Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 8 (August 1846)
- Date
- 1846-08-01
- Page
- Seite 296 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2744856-2744883-2744892--1253-2746223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
296 Zur Geschichte der Juden in Polen. vor, daß es den Leibeigenen an Geschicklichkeit und Beweglichkeit fekle und daß man daher die Juden nehmen müsse, die sich durch ein eignes Talent auszeichnen; und sogleich werdem mehrere tausend Kinder den Armen ihrer Mütter entrissen, um nach dem schwarzen Meere zu gehen. Es ist unmöglich, die VerzweiflungderFamilienzu beschreiben. Zweihundert Tausend Einwohner erheben ihre Stimme zu Gott. Die Rabbiner sagen Fasttage an, eine große Summe wird den habgierigen Beamten zugesendet; Thränen, Bitten, Geld, nichts bewegte die harten Herzen. Man führte diese unglücklichen Kinder in einer rauhen Jahreszeit weg; ein Theil -starb auf dem Wege, ein anderer Theil konnte die Härte, der russischen Disciplin nicht ertragen; und wenn man den in fcett Archives israelites niedergelegten officiellen Berichten trauen darf, so blieben von diesen 30,000 Opfern nur 10,000 am Leben *). Wenn die russische Regierung die Juden zum Militärdienst in demselben Verhältnisse und nach denselben Principien, die sie für die andern Bewohner aufstellt, berufen würde/ so würde man dieses als einen Fortschritt betrachten können, allein dann müßte man auch die Schranken aufheben, welche die Juden von den andern Einwohnern trennen. Die Gleichheit.der Pflichten sollte Gleichheit der Rechte herbeiführen, aber dieser barbarische Raub, den man dem Schooße ihrer Mütter entriß, ohne etwas dafür zu geben, zeigt deutlich, daß diese tyrannische Maßregel vom Zorne und dem Vorurtheile dictirt wurden **). Der Krieg gegen die Türkei und Persien nahm bald hierauf die ganze Aufmerksamkeit des Kabinets zu Petersburg in Anspruch. Polen nahm zwar keinen Antheil an dem Kampfe, allein es wurde überladen mit Steuern; Monopole für Bierverkauf und andere Getränke richteten die Einwohner, vorzüglich die Juden, zu Grunde. Das Prohibitiv- System verminderte die commerciellen Verhältnisse und öffnete ein weites Feld den Schmuggeleien, die größtentheils von den Kosaken und den Beamten getrieben wurden, die die Zölle bewachen sollten. Tausend Juden nahmen Theil an diesem verbotenen Handel, und da man Alles, *) Diese Nachrichten werden bestätigt durch das, was sich noch jetzt so häufig wiederholt, daß Kinder im zartesten Alter ihren Eltern weggenommen und in Militärschulen untcrgebracht werden. Die Schwächlicheren und noch in sehr zartem Alter Stehende» werden von diesen Schulen bei russischen Bauern nutergebracht und ihnen zur Erziehung übergeben. In welchem Elend, in welcher traurigen Lage befinden fich die Juden Rußlands! **) Es wurde im v. Hefte S. 258 die Rekrutensteuer angeführt, zu der die Inden fich im I. 1807 verständigten, um der Militä>;pflichtigkeit ledig zu sein. In »euerer Zeit liegt ihnen die Militärpflicht ob, und doch müssen sie diese Steuer entrichten!