Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1937
- Issue
- 5 (15.6.1937)
- Date
- 1937-06-15
- Page
- Seite 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(Mitteilungen De* Jüöiftöen leljreroerem* für flapern 1937 Schriftleitung: Max Adler, München München, 15. Juni Nr. 5 Die ungeteilte Schule Von S. Brückheimer, Marktbreit. Die Sonderklassen, die, soweit sie in mittleren und kleineren Gemeinden errichtet werden, zumeist einklassige Schulen darstellen, geben Anlaß über dieses Stiefkind aller Schulgattungen einiges auszuführen. Deshalb Stiefkind, weil alle Lehrpläne, die zusammengestellt "werden, immer nur die mehrfach geteilte Schule im Auge haben, und der Lehrer der Einklassigen sich erst den unumgänglich notwendigen Stoff daraus herausklauben muß. Stiefkind auch deshalb, weil alle Welt mit dem zusammengekniffenen Auge der Herabsetzung auf sie hinblickt, obwohl doch auch dieser Schultyp, trotz der eben erwähnten Einschränkungen, in Hinsicht auf den Stoff, eine gründliche Durchbildung der Schüler ermöglicht. Und wenn der Lehrer mit nie erlahmendem Fleiß eine solche Schule einige Jahre geführt hat, wird es ihm ein Leichtes sein eine Klasse an einer geteilten Schule mit Geschick und Erfolg zu übernehmen. Ich glaube aber, daß sich diese Behauptung in ihrer Ümkehrung nicht wird aufstellen lassen. Wenn nun in folgendem von dem Wesen der „Einklassigen" gesprochen wird, so sollen nur jene Eigentümlichkeiten aufgezählt werden, wodurch sie sich von der geteilten Schule (g. Sch.) abhebt, und wodurch es sich wiederum notwendig erweist, besondere pädagogische Maßnahmen zu ergreifen. Die besondere Aufgabe der „Einklassigen" oder ungeteilten Schule (u. Sch.) ergibt sich aus ihrer Organisationsform, die darin besteht, daß die Schüler sämtlicher Altersklassen unter einem Lehrer vereinigt, zu gleicher Zeit, also in einem Raum, Unterricht erhalten. Es sind demnach drei Probleme, die nur der u. Sch. gestellt sind:; Das 1. ergibt sich daraus, daß ein einziger Lehrer die Bildungsarbeit der ganzen Schule zu übernehmen hat. Wir nennen es das E i n 1 e h r e r p r o b 1 e m. (Siehe hier und an anderen Stellen: Dümmler, die Ungeteilte Schule, Süddeutsche Lehrerbücherei, München 1929.) Dieser eine Lehrer hat den Lehrstoff von 7 oder 8 Jährgängen in derselben Zeit zu bewältigen, in'der die g. Sch. das Pensum einer Jahresklasse erledigt. Wir haben damit das Zeitproblem. Das 3. Problem ergibt sich aus dem 1. und zwar aus der Tatsache, daß alle Schüler, bzw. alle Klassen, weil sie von einem Lehrer unterrichtet werden sollen, notgedrungen auch in einem Raum vereinigt sein müssen. Dieses Problem umfaßt die Einflüsse, die aus der räumlichen Einigung aller Klassen sich ergeben. Wir nennen es das Raumproblem. In diesen Sonderproblemen der u. Sch. liegen zugleich ihre Mängel und Schwächen. Aber Hilfsmaßnahmen, und in erster Linieder methodisch geschulte und erfahrene Lehrer sind imstande, sie zu einem großen Teil auszugleichen. Diese nur an der u. Sch. notwendigen Maßnahmen stellen aber an die körperlichen und nervlichen Kräfte der Lehrerpersönlichkeit große Ansprüche. Die weiteren Darlegungen werden das erkennen lassen. Es sollen nun diese drei Probleme unter Aufzeigung ihrer Einseitigkeiten besprochen, zugleich aber nachgewiesen werden, wie ihnen zu begegnen ist. Ganz anders als bei einem zeitlich nicht streng begrenzten Referat mit seiner sich ihm anschließenden mancherlei Einzelheiten noch klärenden Diskussion, können hier nur die Hauptpunkte und diese auch nur straff zusammengefaßt aufgezeigt werden. Denn das Wesen der u. Sch. läßt sich kaum in ein wohlgerundetes Buch bauen. 1. Das E i n 1 e h r e r problem birgt mancherlei Gefahren in sich. Ein Versagen des Lehrers an der u. Sch. kann eine Katastrophe herbeiführen, an der eine ganze Generation zu tragen haben würde. Und während die Einseitigkeiten eines Lehrers an der geteilten Schule durch den der nächsten Klasse ausgeglichen werden können, ist eine solche Korrektur an der u. Sch. eine Unmöglichkeit. Zur Beruhigung der Eltern kann aber gesagt werden, daß bei dem heutigen Stand der Lehrerbildung solche Gefahren kaum zu gewärtigen sind und daß sie deshalb ganz an den Rand gestellt werden dürfen. Aber nicht jeder Lehrer ist den Künstler, der auf und mit der Kihderseele des Jüngsten ebensogut zu spielen versteht wie mit der aus dem höheren Jahrgang. Oder es fehlt ihm die Allseitigkeit, um aus einer Einstellung auf die Art der älteren Schüler sofort mit seinen A-B-C-Schützen in Kontakt treten zu können. Nachteilig für den Lehrer selbst ist das Fehlen von Erholungspausen. Auf ihn wartet immer eine Abteilung, die direkt unterrichtet werden muß. Der Lehrer mit einer Klasse nur kann bei deren Stillbeschäftigung neue Kräfte sammeln. Anderseits kann der Lehrer der u. Sch. ungestörter arbeiten. Er braucht sich nicht mit den Einwirkungen anderer Lehrer auseinanderzusetzen. Er hat auf Grund seiner jahrelangen Beobachtungsmöglichkeiten die Schüler fester in der Hand, kennt deren Schwächen und Anlagen, die Struktur ihrer Induvidualitäten und hat die Möglichkeit die Früchte seiner Arbeit in den späteren Klassen zu prüfen. Und je nach dem Resultat kann er bestimmte Maßnahmen beibehalten oder abändern. Ist so deutlich geworden wie sehr der Wert der Schule an den der Lehrerpersönlichkeit geknüpft ist, dann ergibt sich für den Lehrer die Verpflichtung, mit den neuesten pädagogischen und methodischen Erkenntnissen stete und innigste Tuchfühlung 'zu haben. Denn nur so wird ihm seine überaus schwere Arbeit und seine drückende Verantwortung leichter. Das Zeitproblem zeigt sich darin, daß der Lehrer der u. Sch. den Stoff von 7 oder 8 Klassen in derselben Zeit zu bewältigen hat, in der die ganzgeteilte Schule das Pensum eines Jahrgangs erledigt. Es wäre aber nun falsch zu sagen: also hat die u. Sch. für ihre Bildungsarbeit nur V? bzw. Vs der Zeit einer g. Sch. zur Verfügung. Tatsächlich sind ja die Schüler dort genau solange dem Bildungseinfluß ausgesetzt. Das Problem präsentiert sich vielmehr als eine totale Verschiebung der Zeitverhältnisse der pädagogischen Einwirkung. Die direkte Einwirkung durch das Wort des Lehrers wird tatsächlich auf 1/? oder Vs reduziert, die indirekte Einwirkung durch Stillr-eschäftigung dagegen auf8/? oder 7/s vermehrt. Wie wirkt sich dieses Mißverhältnis bei der Un-' errichtslektion aus? (Fortsetzung folgt) Zur musikalischen Erziehung der jüdischen Jugend (nach einem Vortrag gehalten in der Lehrerkonfereniz München vom 1. 12. 36) Eine der 'brennendsten Fragen der heutigen Jugenderziehung ist auch die musikalische Bildung dies heranwachsenden Geschlechtes. Manche werden erwidern, daß heute für das Leiben unserer Menschen wichtigere Dinge zu regeln seien und daß es ein Nonsens sei, die 'musikalische Bildungsfrage mit in den Vordergrund des Bildungszieles stellen zu wallen. Aber nie war die Forderung, daß die Sicherung unseres Kulturlebens, als Fundament unseres Volkes und Volksgeistes, schorn) infrühester Jugend beginnen muß, um nicht die Knospen, die säen hier zeigen mit Gewalt abzuschlagen so berechtigt wie heute. Ja noch mehr, weder das Krad noch seine Organisation, der Bund, hat zu entscheiden, ob es Klavier, Violine usw. lernen und üben soll, sondern — heiligste Pflicht gegenüber unserer Kultur ist es, die besonders veranlagten Kinder herauszustellen und dafür zu sorgen, daß mit afilen erreichbaren Mitteln diese Kinder einen 'guten musikalischen Unterricht erhalten. Insbesondere den jüdischen Organisationen, Bünden und Vereinen muß aufgetragen werden, darüber zu wachen, daß unsere jüdischen Begabungen, unsere Meister der Zukunft, nicht untergehen. Warum ist die musikalische Erziehung eine dringende. Notwendigkeit? Es ist jedem verständlich, daß die Grundlagen jeglicher musikalischer Fertigkeit frühzeitig gelegt und geübt werden müssen. Von KmidheM an muß die Hand für das Violin- und Klavderspiel durchgebildet sein, wenn man es zu einer künstle-