Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 5 (1.3.1937)
- Date
- 1937-03-01
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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110 Nr. 5 zogen, und tso entstand das „Orchester der Jüdischen Kulturbünde'' tiit dein Sitz in Frankfurt ä. M. Allen KÄürbünden des Reiches steht es zur Verfügung, und bereits hat es auf angebeteten Konzertreisen im zahlreichen Kulturbünden gasiiert M München haben wir das Orchester .erstmals am 16. Februar gehört. Es ifiögt auf der Hamid1, daß die I^stungen eines berufsinä&ieep, 'sich in täglichen langen Proben vervollkommnenden Orchesters mit anderem Maßstab gewertet werden müssen als etwa das Spiel eines Orchesters, das sich vornehmlich aus Laien zusammensetzt. Berücksichtigt mau, daß das Frankfurter Orchester in seiner jetzigen Zusammensetzung erst ein halbes Jahr besteht, so darf man sagen, daß es heute schon eine künstlerische Höhe erreicht hat, de auch vor strenger Kritik bestehen 'kann. Insbesondere zeichnet sich der Streichkörper des Orchesters, obgleich nicht stark: besetzt, durch Reinheit der Intonation, Klangfülle und eine bemerkenswerte Disziplin des Musizierens aus. Nicht auf gleicher Höhe stehen idde Bläser, in deren Bereich sich nooh "Unausgeglieheiriheiten in Stimmung -und Dynamik, vor allem auch noch tecihjiiisdhe Schwierigkeiten bemerkbar machen. Von dem Dirigenten des Orchesters, Generalmusikdirektor Professor Julius Prüwer, gewann man den Binidiruck, daß er der berufene Führer und Erzieher dieses Orchesters ist Seiner überaus sorgfältigen und überlegenen Leitung war aintzumerkem daß er es ist, dem das Orchester die bereits erreichte Leistungsstutfe zu danken hat. Vor aälem dem Klanglichen mißt er größte Bedeutung zu; es war eine Freuide zu sehen, wie das Orchester seinen Intentionen in dieser Richtittng willig folgte, wie unter seinen Händen namentlich in den Streichern Kantilenen und Linien von zarter Schönheit entstanden. Besonders versteht es Prüwer, (dfie Farben und Stärkegrade des Orchesters iim. polyphonen Spiel gegeneinander auszugleichen und zu schattieren. Derart gepflegtes Orchesterspfiel verrät 'dlie Tradition, auf die Prüwer zurückgreift und der er, als langjähriger Leiter großer und bedeutender Orchester, persönlich venbuniden ist Seinie Stabführung, streng und sparsam, -stets nur auf das Wesentliche gerichtet kennzeichnet ihn als Vertreter der ,jküassiscfaien" Dirigenteuschule. Man hörte zunächst die Ouvertüre „Meeresstille und! glückliche Fahrt" von Mendelssohn, als stimmungsvolle Nätutrschilr derung von jeher ein beliebtes Programmstüok. Der lamigsatne erste Tel geriet vorzüglich; die „gMüMehe Fahrt" (Molto allegro e vivace) hätte väelleicht eine noch stärkere Brise vertragen. Eine willkommene Gabe bildete 'die selten gehörte Cdair Symphonie (K. V. 338) von Mozart, ein reizvolles' dteisätziges Werk, das mit Unrecht von den Dirigenten vernachlässigt wird. Seiner heiteren, graziösen Musik bereitete das Orchester eine Wiedengabe, die keinen Wunsch unerfüllt ließ; in den lebhaften Tempi der Ecksätze kam seine Technik, die Klarheit und Durchsichtigkeit seines Spiels zu schöner Geltung. Ein Kabinettstückchen bildete, nur von den Streichern vorgetragen, der Mittelsatz (Andante di molto), in welchem sich die Geigen durch -besondere Tonschönheit auszeichneten. Eime in allen Teilen sorgsam abgewogene AuiMhirung der Zweiten Symphonie von Beethoven bildete den Schluß der Vortragsfolge. Dem Dirigenten war es hier weniger um die Unterstreichung der dramatischen Ansätze, sondern hauptsächdeh um eftn klares, lebendiges Musizieren zu tun, mit dem er vor aileim auch eine vorbildliche formale Geschlossenheit erreichte. Daß die zahlreich erschdenenen Hörer ihrer Freude über dieses treffliche Musizieren in der Synagoge nicht lauten Ausdruck (geben konntemi, mögen viele bedauert haben; andererseits wollen wir dankbar sein, daß dem ^Kulturbund für seine Veranstaltungen das Gofteshaüs zur Verfügung steht dessen Akustik sich 'ganz (besonders bei Orchesterkonzerten ausgezeichnet bewährt Auch dem Orchester war anzumerken, daß es sich in diesem' Rahmen wohl fühlte und gerne sein Bestes gab. Möge es gelingen, -das Bestehen dieses jüdischani Beruf sorchesters auch weiterhin zu sichern; es wird dem Münchher Kiflfärbwnd stets von Herzen willkommen seih. a. Zur Aufführung des Puppentheaters am Samstag und Sonntag, den 13. und 14. März im Kulturbund La joi du monde n'est qu'uu 4 jeu de marionettes. Die in ^ädeütschilänid bereits wo;h^eS^le Kü^ieflcüaif, welche erst Jüngst den Regensburgerii;--cm^'^rdbergfern große Freude gemacht hat, wird am 13. und 14. März die Spieioper „Die Insel Tülipäfan" von J. Of fenbäch zur Aufführtunig firmgen^ Es muß 'immer wiedler gesagt werden, daß ein künstlerisches Puppentheater kein •Masperltheater ist, sondern eine Theaterangelegenheit von höchstem Reiz. Man muß wissen, daß viele bedeutende Persönlichkeiten diesen Reiz des Puppenspiels hoch einzuschätzen wußten. Die klassischen Worte und Aufsätze von Goethe und Kleist über das Puppenspiel sind allgemein bekannt. Weniger bekannt ist, daß Hans Thoma ein Liebhaber der hölzernen Schauspieler gewesen ist, bei denen nach dem berühmten Puppenspieler Paul Brann drei Intelligenzen zusam-; meniarbeiten, nämlich die Führer der Puppen, die Sprecher und die Puppe selbst. Ein so feinier Geist wie Bernhard Shaw sagt: „Den Schauspielern aus Fleisch und Blut ziehe ich immer die hölzernen vor, die steif sind und immer denselben Ausdruck zeigen, trotzdem sie voll Leben sind und eine künstlerisch tiefgehende Wirkung auf die Gefühlswelt haben können. Das wahre Bühnen-Interesse wird •wicht von dem erzeugt, was der Schauspieler darstellt, sondern von den Gefühlen, die in uns erweckt werden." Es ist eine bebannte Tatsache: Die Steigerung der Illusdonsfähigkeit durch den differenzierten Rhythmus der Musik korrigiert das Primitive der Puppe, wandelt die Figur zum ausdlruoksv'oHlen Exponenten jedes menschlichen Affektes. Auf dem Theater hat die Einbildung des Publikums eine weit* stärkere Wirkung als jeder Kunsthandgriff eines Künstlers. Die Puppe ist in der Tat die Rumst in ihrer primitiven Form... Ihre stets 'Unveränderte Physiognomie, dlie sozusagen] versteinert ist, ihre, die menschliche Geste mit der ganzen Evidenz der Karikatur Wiedergebenldie Mimik geben ihrem Spiel eine Wirkung, die der Schauspieler von Fleisch und Blut schwer erreichen kann. Jean Paul fordert für die Darstellung der Komödie ausdrücklich Marionetten statt Schauspielem. Lenau hat sich 1839 geäußert, daß ein woMefageriChitetes Marionettentheater das eigentliche Volkstheater sein würde, und Justinus Kerner schreibt: „..Es ist sonderbar, aber mir wenigstens kommen die Marionetten viel ungezwungener, viel natürlicher vor, aiis lebende Schauspieler..." Richard Dehme!, Felix Dahn, Wilbrandt waren begeisterte Freunde des Puppenspieles. Schnutzier und Hofrnannsthal, zwei der feinsten Geister des letzten Jahrhunderts, die das Judentum noch dazu für sich beanspruchen kann, halben ihire Komödien1, wie ihre allermeisten ernsten Theaterstücke für Marionetten geschrieben. EI e o - nora D u s e schrieb an Vittorio Podrecoa, wohl dem vollendetsten Puppenspieler der Welt: „Ich benlelde sie; auch ich möchte die Leiterin einer Puppenbühne sein. Ihre Schauspieler sprechen nicht und gehorchen, die meinen sprechen und gehorchen nicht..." Haydn schrieb fünf Operetten für die Marionettenbühne des kunstberühmten Fürsten Esterhazy, 'eine davon hat das Puppentheater Münchener jüdischer Künstler voriges Jahr aufgeführt. * *