Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 13 (Ausgabe B) (1937)
- Issue
- 15 (1.8.1937)
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 280 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2S0 Bayerische Israelitische Gemeiridezeitung Nr. 15 beurteilt werden, wie'immer und überall bei den Völkern der Welt Kraft und Größe einer Nation nach den Höchstleistungen, Geist und Kultur nach den Vortrefflichsten, die Moral nach den Edelsten gemessen wird. Und es ist schließlich auch nicht so, daß „vor dem Richterstuhl des Gottes der Völker nicht gefragt wird, ob es die beste, - die vortrefflichste Nation sei, sondern nur, ob sie dauere". Dies dst keineswegs jüdische Vorstellung. Die- Frage .liegt nahe — .Wilhelm Meister stellt sie. nicht — die Frage, wodurch denn ein Volk dauere, wodurch denn dies Volk sich erhalten habe. Der ^Älteste" erwähnt wohl noch ändere „Vorteile" der israeliti- -schen Religion: „daß sie ihren Gott in keine Gestalt verkörpert und uns also die Freiheit läßt, ihm eine würdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz dieschlechte Abgötterei durch Tier-md Untiergestalten zu bezeichnen." Nein, so ist es doch nicht! Die Freiheit, Gott eine würdige Menschengestalt zu geben, ist hier nicht gelassen, nach biblischem Gebot ist jegliche, auch menschlicheVerkörperung des rein-geistigen Gottes strengstens untersagt. Nicht an eine sichtbar geformte Gottesgestalt :war die Dauer dieser Religion geknüpft, ebensowenig wie an den Bestand eines Tempelbaues. Auch als die durch die Bildergalerie Wandelnden auf ihrem Weg zu den Darstellungen „der traurigen, verworrenen Zeiten und endlich zu dem Untergang der Stadt und des Tempels, zum Morde, zur Verbannung, zur Sklaverei ganzer Massen dieser beharrlichen Nation gelangten, ja selbst nachdem sie ähre nachherigen Schicksale — auf eine kluge Weise allegorisch vorgestellt — gesehen", erhebt sich nicht die Frage, woher diese Beharrlichkeit, diese ewige Dauer? ' Und doch hätte der „Älteste" wohl eine Antwort geben können, da er als einen „Hauptvorteil" des israelitischen Volkes „die treffliche Sammlung ihrer heiligen Bücher" rühmt. Doch was rühmt er an ihnen? „Sie stehen so glücklich beisammen, daß aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganze entgegentritt. Sie sind vollständig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch genug, um anzureizen, hinlänglich barbarisch, um aufzufordern, hinlänglich zart, um zu besänftigen, und wie manche andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an diesen Büchern, an diesem Buche zu rühmen!" Von diesen anderen Eigenschaften ist keine Rede. Nur von der Seltsamkeit der Komposition, von der mannigfaltigen Färbung, dem bunten Reichtum des Inhalts, von der künstlerischen Form, aber nichts von dem s i 11 - 1 i c h e n. G eJi a 11 dieses Buches. Und doch ist dies das Entscheidende. Gute und böse Handlungen werden berichtet, böse und gute Menschen werden geschildert, aber immer unter dem Blickpunkt einer absoluten Sittlichkeit, einer göttlichen Gerechtigkeit! Sie waltet immer und überall, nicht »wie ein sinnloses Schicksal, sondern wie. eine allem menschlichen Dasein Sinn und Wert gebende Macht; sie waltet über Tun und Treiben der ersten Menschen im paradiesischen Urzustand ebenso, wie über Leben und Taten des Volkes im ganzen wechselvollen Verlauf seiner Geschichte bis zum Zusammenbruch des Staates und zur Zerstörung des Tempels. Und dennoch blieb dies ."Volk, blieb diese Religion! Dadurch, daß es dieses fordernde Buch, dies Buch mit dem ewigen „Du sollst" sich zu e'igen machte; dadurch daß es dessen ewig gültige Sittlichkeit und damit die Gottheit selbst aufnahm in seihen Willen, verschmolz seine Existe'riz mit ihm in alle Ewigkeit. Hier enthüllt sich das tiefe Geheimnis des Wunders! Niemals hat ein Volk (in Unmoral und Ungerechtigkeit sich auf die Dauer zu erhalten vermocht. Israel aber ist auch ohne staatliche Form und ohne äußere Machtmittel geblieben seit Jahrtausenden! Es müssen also wohl sittliche Kräfte von ungeheurem Ausmaß in ihm lebendig sein und dies Wunder der ewigen Dauer bewirken, die Kräfte, die es aus seiner Bibel, aus seiner Religion, aus seinem unerschütterten Glauben an die göttliche Gerechtigkeit schöpft, die Kräfte ferner, die ihm aus seiner Aufgabe strömen, an sich selber zunächst das große Erziehungswerk zu vollbringen, das ün jenem erhabenen Bibelwort vom Sinai her von ihm gefordert ward: „Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott!" — Eine Aufgabe, aus der die zweite sich ergibt, Prophet der Völker zu sein, für den Sieg des Guten auf Erden zu wirken, zu leben, und zu — leiden. Eine ewige Aufgabe, die auch ihrem Träger ewige Dauer verleiht! Das ist der Sinn unserer Existenz. Goethe mag diesen Zusammenhang von dem Träger und seiner Aufgabe in der ganzen Tiefe doch empfunden haben, da er den „Ältesten" in geradezu prophetischer Gewißheit es aussprechen läßt: „Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen." Jehova aber ist für Israel der Namenlose, der ewig „Seiende", der Eine Gott der Welt, der Gott aller Menschenkinder, der Gott der Gerechtigkeit, des Erbarmens und der Gnade. Max Freudenlhal s. A. In dem zahlreichen Trauergefolge am alten Israelitischen Friedhof in Thalkirchen schritt auch Gemeinderabbiner Dr. Hermann Vogelstein (Breslau), um seinem Jugendfreund die letzte Ehre zu geben. Von ihm stammt der folgende Nachruf. Am 13. Juli haben wir Max, Freudenthal in München zu Grabe geleitet. Die betonte Schlichtheit der Feier hat uns allen die ganze Tragik und zugleich das Versöhnende jeder echten Tragik ergreifend zum Bewußtsein gebracht. Mit seinen nächsten Angehörigen, mit seinen Freunden mag das Judentum in Deutschland um einen der Besten trauern, die es sein eigen nannte. Denn Freudenthal war eine charakteristische und, was wertvoller ist, Staatszionistische Organisation Ortsgruppe München Samstag, den 7. Äugust 1937, abends 20.45 Uhr Sitzungssaal d. Gemeinde, Herzog-Max-Str. 7/o „Gegen die Teilung Erez Israels" Es sprechen: Karl Rawicz und Josef Kornhauser, München Unkostenbeitrag* 30 Pfg. eine charaktervolle Persönlichkeit von hervorragender geistiger Fähigkeit, von großer Klugheit, von starkem Wollen und starker Tatkraft, von gründlichster wissenschaftlicher Durchbildung, von echter Gottesfurcht, von großer Herzensgüte und von gewinnendem Wesen. Als Fünfundzwanzigjähriger war er Rabbiner in Dessau, wurde von dort nach Danzig und 1907 nach Nürnberg berufen. Seine große pädagogische Befähigung, die er bereits als junger Student in Breslau bewährt hatte, hat ihm ebenso wie seine hervorragende Rednergabe in diesen drei Gemeinden eine große Schar in dankbarer Verehrung zu ihm aufblickender Schüler und Freunde gewonnen. Er beherrschte meisterhaft die Sprache in Wort und Schrift, aber der starke Eindruck seiner Reden ist nicht durch rhetorische Kunstgriffe, sondern durch den Reichtum und die Tiefe der Gedanken, die Angemessenheit schlichter Sprache und vor allem durch die Wahrhaftigkeit der Persönlichkeit bewirkt worden. Denn man empfand, daß hinter jedem seiner Worte der ganze Mann stand. Auf allen Gebieten des Gemeindelebens hat er sich betätigt, vielen ein Helfer und Ratgeber, in vielen Institutionen und Organisationen an führender Stelle mit seinem weiten Blick und klugen, praktischen Rat. Was nur wenigen seiner Kollegen möglich geworden ist, hat er verstanden und durchzuführen vermocht*: neben intensiver Arbeit im praktischen Rabbineramt eine ebenso intensive wertvolle wissenschaftliche Tätigkeit. Noch ehe er ins Amt ging hat er eine wertvolle Studie über die ersten Emanzipationsbestrebungen in Breslau veröffentlicht, und sein Rabbinerarpt in Dessau, der Geburtsstadt Moses Mendelssohns, hat diese Richtung seiner historischen Studien gestärkt. Die Geschichte der Juden in Deutschland seit dem Ausgang des 30jährigen Krieges und ihre Eingliederung in die Kultur der Umwelt war Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau