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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-03-15 · 6 (15.3.1937) · p. Seite 136

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
6 (15.3.1937)
Date
1937-03-15
Page
Seite 136 (sequence 16)
Language
German
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136 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 zugs aus Egypten. Mit einiger Sicherheit 'darf man annehmen, daß solche Stücke ursprünglich von Laien gespielt wurden, und zwar — zeitlich und räumlich unabhängig vom Gottesdienst — an dein Festtagen. (Der spezifisch-jüdische Spiel- und Nachgestaltagsträeb ist in den überlieferten Scenarien unschwer zu. enkennen!) Schlagen wir den Bogen über die Epochen und Generationen zum heutigen jüdischen Theater, so erkennen wir, daß seine Elemente, jene, die heute bedeutsam erscheinen müssen, die alten geblieben sind. Zwar spiegelt sich die Assimilation s Periode treu auch im Theater des Assimilations-Judentums. Wir kennen in nahezu allen europäischen Ländern die jüdischen Autoren, die jüdischen Theater-Initiatoren, «die jüdischen Regisseure und Schauspieler, das jüdische Publikum des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts: ein Theater der jüdisch-europäischen Symbiosen; der Überschneidungen (und Vermischungen) jüdischer und europäischer — geistiger, stofflicher, artistischer, organisatorischer — Komplexe. Ein „Jüdisches Theater" war und ist dies nicht. Höchstens ein Theater der j ü d i s c h - e u r o p ä i s c h e n Societät! Auch die jüdischen 'Jargonbühnem unserer Zeit, die sogenannten „Budapester", , das Herrnfeld-Theater (deren 'klassisches Repertoire-Stück: „Die Klabriaspartie") sind Assimilationsprodiuücte, die das nicht] üdisohe Publikum recht häufig amüsanter, schmackhafter fand als der jüdisch-bewußte Publikiumsteil. Die jiddischen Theater (die Wilnaer, die Jacubowicz-Bühne. die verschiedenen Theater in Paris, New York, die Wiener Künstlerspiele, Morris Schwarz in Polen uinid andere) sind stofflich, artistisch, vor allem sprachlich durchaus spezifisch, nämlich s p e z i f i s c h - j id d i s c h! Ihr Publikum ist jiddisch — nicht aMgemeiini-jüdisch — fixiert. Insofern sind Stil und Aufgabe der jiddischen Bühne, wiewohl sie befruchtende, weit über ihren Erlebniskreis hinauswirkende starke Werte bingt, regional, man könnte auch sagen: folkloristisch festgelegt. Das neue, heutige jüdische Theater wird sehr viel, insbesondere auch hinsichtlich der Arbeitsder Betrieb smethoden, vom jiddischen Theater lernen können. Indes ist dieses Theater, ebenso wie die n e u - h e b r ä i s c h e Bühne (Habima), in einem speziellen Aufgaben- und Wirkenisgebiet veramkert. Seine stofflichen, geistigen, artistischen Elemente entstammen der jiddischen Erlebniswelt des Ostens oder Amerikas. Es ist eine jiddisch-volkstümliche Bühnenkunst, die zwischen die beiden Pole eingespannt ist: -das naturbaft, bktthaift (nur gainiz selten intellektualistisch) Komische und das Visionäre. Ein Stück Volksgelächter ist in diesem Theater einerseits, und andererseits allemal ein Stück Dybuk. Denn so ist dieses jiddische Volk, kraft seiner sozialen Eigenart. Die hebräische Bühne wiederum ist eine Nationalbühne, noch im Aufbau zwar, aber doch schon nachweisbar in ihrer nationalen Mission uinidi in ihrem weiten Aspekt (auf die Weltliteratur, deren Gewinnung für Palästina eine ihrer großen Aufgaben ist). Wo jedoch sind die elementaren Anfänge jener heutigen jüdischen Bühme zu erkennen? Es ist gewiß recht müßig und eigentlich langweilig, in der heutigen, einigermaßen geklärten. Situation über Worte, über Formulierungen zu streiten. Die Eimen, die aktivistischen, die wachen, die innerlich jungen Juden werden im heutigen jüdischen Erlebnis eine jüdische Renaissance erkennen: einen Beginn. Die Anderen, die Passiven, die Resignierenden, vielleicht auch die rückwärts-gewandten Historiker werden darin idas Gegenteil sehen: einen A k t d e s H i n s t e r b e n s; einen Gedankenstrich — mit folgendem Schiiußpunkt. Aber das Erlebnis, das lebendige Ereignis schreitet spontan vorwärts, über alle Dialektik hinweg. Das ist in der Tat der Unterschied in der Betrachtung des heutigen jüdischen Theaters, seiner schon klar erkennbaren Wesenheit und seiner Möglichkeiten. Es ist der Unterschied zwischen den Aktivistischen und den Passivistischen/; zwischen denjenigen, die an dieses Theater glauben, daran glauben wollen, weil sie theaterwillig sind, zum Theater prädestiniert, weil1 sie in der Schaubühne die Anstalt sehen, die den Geist und den Sinn einer Zeit gestaltend ans Licht bringt; unld1 den Anderen, die an dieses Theater nicht glauben, nicht daran glauben wollen und kömnen, die deshalb blind bleiben gegenüber den Erfordernissen und! gegenüber den sichtbarsten Tatsachen. Da wird jeder ÜberzeuigungswiWe versagen. Denn es ist ein Unterschied ider Disposition, der Haltung und der. Mentalität, vielleicht auch der Generationen. Gemeint ist die Diskussion um das jenige Theater, das sich — diesmal aus dem j ü di sehen Erlebnis heraus — im alten Kulturkreis entwickelt. Das Novuim ist: daß dlie Assimilation, in der unsere geistige Wiege stand, in den letzten Jahren einen neuen Akzent bekam: eben den dirigierenden jüdischen Akzent. Die europäischen! Wesensbestandteile unserer kulturellen Beschaffenheit sind noch immer da, gewiß. Aber — Und dies ist neu —: wir reagieren mit dem Bück, mit dem bewußten Willen zum Jüdischen! Die Grund-Disposition ist elementar verändert. Früher schrieben europäische Juden — europäisch; für die deutsche, die französische, die englische Bühne. Heute beginnen jüdische Europäer/für jüdische Bühnen in. Buropa (oder in Amerikla) zu1 schreiben. Das ist ein Vongang, so neu, so revolutäcinär, angesichts des in ihm vorwärtstreibenden geistigen Elans so beglückend!, daß man, daß mindestens jeder theaterinteressierte Jude die Definitionen, die dialektischen Begründungen ruhig den Literar-Historikern überlassen kann. Da ist das ein Faktum: daß die jüdische Ju gend heute überall, in Deutschland, in Frankreich, in England!, ohne sich lainige urn Kuilturdebatten zu kümmern, spontan, mit dem Instinkt des theater4)egabten jüdischen Menschen zur theatralischen Gestaltung drängt. Man muß im Cbaluz die neuem, jungen L i e der gehört haben; man muß diese scenisch gestellten S p r e c h c h ö r e erlebt haben;.aiucb hier und dort die S t ü c k e muß man gelesen oder gesehen haben, die — ohne daß sie.erst auf ihren Dichter zu warten brauchten — ganz ongainisch aus dieser wiefern, geistig-wachen Jugend herauswuchsen: dann erst wird man, wenn man offene Augen und Ohren hat, erkennen, in welch sehiimboraBsohafteni Grad das Theater von vorgestern antiquiert ist. Da hilft 'kein Bedenken der Gelehrten etwa gegen Laienhaiftigkeit oder Dilettantismus. Entscheidend ist der Gestaltungswille, der sich hier prachtvoll offenbart. Bald wird es gar keine Frage mehr sein, ob man diese Jugend umid wie man sie zu den Überresten des alten Theaters hinführt. Vielmehr werden die Alten zu diesen Jungen kommen müssen, um zu sehen, wohin der Weg geht und wie weit schon die Zeit den Gestrigen davongelaufen ist! Insbesondere im Melodram, in den vielfach gegliederten und überraschend disziplinierten Sprechchören ist bereits eine neue Form, ein d r a m a t i s c h e r S t i 1 überzeugend demonstriert. Da hat sich aus einem natürlichen Spieltrieb eine originale, eine spezifische Gestaltungspotenz bereits entwickelt. Auch das zweite sichtbare Element des neuen jüdischen Theaters hat — wie das Melodram — im Theater der jüdischen Frühzeit seiinen Vorläufer: der h i s t oi r i s c h e S t o if f. Es gibt jetzt schon, von europäischen Juden für das neue jüdische Theater geschriebeini, Scenarien und Stücke, die allesamt stofflich in der Geschichte wurzeln, aber — und das ist das Wesentliche — geistig in lebendigster Beziehung zum heutigen jüdischen Erlebnis stehen. Auf das historische Drama „Theodor Herzl" ist wiederholt hingewiesen worden. Auch auf den „Knaben David", der in London herauskam, und auf Werfeis „Weg der Verheißung", der, nochmals vollkoimimen geändert, soeben in New York aufgeführt wird. Ein Schauspiel „Torquemada" ist im Entstehen, ebenso — in London — ein Makkabäer- Drama. In Prag wird eine jüdische Sport-Revue geschrieben, die handlungsimäßig ebenfalls in einer historischen Episode festgelegt ist. New York hat sich soeben die Option auf eine Moses- Triloigie gesichert, deren Scenarium vorliegt. Bin Heine-Draima wird voraussichtlich in Paris herauskommen. An einem neuen Ghetto-Stück wird geschrieben (mit Benutzung des Golem-Motivs). Andere, auch heitere Themata sind in Angriff genommen. (Es verlautet auch, daß Werfel Grillparzers Esther-Fragment bearbeiten wird!) Zu dieser neuen, jetzt werdenden Literatur werden die spezifischen Theater gefunden werden müssen; Zwar sind bereits die entsprechenden jüdischen Bühnen hier und dort installiert oder doch im Wenden; in Wien, in Prag, in London; auch Reinhardts neues Manhattan-Theater in New York scheint sich -zum Jüdischen hin zu profilieren. Teilweise freilich werden die jüdischen Stücke noch innerhalb des normalen Theaterbetriebs und seinies nicht-spezifischen Spielplans aufgeführt werden müssen. Aber es ist nur logisch, daß sie auch dort in erster Linie ein spezifisch-jüdisches Publikum interessieren werden. Jeden/falls ist heute die Linie zu erkennen: der neue Impuls, der in 'der Produktion lebendig, geworden ist, strebt zur nämlichen Tendenz im jüdischen Publikum, um mit der Initiative, die vom Theater kommt, zusammenzutreffen. M L.

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