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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1937-12-15 · 10 (15.12.1937) · p. Seite 21

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1937
Issue
10 (15.12.1937)
Date
1937-12-15
Page
Seite 21 (sequence 2)
Language
German
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21 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr, 10 fern. Ich muß aufrichtig gestehen, es fiel gerade mir nicht leicht, der ich doch als Künstler meine Hand jahrzehntelang feinfühlend geschult habe, die Dinge in primitiver, äußerst vereinfachter Weise auf die Tafel zu setzen. Und weil ich genau weiß, welch großen Schaden man durch eine schlechte Tafelzeichnung in bezug auf visuelle Erziehung der 'Kinder anrichten kanin, feereite ich mach für jede Zeichenstunde gewissenhaft vor, wenn ich idie Absicht habe, etwas Wichtigeres an die Tafel zu. zeichnen. Gewiß, der kleine Entwurf auf irgendein Skizzierblatt soll in vereinfachter Form nur das Wesentliche enthalten, was wir den Kindern zur Anregung vorzeichnen wollen. Am glücklichsten bin ich, wenn eine solche Vorlage aus den Reihen der Schüler selbst herauswächst, denn dabei handelt es sich dann meistens um eine Anregung, die in ihrer kindlichen Auffassung echt und nicht übertrefflich .ist. Meist genügt eine eingehende Schilderung des zu zeichnenden Gegenstandes und die Begabteren werden sehr oft imstande sein, die Vorstellung in eine. richtige zeichnerische Form zu bringen. Wenn man aber manchmal die Notwendigkeit fühlt, das Wort selbst auif solche Weise illustrieren zu müssen, tdann soll man diese Vorlagen möglichst groß und eindrücklich liefern. Man kann sich ja mit einer lang gefaßten Kreide seine Zeichnung auf der peinlichst sauberen Tafel leicht aufreissen, um sie dann geschmackvoll mit farbigen Kreiden auszuzeichnen. Ich betone ganz besonders, es ist dabei sehr auf gepflegtes Handwerkzeug zu achten. Auf einer schlampig abgewischten Tafel, die noch allerlei „Kreidewolken" enthält und nicht schwarz ist, wird selbst die beste Zeichnung nicht zur vollen Wirkung kommen. Hierher gehört auch das Ordnunghalten in seinem Schwamm- und Kreidebehälter; denn mit patschnassen Kreiden kann man wiederum nicht zeichnen. Es ist ein Wagnis, ein so reichhaltiges Gebiet wie es der Zeichenunterricht an der jüdischen Volksschule darstellt, in so kurzen Strichen wiederzugeben. Es gibt viele Lehrer, die die Methode Steigerwaldts ablehnen, weil es schwierig, sei, auii diesen Wegen so souverän zu werden, daß man diese Dinge an Kinder weitergeben kann. Man muß sich immer wieder neu mit den Aufgaben auseinandersetzen. . Und gerade, d a ß es nicht so leicht ist. diese oft problematischen Grundsätze als einen billigen Besitz in seine Schublade zu legen und der Umstand, daß man gezwungen ist, sich immer neu mit ihnen zu beschäftigen, das betrachte ich als die schönste Anregung des Werkes von Steigerwialdt. Und dieses Immer-b eginnien-können dürfte wohl auch eine der Hauptaaifgabenim Lehrberuf sein. Denn dabei ergeht es uns so wie dem großen japanischen Holzschnittkünstler, der seihen Schülern, als sie ihm mit den Worten, er sei doch bis zur Vollendung vorgedrungen, zu seinem 90. Geburtstage igratuliert haben; in bescheidener und zugleich belehrender Weise geantwortet hat: „Ich fühle mich heute so weit daß ich anfangen kann." Vortrag Ziegler in Esslingen Esslingen. Am 22. November hielt Zeichenlehrer -S. Z i e g - ler aus München bei einer Fortbildungskonferenz der württembergischen Lehrer auf Einladung des Oberrates der isr. Religionsgemeinschaft Württembergs einen wertvollen Vortrag über den Zeichenunterricht. Der Vortrag war aus der Praxis herausgewachsen und war illustriert durch eine reiche Ausstellung von Arbeiten aus der jüdischen Schule in München. Die Ausstellung verriet einen anregenden Unterricht, bei dem ein ausgezeichneter Fachmann führte, der es verstand, Interesse, Freude und Liebe für das lebendige Gestalten von Ideen und Dingen zu wecken. Sie verriet ein hohes Maß technischen Könnens, einen Reichtum von Ausdrucksmöglichkeiten und eine wertvolle Verbindung mit den verwandten Arbeitsgebieten, dem Handarbeits¬ und Werkunterricht. Der Vortrag Zieglers zeigte einen Lehrer, der sich mit der Methode des Zeichenunterrichtes auseinandergesetzt hat, der einen sauberen, konsequenten Weg führt, der mit-größter Hingabe bei der Sache ist und dessen Unterricht von einem hohen sittlichen Ethos getragen ist. So konnte der erzielte Erfolg, nicht ausbleiben. Jeder Teilnehmer mußte hier lernen und reifen. Vielleicht hätte in der Ausstellung und im Vortrag noch die Richtung zu Bild und Wort kommen können, die den Unterricht'im bildenden Gestalten" aus der natürlichen % Bildsprache des Kindes ungehindert sich entfalten läßt. Diese Richtung wünscht, daß die ursprünglich rhythmische Kraft möglichst lange ungebrochen in den Kindern" erhalten bleibtr und dann erst soll das Unbewußte und'das Instinktive nach und nach zu einer bewußten Sicherheit sich erheben. Herr Ziegler weiß das natürlich auch, aber diese Richtung tritt doch etwas1 zurück hinter der Technik und der Graphik. (Ob hier nicht ein Mißverständnis vorliegt? H. Ziegler sprach doch wohl über den Zeichenunterricht in der Volksschule. Lehrplanmäßiger Zeichenunterricht wird aber nur in der 5. bis. 8; Klasse erteilt. Das hier geforderte Vorstellungszeichnen muß naturgemäß in den 4 unteren Klassen geübt werden. In den Klassen 5 bis 8, wo das Zeichnen nicht nur Unterrichtsprinzip, sondern auch lehrplanmäßiger; Unterrichtsgegenstand ist, kann u. E. das praktische Endziel aller Zeichenübungen ohne eine grundlegende Methodik nicht erreicht werden. Die Schriftleitung.) ' : Es waren wertvolle Stunden, die wir mit Ziegler erlebten, sie werden sicher in unseren Schulen Früchte tragen. . Das jüdische Kunstschaffen in der Hntike als Unterrichtsgegenstand Schon lange wurde von der jüdischen Pädagogik gefordert, - daß auch das jüdische Kunstschaffen in der Antike im Unterricht behandelt werde. Die methodische Durchführung dieses durchaus gerechtfertigten Verlangens machte Schwierigkeiten, weil es bisher kein kurz gefaßtes, leicht verständliches und nicht zu teures Buch über den Gegenstand gab, das man reiferen Schülern in die Hände geben kann. Diese Lücke ist in einer außerordentlich befriedigenden Weise durch das vor kurzem erschienene Buch von Adolf Reifenberg, „Denkmäler der jüdischen Antik e", Mit einer Einführung von L. A. Mayer (Bücherei des Schocken-Verlags, 75—76, Berlin 1937) ausgefüllt worden. Das mit reichem Bildermaterial ausgestattete und die neueste Literatur berücksichtigende Buch' stellt recht anschaulich ins Licht, was von der Frühzeit an innerhalb eines Zeitraumes von etwa 2000 Jahren von jüdischen Menschen künstlerisch gestaltet worden ist. Wir erfahren, worauf der Verfasser im Schlußwort, nochmals seine Ausführungen zusammenfassend, hinweist, daß es dem jüdischen Volke in der Frühzeit und der persischen Periode nicht möglich war, charakteristische eigene künstlerische Werte zu schaffen, weil das Judentum jener frühen Epoche künstlerisch völlig abhängig von seinen Nachbarvölkern war. Wir hören auch, daß erst zur Zeit der kraftvoll-nationalen Herrschaft der Makkabäer das geistige. Ideal Israels auch in seiner bildenden Kunst Ausdruck fand, daß diese Volkskunst, immer wieder von den hellenistisch-römischen Strömungen verdrängt, auch unter der Herrschaft der Herodianer nicht mehr unterdrückt werden konnte. „Ihren Höhepunkt und ihre größte Blüte aber fand sie in der synagogälen Kunst der ersten frühchristlichen Jährhunderte. Eng mit der jüdischen Ideenwelt, dem jüdischen Ritual verbunden, stellt diese Kunst etwas Einzigartiges" dar und hat es vermocht, nachhaltige Wirkungen nicht nur auf die jüdische Diaspora, sondern auch auf die jüdische Volkskunst des Mittelalters und der Neuzeit auszuüben" (S. 59). Reifenberg zeigt auch, wie das jüdische Kunstschaffen die künstlerische Betätigung der Umwelt beeinflußte. Er macht z.B. in dem Kapitel „Die Blütezeit der synagogälen Kunst" darauf aufmerksam, daß die späteren palästinensischen Synagogenruinen einen durchaus neuen Typus des Gotteshauses darstellen, der das Vorbild der christlichen Basilika geworden ist, daß erst auf dem Umweg über die Synagoge die römische Basilika der Prototyp der christlichen basilikalen Bauten geworden -ist. Auch die Toranische habe zu der christlichen Apsis, in der der Altar gelegen war, übergeleitet. Noch auf ändere bemerkenswerte Parallelen weist Reifenberg hin. Sehr beachtenswert ist auch der Hinweis, daß. die bevorzugte Verwendung alttestamentlicher Motive in der Kunst; der christlichen römischen Katakomben auf den jüdischen Ursprung dieser Sepulkralkunst hindeutet. Diese wenigen Darlegungen werden wohl schön erkennen .lassen, daß das Buch von Reifenberg den Unterricht* der das jüdische Kunstschaffen behandelt, aufs nachhaltigste zu fördern imstande ist, daß durch diese Neuerscheinung eine merkliche Lücke ausgefüllt wird. Rabbiner Dr. Ernst Steckelmacher, Ludwigshafen a. Rh, Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München

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