Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1937
- Issue
- 7 (15.9.1937)
- Date
- 1937-09-15
- Page
- Seite 14 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(Mitteilungen Des Jöüifcljen iefyreroerem* für flapem Schriftleitung: Max Adler, München 1937 München, 15. September Nr. 7 Bericht über die Tagung und den Fortbildungskurs des jüd. Lehrervereins für Bayern vom 19. Juli bis 22. Juli 1957 in Würzburg "Am 19. Juli 1937 fand in Würzburg die Tagung des jüdischen Lehrervereins für Bayern statt. Die Versammlung dauerte nur einige Stunden. Diese genügten, um den Ernst der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Lehrer klar zu zeigen. Sie genügten aber auch, um feststellen zu können, daß insbesondere die Lehrer der Klein- und Mittelgemeinden mehr und mehr Fürsorge- und Sozialbeamten geworden sind, wodurch ihr Aufgabenkreis sich beträchtlich erweitert hat und ihre Tätigkeit gerade heute, mehr wie je, segensreich gestaltet werden kann. . Am 20. Juli begann dann der obligatorisch gewordene — obligatorisch auch bezüglich des Ortes — Fortbildungskurs. Die Lehrer freuen sich immer wieder auf diesen Kurs und das Interesse vertieft sich von Jahr zu Jahr. So gab es denn auch ein vollbesetztes Haus, nicht nur von Bayern, sondern auch von den angrenzenden Ländern waren Lehrer und insbesondere Junglehrer aus den verschiedensten Teilen Deutschlands erschienen. Der Vortrag des Herrn Dr. Leschnitzer, Berlin, „Arbeit der Schulabteilung in der Reichsvertretung" lief in der Diskussion mehr oder weniger in eine Betrachtung über das Problem „Deutschunterricht in der jüdischen Volksschule", aus. Lesebögen wurden empfohlen und abgelehnt. Ein Teil der Schulpraktiker forderte eine möglichst weitgehendste, oder gar ausschließliche Anwendung von Lesestoffen jüdischer Verfasser und jüdischen Inhalts. Die anderen wollten nichts wissen von einer Versteifung des . Deutschunterrichtes in der jüdischen Volkschule, indem man starre Grundsätze aufstelle; denn Deutschunterricht sei eben in erster Linie einmal Deutschunterricht. Jedenfalls zeigte die Diskussion deutlich, eine welch heikle Aufgabe sich die Schulabteilung der Reichsvertretung gestellt hat, durch Herausgabe eines einheitlichen Lesebuches, die Frage zu klären.1 Die Verschiedenheit der Ansichten zeigte sich auch in dem Problem „Methodik des modernen Hebräisch", über welches Herr Dr. Jacobsohn. Berlin, referierte. Es scheint" leider sehr fraglich, ob es der Schulabteilung der Reichsvertretung gelingen wird, bezüglich des Unterrichts im modernen Hebräisch einheitliche Richtlinien für alle jüdischen Schulen durchzusetzen. Als Herr Direktor Stoll, Würzburg, über „Probleme der Naturwissenschaft und Weltanschauung" sprach, flüsterte mir ein Junglehrer zu: „Der Chef fühlt sich wieder -einmal in seinem Element." Ich muß tatsächlich gestehen, daß dieser Vortrag, der übrigens für den Unterricht in der Volksschule viele Anregungen gab, in mir starke Erinnerungen an meine „Würzburger Zeit" wachrief. Was geschieht mit unserer Jugend? Was soll sie lernen? Wie soll sie sich weiterbilden? Welchen Beruf soll sie ergreifen? Was gibt es hierin für Möglichkeiten? Das sind Fragen, die man täglich hört und auf die schwer eine Antwort zu finden ist. Das Referat des Herrn Dr. Lubinski, Berlin. „Die Probleme der Berufsausbildung" behandelte also eine sehr aktuelle Frage. In ruhigen Zeiten hatte man von solchen Fortbildungskursen für Lehrer etwa folgende Vorstellung: Es werden klare und deutliche Kenntnisse vermittelt und jeder Teilnehmer wird etwas für seine Tätigkeit „mit nach Hause" nehmen können. In einer bewegten Zeit wie der unsrigen aber, in welcher sich das jüdische Leben neu gestaltet und neue Wege für die Erziehung; und den Unterricht gesucht und gefunden werden müssen, hat ein solcher Fortbildungskurs ein anderes Gesicht. Es handelt sich hier - dementsprechend weniger um die Vermitt- 1 (Darüber bestand wohl keine Meinungsverschiedenheit, daß die Schaffung eines Lesebuches für jüdische Schulen eine dringende Notwendigkeit war und daß Lesebücher für alle Klassen so bald wie nur möglich fertiggestellt werden müssen; die Auseinandersetzungen galten der Frage: Welche Inhalte sind am vordringlichsten, welche Giund'-nltnnu verlangen? ' Die Schrift-tg) lung von Kenntnissen, als um die persönliche Stellungnahme eines jeden einzelnen der Teilnehmer, zu den durch die Zeit gestellten Problemen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet hat der Kurs seinen Zweck erfüllt; denn die Anteilnahme war so stark, daß die Diskussionen, die die genannten. Referate auslösten, man darf fast sagen, mit Gewalt, von dem Leiter der Veranstaltung und Vorsitzenden des jüdischen Lehrervereins, Herrn Oberlehrer Rosenfeld, abgebrochen werden mußten. Bei den Mischnahvorträgen des Herrn Rabbiner Weiß, Würzburg, aber war man mehr als lediglich interessiert. Geradezu andächtig mußte man ihm in die Sphären seines talmudischen Wissens folgen. Einen besonderen Genuß bot das Referat des Zeichenlehrers Herrn Ziegler, München, „Zeichenunterricht und Kunstbetrachtung". Hier sprach der Künstler. Und daß dieser Künstler auch ein erfolgreicher Zeichenlehrer ist, bewiesen die Arbeiten seiner Schüler, mit denen der Saal ausgeschmückt war. Die Gründung einer Deutschen Universität — ich weiß leider nicht mehr welcher — fiel in eine Zeit des größten wirtschaftlichen Tiefstandes des Deutschen Reiches. Bei der Eröffnung soll der Rektor etwa folgendes gesagt haben: „Man wird sich wundern, daß man in der Zeit der wirtschaftlichen Not eine Universität gründet. Man wird sagen: Wir brauchen vor allen Dingen Brot und Kleider für unsere Kinder, wozu eine Stätte der Geistespflege? Diese Fragestellung ist falsch, denn man soll sich hüten, in Zeiten der Not die Quelle versiegen zu lassen, ausweleher die Kraft fließt, die den Wiederaufstieg ermöglichen läßt!" Gar mancher deutsche Jude wird sagen: Wir leben im Zeichen des Abbaues und der Auflösung. Unsere Hauptsorge hat der Fürsorge und der Auswanderung zu gelten, wozu soviel Kopfzerbrechen über die Neugestaltung der jüdischen Volksschule? Die Antwort, die jener Universitätsrektor damals gab, darf auch für uns und unsere Zeit gegeben werden. Auswirkung des Reichsbürgergesetzes auf das Schulwesen Das Amtsblatt des Reichs- und Preußischen Ministeriums für. Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Unterrichtsverwaltungen der anderen Länder „Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung" vom 20. Juli 1937, Heft 14, veröffentlicht folgende Richtlinien, nach denen bis auf weiteres zu verfahren ist. I. Zulassung zum Schulbesuch 1. Die Zulassung der Juden zum Besuch der Pflichtschulen regelt sich nach den allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen über die Schulpflicht. Schulpflichtige Juden sind daher in den öffentlichen Pflichtschulen zu unterichten, soweit sie nicht nach gesetzlichen Vorschriften von der Schulpflicht befreit sind, oder die Schulpflicht ruht oder durch den Besuch privater Schulen erfüllt wird. Das gleiche gilt für die jüdischen Mischlinge. 2. Soweit nach den örtlichen Verhältnissen eine abgesonderte Beschulung der jüdischen Schüler im Rahmen eines geordneten Schulbetriebes und ohne besondere Mehrbelastung der Unterhaltsträger möglich ist und private jüdische Schulen nicht vorhanden sind, wird den Unterhaltsträgern der öffentlichen Pflichtschulen nahegelegt, mit schulaufsichtlicher Genehmigung besondere Schulen oder Sammelklassen für jüdische Schüler einzurichten. Werden solche Schulen oder Sammelklassen eingerichtet, so sind sie als Bestandteil der öffentlichen Schule nach den allgemeinen Vorschriften zu unterhalten. Die jüdischen Schüler sind zu ihrem Besuch verpflichtet. Als Lehrer sind Juden, allenfalls jüdische Mischlinge zu verwenden, und zwar empfiehlt es sich, in erster Linie nach § 3 des Berufsbeamtengesetzes oder § A der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz ausgeschiedene Lehrer aufzufordern und im Falle ihres Einverständnisses ohne Berufung in das Beamtenverhältnis auftragsweise zu beschäftigen. 3. Die Zulassung der Juden zum Besuch der Wahlschulen (mittlere, höhere und Fachschulen) regelt sich nach den Bestimmungen des Gesetzes gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 und den dazu