Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1937
- Issue
- 2 (15.2.1937)
- Date
- 1937-02-15
- Page
- Seite 85 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/9934493-9934277-9934281--449-2744456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
(Mitteilungen üea JüDifrtjen ietjrernereina für iBapera Schriftleitung: Max Adler, München 1937 München, 15. Februar Nr. 2 . Das Bildungsziel der Jüdischen Volksschule Von Jakob Stoll (Würzburg). (Schluß) In großen Zügen seien einzelne Gebiete des Unterrichtes nach der von unserem Bildungsziel geforderten Stofiauswahl beleuchtet: I. Der Saohunterrieht der Unterstufe: Religiöses Erleben in G'tteshaus, Familie, Schule, religiöse Federn, Oneg Schabbos erfordern starke Betonung im gesamten Anschauungsunterricht. II. Erdkunde: Die Heimat bleibt Ausgangspunkt für Gewinnung aller Grundbegriffe: Unsere religiöse Blickrichtung verlangt stärkere Betonung der kausalen Zusammenhänge, zwischen geologischem Aufbau, Bodenform u/rad Bodenbeschaffenheit, zwischen Klima und dessen Ursachen, zwischen Bodenbedeckung, Bodenischätzen und der wirtschaftlichen Eigenart dier Bewohner. Das Bildungsmioment der Erdkunde liegt in der Erfassung der kausalen Zusammenhänge, welche die Welt erscheinen läßt als eine durch g'ttliehe Fürsorge ausgebaute Wahnstätte für das Menschengeschlecht. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint wichtiger als die Beschreibung vieler einzelner Länder und Anhäufung vieler statistischer Einzeltatsachen die Betrachtung der Erde als eines Kosmos mit ihren Klimagürteln und deren mathematisch-physikalische Ursachen (Wind und Regenverteilung in den Tropen und Subtropen). Die mathematisch-physikalische Begründung der Vorgänge und Erscheinungen auf dem Erdball läßt, uns dann die Welt nicht mehr als ein Chaos, sondern als einen Kosmos erscheinen, der den berühmten Geographen Karl Ritter zum Motto über sein geographisches Werk angeregt hat: „Die Himmel rühmen dies Ewigen Ehre." Auch die in der Gegenwart beliebte Betonung geopolitischer Fragen ist nur mit größter Vorsicht und mit Auswahl zu üben. Denn auch das Verständnis der politischen Absichten der Völker wird zu einem großen Teile nur verständlich, wenn die mathematisch-physikalischen Naturgegebenbeiten Eigenart und Wert der in Frage kommenden Gebiete beleuchtet haben. III. »Naturkunde: Für die Unterstufe kommt die naiv-gemütvolle Betrachtung der Naturvorgänge in Frage. Dem Kindergemüt erscheinen die Lebensvorgänge der Natur personifiziert in einer höheren Macht. Auf der Oberstufe führt die Betrachtung der Zweckmäßigkeit und der biologischem Gesetzmäßigkeit von selbst zur Erkenntnis der Schöpf er wedsheit. IV. In der Naturlehre (Physik) geben verschiedene Gebiete, wie z. B. Anomalie des Wassers, die verhindert, daß unsere Seen und Teiche bis in den Grund gefrieren, oder das Beharrungsgesetz, das den Lauf der Himmelskörper in ihrem Gleichmaß sich vollziehen 'läßt, zur Erkenntnis einer Schöpferaibsioht. V. Die Geschichte steckt sich als Hauptziel Verständnis der Gegenwart. Das bedeutet für uns Kenntnis der Lage unseres eigenen Volkes. Darum ist die Geschichte des Judentums überall einzubetten in die Weltgeschichte, weil dlie erstere ohne die letztere nicht verständlich wird. Ausgangspunkt der Geschichtsbetrachtung ist für uns die biblische Geschichte, Endpunkt die B'Ickrichtung unserer Propheten, die hinzielt auf die Erfüllung der messianlischen Hoffnungen. Da etwa von Salome ab die jüdische Geschichte eingelbettet ist in die Weltpolitik, sind vom 5. Jahr ab auch idie Geschichte des vorderen Orients und der alten europäischen Kulturen insoweit zu behandeln, als es zum Verständnis der »jüdischen Geschichte notwendig erscheint. Was 'dlie Früh- und Vorgeschichte betrifft, so hat säe den Vorzug, daß sie anschaulich uns entgegentritt und sie die allmähliche KulturentwickflluMg der Menschheit uns erst zum Verständnis bringt. Unsere ganze Geschichtsauffassung wird getragen von dem Optimismus des Messias-Gedankens, dessen Humanitätsideal in dem Satze 'gipfelt: Einst werden alle Völker auf dem Berg G'ttes kommen und die Erde wind so voll von G'tteserkenntniis sein wie die Wasser den Meeresboden bedecken. VI. Abschluß •und Krönung unseres Unterrichtes ist der Pentateuch-Unterricht der Oberstufe, dessen gesetzliche Partien auszuwählen sind 'unter starker Blickrichtung auf das praktische Leben. Das ist jüdische Staatsbürgerkunde. Per*- tateuchbehandlung der Oberstufe und Prophetenlektüre lassen erkennen, daß das Judentum deT Schöpfer 1. des sozialen Gedankens (Sabbat, SobuMewerlaß, SMavenbehanidkng, Anbeitergesetze), 2. des Monotheismus, 3. der Begründer des Gedankens von der Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechtes ist. Über aller Lehrplantechnik und aller Methodikkumst erhaben und letzten Endesallein ausschlaggebend für die Verwirklichung unseres jüdischen Bildungsideäls ist die jüdische Lehrerpersönlichkeit. Dieser Gedanke von der Persönlicbkeitspädagogik, der ein Schlagwort der modernen pädagogischen Streuungen der letzten Jahrzehnte geworden ist ist schon vor 3000 Jahren im einer grandiosen Naivität und Selbstverständlichkeit ausgesprochen in dem Bibelabschnitt, den der gläubige Jude täglich zweimal liest: „w'hoju hadevorim al levovcho, w'sohinantom levonecho" Erst wenn Du von G'tteserkenntnis selbst durchdrungen!, vom G'ttesliebe selbst erfüllt bist — dann gehe bin und belehre Deine Kinder! I Jakob Nußbaum s. R. Am 25. Januar verschied plötzlich unser Üb. Freund, Oberlehrer i. R. Jakob Nußbaum, Neumarkt. Seit 1888, also fast 50 Jahre, gehörte er »unserem Bruderbunde als treues Mitglied an. Ein überaus tüchtiger Sobulmann, der neben seiner Schuttätigkeit noch jahrzehntelang ein weit und breit bekanntes und beliebtes Schülerpenaionat leitete, ist mit .ihm dahingegangen. In den Gemeinden, in denen er tätig war — Burgebrach von 1888—1894, Altenmuhr 1894—1917, Neumarkt, Oberpialz seit 1917 wurden ihm wegen seines leutseligen Wesens, seines friedfertigen Charakters Liebe und Verehrung im wertgehendsten Maße zuteil. Mit Rat und Tat stand er jedem einzelnen Mitgliede seiner Gemeinden in liebevollster Weise zur Verfügung. Der Schriftleiter, der Nußbaums Nachfolger in Altenmuhr war, war oft Zeuge der großen Verehrung» die alt und jung ihrem Lehrer und Freunde Jakob Nußbaum entgegenbrachte und spürte es so deutlich wie groß der Vorteil ist, der Nachfolger eines klugen, angesehenen und pflichteifrigen Lehrers zu seün. Nußbaum war auch ständig auf seine Weiterbildung bedacht. Er besuchte noch als fast SOjähriger Marin die Gewerbelehrerkurse in Nürnberg und München und war der Leiter der aBgem/einen Fortbildungsschule in Altenmuhr. In Lebrerkreisen war er als kluger, vornehmer Kollege sehr angesehen und gerne hörte man auf seinen Rat. Im Ruhestand widmete er sich mit besonderer Liebe gemeindlichen Arbeiten und wurde von der Kuiltusgemeinde Neumarkt mit dem Amte idles Kultusvorstandes betraut. Um den so plötzlich Heimgegangenen klagt nicht nur seine Gattin, die ihm stets die treueste Lebensgefährtin war, seine Kinder, die jüdische Lehrerschaft Bayerns, seine, vielem Schüler und seine Gemeinden, sondern darüber hinlaus trauert um ihn eine große Zahl Freunde, die -die Liebe, die sie ihm im Leben entgegenbrachten, ihm auch übers Gralb hinaus bewahren werden. Der jüdische Lehrerverem Bayern wird ihm ein treues Gedenken bewahren. A.