Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 14 (15.7.1937)
- Date
- 1937-07-15
- Page
- Seite 264 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2728075-2728089--11234-2744655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
264 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Mr. 14 - der Stimme der Verheißung nachging „in das Land, das ich dir zeigen werde. Dort will ich dich zu einem großen Volke machen." Sie waren ein Volk geworden. Das Land der Verheißung war wirklich gewesen. Und nun — Schluchzen und Weinen und Reue. Nichts mehr hinter ihnen als Verwüstung, nichts mehr vor ihnen als Gefangenschaft. Am siebenten Tag war alles fremd um sie, Landschaft, Menschen, Sprache. Selbst die Sonne war anders, grausamer. An diesem Tage brach Abiel sein Schweigen, mit dem er sich umhüllt hatte .während er im Staub und Dunst der Straße zwischen den Gefangenen ging, und nachts, wenn er seitab von den Schauernden, die sich gequält und verängstigt zusammendrängten, allein in der Kälte der Nacht lag und Schlaf suchte. Am siebenten Tage seiner Trauer brach er sein Schweigen und ging vom Wege und stand und ließ dieses Heer des Jammers und der Heimatlosigkeit an sich vorbeiziehen. Während seine Augen hart und kalt auf den Gebeugten lagen, auf schwankenden Greisen, auf tragenden Müttern, auf den wunden Füßen kleiner Kinder, schrie er wider Gott und lehnte sich auf und sprach zu ihm: , „Du ohne Namen, ich weiß, sie sind schuld an alledem, was ihnen hier geschieht. Ihnen geschieht ihr Recht. Ihnen geschah und geschieht Wort für Wort, was Jirmejahu, mein Vater, mein Lehrer, ihnen in deinem Auftrage gedroht hat. Nichts blieb ungesagt, aber alles blieb ungehört. Sie dienten ihren Götzen, und die Kraft Judas zerbrach. „Ich aber erhebe Klage wider dich." Um den Künder standen wir, Jugend des Volks, wenige, aber doch wir, und wußten von dir und wollten deine Wege und dein Gesetz und wollten deine Lehre und alle Verpflichtungen und die Heiligung. Ich rechte nicht mit dir wegen der Unmündigen, die dort im Staube gehen. Sie haben gesündigt, weil ihre Väter sündigten, und waren Abtrünnige, weil sie nichts anderes sahen als den Abfall. Aber um unseretwillen rechte ach mit dir. Diese alle haben ihr Schicksal verdient, den Fall Jeruschalajims, die Vertreibung, die Verachtung, die Gefangenschaft, die Heimatlosigkeit. Aber was hast du u n s zu sagen, die dies kommen sahen, uns, den Schuldlosen? Wie willst du an uns gutmachen, was wir mit jenen leiden, ohne daß wir in Reue sprechen müssen wie sie: „Wir haben dies verdient?" So stand er. So sprach er. Ein fremder Mond war blutrot heraufgekommen, vom Lager brüllten die Rinder und klagten müde Lasttiere. Und wie Abiel unter dem Baume Gott zur Rechenschaft forderte, war er mit einem Male nicht mehr allein. Es stand ein Mann neben ihm, im bestaubten, befleckten, zerrissenen Wanderkleid der Ausgetriebenen, die Füße wund vom Weg, schwer auf den Stecken gestützt. Abiel sah ihn an und wandte sich von ihm weg wie von Unreinem. „Du Reiner", sprach da der Wanderer, „du Schuldloser", und seine Stimme war leise wie der Abendwind in den Gärten Judas, „kehre um und scheide dich von ihnen. Geh zurück in das Land, das sie verraten haben und darum verlassen mußten. Geh nicht mit ihnen in das Land ihrer Leiden und ihrer Knechtschaft. Geh heim nach Hebron oder auf den Karmel, und wohne unter den Ölbäumen und nähre dich von dem Korn, das der heilige Boden dir geben wird. Gott hat dich gehört. Er trennt dein Leben vom Leben des abtrünnigen Volks und schickt dir Gnade." Abiel erschrak tief im Herzen, und der Schrecken war wie ein Messer durch ihn hin. Er trat an den Wanderer heran und sah ihm ins Angesicht, aber er wagte ihn nicht zu fragen, „wer bis du"? Bote war er. War er Elijahu oder einer von den Fürsten der Gewalt, die beflügelt herabsteigen, wenn Sendung aus den Himmeln ergehen soll? Sie standen voreinander, arm, beschmutzt und wegwund, beide, und der eine verhieß dem anderen Gnade, Rückkehr, Heimat um seiner Schuldlosigkeit willen. Sie sprachen nichts mehr. Der Mond ging herauf in die breite dunkle Himmelsbahn und wurde silbern und wurde bleich. Im Osten'zeigte ein blasser Streifen den Morgen an. Abiel verhärtete sein Herz und machte es stark wider die Klagen, die mit Weinen und Selbstbemitleidung aus dem Lager Judas und Benjamins aufstiegen wie in jeder Frühe. Ihr Schicksal — verdient! Das seine und das der anderen, die dem. Künder gefolgt waren — aufgehoben und heimgeführt! Da wandte er sich um zurückzugehen, ein freier Mann, ein Berufener und für echt gefunden. Aber als er sieben Schritte zurückgegangen war< einen für jeden Tag nach der Zerstörung, da war ihm als schlügen ihm Hände aufs Herz, als faßten sie nach seinen Füßen. Er stöhnte auf. „— ich kann nicht —!" Der Wanderer sah ihn an. Es war keine Frage in dem Blick. Abiel warf sich auf das fremde Land nieder und krallte die Hände in die Scholle und schrie und weinte um sein Volk. „Ich — ich!" schluchzte er, „ich verwerfe sie und habe sie allein gelassen. Ich sah nur ihre Sünde, ich schalt sie und klagte sie an, aber ich faßte keinen an der Hand, nicht einen, um ihn zu Gott und zu seinem Volke heimzuführen. Schuld, meine Schuld, daß ich ein Gerechter war!" Er sah auf. Da war kein Mann, und er war allein, über dem Lager, der Klage. Er war allein. Und wandte sich weg von der Heimat, zurück zu dem Volke ohne Heimat und ging hinab mit ihnen zu sein, was sie zu sein Gott schuldig waren. Er wußte in dieser Nacht: nicht nach Schuld und Gerechtigkeit durfte er messen. Er gehörte zu ihnen. Der sich von ihnen lösen wollte, den hielten sie, den hielt Gott bei ihnen, den Abtrünnigen wie den Reinen. Nun trat er in die Därnmerung hinein, zurück zu den Wachtfeuern derer, die Juda wegführten . Er ging von ihnen weg zu den Erschöpften, die alle das Angesicht und die zerrissenen Kleider jenes einen hatten, der ein Bote war. Er ging und nahm, dehn die Stunde des Aufbruchs war gekommen, einer müden Mutter das Kind vom Rücken und trug es für sie. Das Kind hieß Sealthiel und wurde der Vater jenes Serubaal, der berufen war, die Söhne Judas wieder heimzuführen, zum Aufbau der Mauern von Jeruschalajim, zur neuen Volkwerdung Israels. Martha Wertheimer Ausgrabungsarbeifen der Hebräischen Universität Zum Vortrage von Professor Sukenik am 24. Juli im Lehrhaus in München Vor nicht langer Zeit stießen jemenitische Siedler der palästinensischen Kolonie Chedera beim Umgraben ihres Ackers auf merkwürdige antike Gefäße. Man tat, was man in Palästina in archäologischen Zweifelsfällen stets zu tun pflegt: man holte Dr. Sukenik, den Leiter der Archäologischen Abteilung der -Hebräischen Universität. Sukenik machte sich mit seinen Gehilfen an die Arbeit und legte nach verhältnismäßig kurzer Zeit Reste einer Akropolis frei, die etwa vier Jahrtausende vor der gewöhnlichen Zeitrechnung an dieser Stelle angelegt worden ist. Einige der Ossuarien, d. h. Knochenkammern, die man fand, hatten die Form von Modellen antiker Häuser — mit Türen und Fenstern, mit Riegellöchern für Matten, mit einer gewissen Außenbemalung und nicht zuletzt auch mit spitzen Giebeldächern, woraus der wichtige Schluß gezogen werden darf, daß das palästinensische Klima vor Zeiten recht feucht gewesen sein muß. Es handelt sich hier offenbar um die ältesten Hausmodelle, die die Menschheitsgeschichte überhaupt kennt. Eins von ihnen hat starke Ähnlichkeit mit Hausurnen, wie man sie in Mähren gefunden hat... Die Ossuarien von Chedera werden Glanzstücke des Rockefeller-Museums für palästinensische Archäologie bilden, das die Regierung demnächst in Jerusalem eröffnen wird. Erfreulicherweise.verfügen die Juden Palästinas auch über ein eigenes, vorerst räumlich beschränktes, jedoch mit wertvollen Stücken beschicktes archäologisches Museum in der von Dr. Sukenik geleiteten Sammlung jüdischer Altertümer, die der Hebräischen Universität angeschlossen und zurzeit im Gebäude der Jüdischen Nationalbibliothek provisorisch untergebracht ist. Das Museum zeigt palästinensische Keramik aus der chalkölithischen Periode (vier Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung), keramische Kollektionen aus der früheren Bronzezeit (3. Jahrtausend), aus der mittleren Bronzezeit (2000—1600), aus der späteren Bronzezeit (1600—1200) und aus der Eisenzeit (ab 1200); ferner Sammlungen von Skarabäen, beschriebenen Tontafeln, Astarte- und anderen Götterfiguren, Waffen, Schmuckstücken, Münzen, antikem Glas. Einiges entstammt nicht den Expeditionen der Hebräischen Universität, sondern wurde von Freunden gestiftet. Außerdem sind nicht alle Stücke diesseits Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau