Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Journal
- Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden
- Volume
- 3 (1911-1912)
- Article
- Bericht über die Tätigkeit des Gesamtarchivs der deutschen Juden
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 20)
- Language
- German
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— 74 — Versehmelzungsprozess ebenfalls hinein, nicht nur hemmend und fördernd, sondern ist in Bedingung und Wirkung sogar nur ein Teil dieses biologischen Prozesses, der auch die somatischen und die allgemein-kulturellen Entwickelungserscheinungen beherrscht und selbst auf religiösem Gebiete wirksam ist. Die angedeuteten geschichtlichen Erscheinungskomplexe fügen sich einem Begriffe: sie sind Ausdrucksformen der Assimilation, der im einzelnen in der Sache und im Grade in sich ausserordentlich verschiedenen Verbindung des jüdischen Volkselements mit dem Gesamtkörper des deutschen Volkes. Der Begriff der Eigenart steht zu dem Begriff der Assimilation im Verhältnis der Ergänzung. Er beginnt dort, wo diese endet und umfasst ausschliesslich, um hier nur seine gesellschaftlichen Erscheinungen anzudeuten, die Geschichte der Religion und des religiösen Lebens, die Geschichte einzelner Wissenszweige ganz oder zu Teilen, die Geschichte der jüdisch-politischen und gesellschaftlichen Ideen und Bewegungen und die Geschichte der jüdischen Organisationen. Dieser zuletzt genannte Teil, beginnend bei dem Verein und der Gemeinde und über die Landes- und Reichsverbände bis zu den Weltorganisationen aufsteigend, ist das spezielle Gebiet aktenmässiger Geschichtsforschung, das Quellengebiet unseres Archivs, das aber den Fragen der Siedelung und der Assimilation nur dem Umfange, nicht der Sache nach weniger dienen soll, während die Geschichte der Religion und der Zweige der jüdischen Wissenschaft so gut wie gar nicht, des religiösen Lebens nur wenig Material in ihm finden können. Die Stellung des Teilgebiets der jüdischen Geschichte im Ganzen der deutschen Geschichte rückt das Gesamtarchiv der deutschen Juden in die Linie der Teilgebiete der deutschen Geschichte pflegenden Organisationen. Der Vergleich schliesst viele Verschiedenheiten in sich ein. Im Verhältnis zu dem lokal- und territorialgeschichtlichen Kleinbetrieb liegt die Eigenart der Erforschung der jüdischen Geschichte darin, dass sie viel weniger territorial gebunden werden kann, viel mehr als Ganzes genommen werden muss. Im einzelnen ruht sie grossenteils auf lokalgeschichtlichen Forschungen. Aber die Summe der Lokalgeschichten kann die Summe der aus dem Stoff zu holenden Erkenntnis nicht ersetzen. Dasselbe gilt für das Territorium. Die im einzelnen recht verschiedene Geschichte der Juden innerhalb der grossen deutschen Territorien greift in ihren allgemeinen Bedingungen und Wirkungen