Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 10 (15.5.1937)
- Date
- 1937-05-15
- Page
- Seite 201 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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, i.=r - 3|coelitifct)c (Scmcm6c5citung itac^tUgte^^ unö öz$ Uec&anöetf #ay etifdjec JfcodiKfdjec <B*memÖen Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats. — Verlag: B. Heller, München, Plinganserstr. 64. Fernrul 73 6 65. Postscheck München 39 87, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr, Anzeigenpreis: Geschäitsanzeigen nach auiliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XIII. Jahrgang München, 15. Hai 1937 Nr. 10 Inhalt: Das.Lächeln-Naamis — Die Synagoge von Buttenheim 1740—1937 — Aus der Gemeinde München — Zionistische Ortsgruppe München — Staatszionistische Organisation Ortsgruppe München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Jüdischer Turn- und Sportverein München e. V. „Jtus" — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Jüdischer Kulturbund in Bayern Ortsgruppe München — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachung der israel. Kultusgemeinde München betr. Gemeindekartei — Persohalia — Gebetskalender. Das Lächeln Naamis Zum Sch e wuoth-Fest 5697 (16. und' 17. Mai 19 37) So war dies, als die drei Frauen durch das Land gingen, den Feldern Judas entgegen — drei Frauen, und alle in den Trauertüchern der Witwe:; Arpa verhielt auf jedem Hügel den müdien Schritt und stand und wandte sdch um und» siaih heim nach den Stätten Moabs und hob den Arm vor die Augen und weinte wieder. Sie weinte um den Mann, der drüben unter dem frischen Grase lag, um den jungen Gatten, der sie geliebt hatte und aim immigsten, wenn er ihr die Liedter der Hirten sang, die sie in Sunem zur Zeit der Weinlese singen. Der Wind wehte das Traiuertuch von ihrer Stime weg und fächelte ihr die dunklen Locken 'in die Augen- und nun weint sie um die Gärten ihrer Madchentage, um die Gespielinnen und um Vater und Mutter... Vor ihr gingen die 'beiden]: Arpa sah auf Naamis gute Hand, wie sie da auf Ruths schmaler Schulter lag, und auf Naamis weiches Antlitz; wenn es sich wartend zu ihr zurückwandte. Sie dachte der Stunden, in denen sie in Naomis Arm gelehnt hatte, ein Mädchen, das sich trösten Lassen wollte, und an Naamis Lächeln, das Srnirnier da war, wenn sie vor ihr klagten oder bangten. Und siehe, es wollte Arpa scheinen, als seien auch jetzt noch Naamis Lippen zu einem Lächeln gebogen, auch jetzt noch, da sie zu dreien aus Moaib gingen, drei Witwen, denen das Leiben und das Glück Nein gesagt hatten. Denn Naamis Scheitel-war noch kaum vom Silber genetzt, und auch ihr Mund blühte in der hohen Reife. Aber Rute Angesicht sah Arpa nie, denn Ruth wandte sich nicht um. Ruth sah voraus in das Land, das sie nicht kannte, wie sie 'den Sohra -dieses Landes nicht gekannt hatte, als er um sie warb, und ihn immer noch nicht gekannt hatte, als er ihr stiarfb. Sie strebte diesem Lande entgegen', als sei es ihr selbst verheißen worden — 'kaum, daß sie einmal nach Naamis Hand griff, die helfend auf idler jungen Schulter lag. So war die Stunde, als Naaimi unter der hohen Steineiche miiedersaß und dein Blick nach Moab zurückwandte, auch sie. Die Schatten wurden lang und die Gefilde Judas waren nah. Hiimter den Frauen lagern die Dörfer und die Burgen Moabs in der sinkenden Sonne. Da faßte Naami nach Äroas lockigem Haupt und' mit der Linken umschloß säe Ruth. Über die geschlossenen Lider der einen hiiini, unter deren dunklen Wimpern langsam große Tropfen aufquollen, iini den erschlossenem Mädchenblick der anderen hinein sprach sie die leisen Worte des Abschieds und sandte die Töchter ihres Herzens heim in ein anderes Glück, zurück in neue Liebe und in ein anderes Haus, zu einem Gatten und vielleicht zu Kindern, wenn die Zeit gekommen wäre. Naami sprach ihre leisen Worte der Güte und des Verstehans. Naami versohenikte ihre Einsiamikeit wie ein Glück und fürchtete sich in dieser Stunde nicht vor dem leeren Hause zu Betlechem, in dem sie allein seim würde, ohne Elimelech, den Mann ihrer Jugend und ihrer Frauentage, ohne die Söhne und nun auch ohne diese beiden, ohne Arpas singende Heiterkeit und — und ohne Ruth, die Tochter ihres Herzens. Säe hielt die beiden eng in ihren Armem und fühlte die Blutwärme ihrer Jugend, Arpas Drängen und Ruths sanftes Warten. Da lächelte Naami und spürte daibei das Zittern in den Winkeln ihres Mundes. Dann stand Arpa auf und küßte die Mutter und vergaß Ruth zu küssen, küßte die Mutter und suchte schon über ihre Schulter hinweg mit -sehnsüchtigen Augen die Heimat. Und ginig rasch, ohne den Schritt zu verhalten, wie einer geht, der lange nach einem Weg gesucht hat und nun endlich weiß, daß er auf dem nichtigen ist; ging wie eine, die.Versäurrwis fürchtet; ging und tauchte hinab zwischen den Hügeln. Aber Ruth saß an Naamis Knien und schwieg; und Naami machte ihr Herz stark und gebot sich, daß sie nicht weinen wolle. Bis Ruth die reinen Augen aufhob und aus einer großem Stille her, aus einem großen Erbarmen und einem kindlichen Heinwerlanigen zarte Worte sprach. Sie hielt dabei den Blick hinübergerichtet auf die Felder Judas und fürchtete sich ein wenig vor der Fremde, den anderen Menschen, dem leeren Hause. Und wie d)ese Furcht in ihrem Herzen war, weil sie gehen wollte, wo Naami ging, weil sie leben wollte, wie Naami lebte, da tröstete sie sich mit einem fremden hohen Licht, dem Gott,, der Naamis Gott war. und) ihre Lippen sprachen scheu vcum Tode, als hätte sie kaum noch Jahre und brauchte sich nicht mehr um Erfüllungen zu sorgen. „--wo diu stirbst, da sterbe auch ich-- Naami sah in das Mädchengesicht Ruths, und alle ihre Liebe, die begraben war, brach aus ihr auf und strömte zum Segen über dieses Kind, dieses eine, dieses letzte, dieses immer wiederkehrende Kind. Sie gingen vom Hügel herab, Betlechem entgegen. Die Sonne war nur noch ein goldener Stern am westlichen- Rande, aber der Mond stand schon im Osten, und Naami wandte der duhifoelrortetn Scheibe ihr Antlitz zu. Ihr Lächeln war das Lächeln der tragenden Gärten und der Mütter, die geboren haben. " . M.W. Kein Gcmemdemitglicd ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau