden der sozialistischen Arbeiterschaft aller Länder und Völker klarzumachen versuchen, daß der Aufbau dea arbeitenden Palästina auf genossenschaftlicher und kommunistischer Grundlage eine unbedingte Notwendigkeit für die volle Entfaltung der Macht der jüdischen Arbeiterschaft sei und daß diese Bestrebungen keinesfalls sich im ^Gegensatz zu dem lallgemeinen sozialistischen Prinzipien befinden. Heut->. zutage, da die Bestrebungen der Poale-Zion die Anerkennung der höchsten proletarischen Autorität, der Sozialistischen Internationale, bereits gefunden haben, dürfen wir wohl annehmen, daß die Proletarier aller Länder ihre Solidarität uns gegenüber nicht versagen werden. Es war seit jeher der Stolz der sozialistischen1 Internationale, daß sie sich der kleinen, unterdrückten Völker mit besonderer Wärme annahm. Es soll zur Pflicht jeder sozialistischen Partei werden, dieser f schönen sozialistischen Tradition treu zu bleiben. Die Bestrebungen des jüdischen Sozialismus, insbesondere, die Errichtung einer Heimstätte für die jüdische Arbeit in Palästina bilden den* Weg des jüdischen Proletariats zur Verwirklichung des Sozialismus und gehören somit zu den Kampflosungen des internationalen Sozialismus. Die Opfer des ersten Mai in Jaffa. Vor drei Jahren, als die jüdischen Arbeiter Palästinas am 1. Mai in geschlossenen Reihen über die Straßen Jaffas zogen, um ihrer Solidarität mit den Arbeitern der ganzen Welt Ausdruck zu verleihen, traten ihnen bewaffnete arabische Banden entgegen und richteten ein Blutbad an. Die jüdischen Arbeiter riefen alle Arbeiter des Landes, auch die arabischen, zur Bekundung der Solidarität aller Arbeitenden im Kampfe gegen Ausbeutung und Unterdrückung, als Antwort erhielten sie totbringende Gewehrkugeln. Die Opfer als auch die Mörder waren arbeitende Menschen.1 Mit dem'einen Unterschied: die Opfer waren zielbewußte Kämpfer für ein neues jüdisches Leben, für den jüdischen Sozialismus, die Mörder waren unwissende^ von den arabischen Großgrundbesitzern aufgehetzte Bauern. Die Besitzenden in Palästina, wie ihre Klassengenossen aller Länder verstehen es, Arbeitende in einen Kampf gegen Arbeitende zu hetzen, um die angebliche nationale Gefahr abzuwehren, in Wirklichkeit aber das kapitalistische Privateigentum zu schützen. " * '! In Trauer gedenken wir der Opfer des blutigen 1. Mai in Jaffa. Das Blut, das dort geflossen ist, mögei ein Tribut für die sozialistische Idee in diesem Lande sein. Hoffen wir, daß die arabischen Arbeiter des Landes in Reue der unschuldigen Opfer ihrer Klassengenossen gedenken und durch sozialistische Taten ihre Untat sühnen werden. Richard Dehmel. Maifeierlied. Es war wohl einst am ersten Mal, viel Kinder tanzten in einer Reih', 1 arme mit .reichen,. " und hatten die gleichen vielen Stunden <\ zur Freude frei. Es ist auch heute erster Mai, viel Männer schreiten in einer Reih', dumpf schallt ihr Marschgestainpf, heut' hat man ohne Kampf . , keine Stunde zur Freude frei. Doch wohl kommt einst ein erster Mai, da tritt alles Volk in eine Reih*, mit einem Schlage hat's alle Tage, ein paar. Stunden zur Freude frei A) >** Kurt Eisner. Gesang der Völker. Wir werben im Sterben 1 Um ferne.; Gestirne. Sie blink|n im Sinbep l Und stgrzen in Nacht.;Es wollen die Massen Nicht das Leben hassen. Die Freiheit ruft empor,^ Von den Sternen bekränzt. Die Zeiten entgleiten., ., Die Erde erbebte. Es krallte das Alte Ins Herz junger Zeit Da mußten die Bleichen ' Den Schreitenden weichen), Du Volk wurdest erweckt, Der Tod war besiegt Wir Schwören zu hören Den Rufern der Freiheit Wir schirmen in Stürmen Die heiligen Höhn. Die Menschheit. gesunde In schaffendem Bunde, Das neue Reich ersteht O Welt, werde froh l Welt, werde fron! -i i }; '■ 'Iii J. Ch. Brenner. Unter den Opfern des blutigen] 1. Mai in Jaffa wollen wir des Arbeiterführers und Schriftsteller« J. Ch. Brenner besonders gedenken. Brenner war nicht bloß einer4 der bedeutendsten Romanschriftsteller der hebräischen Literatur, er war eine jener seltenen Persönlichkeiten, die schon durchi ihre Existenz allein den Umgebenden das Gute förmlich aufzwingen. Dieser edle Mensch und Kämpfe« - hat soviel Güte und Menschenliebe ausgestrahlt, daß es alle um ihn erfaßt hat. Brenner, der ähnlich wicir Gustav Landauer, Kurt Eisner und Genossen sein Leben lang gegen Krieg und Gewalt, für Frieden und Liebe gekämpft hat, ist ähnlich wie die Vorgenannten getötet worden. Es scheint eine Fügung des Schicksal« zu sein, daß gerade die wertvollsten Vorkämpfer große? Ideen als Opfer unterwegs fallen sollen. So wollen wir uns eingedenk dieses teueren! Opfers geloben, in 'seinem Geiste für die Sacne der Arbeiterschaft und der Menschenliebe unermüdlich zu kämpfen, bis der volle Sie^ der Idee des jüdischen Sozialismus, für die Brenner gewirkt und gestorben, errungen ist. ,