Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 3 (1.2.1937)
- Date
- 1937-02-01
- Page
- Seite 49 (sequence 1)
- Language
- German
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Jfcaditifdje (ScmcmÖcjcitung Hadpfrfjte^^ und öc^l3ßc6onö^ ^oyenfrffec Iftoehttfrffec (ß^mdniSen Erscheint am 1. u. 15. ieden Monats. — Verlag: B. Heller, München, Plinganserstr. 64. Fernruf 73 6 65. Postscheck München 39 87, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr, Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XIII. Jahrgang München, 1. Februar 1937 Nr. 3 Inhalt: „Die Erwählung Israels" — Mysterium der Auserwählung — Kultusgemeinde München:. Lehrhaus — Lehrkurs für jüdische Jugendführer Bayerns vom 3. bis 10. Januar 1937 — Aus der Gemeinde München — Zionistische Ortsgruppe München — Staatszionistische Organisation, Ortsgruppe München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Jüdischer Turn- und Sportverein München e. V. „Itus" — Jüdischer Kulturbund in Bayern, Ortsgruppe München — Bücherschau — Handwerkerliste — Personalia. rDie Erwählung Israels11 Der richtig verstandene ErwählungsgedanKe Anläßlich) des Vortrages und der Lehrkurse Martin Bubers über die Erwählung Israels. Die Vorstellung von der „Erwählung Israels" schließt eine geschichtlich und „religionsphänomenologisch" gleich bedeutsame Tatsache in sich, die man entgegen allen vagen , und landläufigen Schlagwörtern vom „Auserwäblteri! Volk" scharf uimreißetn muß, um sich 'das vorurteillose Verständnis nicht zu erschweren. Es 'geht um die Tatsache, daß das jüdische Volk des Glaubens war, .und noch ist, von Gott zu sednem besonderen Eigentum gemacht zu sein, nicht durch naturhafte Abstammung und Zeugung, sondern mittels willentlicher Setzung in geschichtlicher Zeit. Um idliesen Glauben -dreht sich die innere Problematik des Judentums überhaupt. Förderung und Gefährdung der jüdischen Religion — micht unserer säkularisierten Religiosität oder Frömmigkeit — wechseln nachdiesem richtig verstandenen Glauben von der Erwählung Israels in einem beständigen Auf und Ab miteinander ab. Die jüdische Vorstellung von der -göttlichen Auserwählumig hat später in deim Erwählungsbewußtsein der christlichen Gemeinde und in der Bildung des Volks- und Staatsbewußtseins moderner Nationen — etwa des englischen Volks- und Staatsbewußtseins — sonderbare und oft beschriebene Nachwirkungen gehabt. Wenn hier von einer „religionsphänomenologisdhen" Betrachtungsweise gesprochen wurde, so ist damit nur dfte angestrengte Bemühung gemeint, ganz deutlich zu verstehen, was sich hier in der jüdischem Religion und Geschichte „zeigt", und zwar an Wesentlich-Menschlichem zeigt. Der holländische Gelehrte G. van der Leeuw hat die umfassendste und präziseste „Phänomenologie der Religion" (Tübingen 1933) geschrieben «und zum Schluß auch den Begriff des „Verständnisses" sowie .des religiösem „Phänomens" ausführlich erklärt. Denn ein „Versteher" in dem gemeinten Sinn muß sich ja immer auf den Einwand gefaßt machen, daß hier ein Blinder von der Farbe spreche. Van der Leeuw unterstreicht die Behauptung, >d!aß sich ein solches „Verständnis", wenn es auch in das „Wesen" der Dinge dringt, im Bereich des „Mensch- Hohem" hält. Er setzt aber fast schalkhaft, in einer Art Selbstironie hinzu: „Es sei denn, daß der Versteher zu viel vom Professor erworben, zu wenig vom Menschen, behalten hat"; und er zitiert C. K. Chestertons drastischen Satz über das „religiöse Erlebnis": „Wenn der Barbar dem Professor erzählt, daß es einst nichts gab als eine große befiederte Schlange, so ist .der gelehrte Mann überhaupt kein Sachver- . ständiger in dieser Materie, wenn er sich nicht inwendig erbeben fühlt und halbwegs versucht, zu wünschen, daß der Barbar recht hätte." Was sich in dem Sachverhalt der Erwählunig Israels in der Bilbel „zeigt", wird durch eine saubere Textinterpretaiäon der biblischen Stellen zwar noch nicht ganz „verständlich", aber der Gedankemstoff ikann auf diese Weise am besten übersichtlich gemacht werden; und so kanni auch mittelbar die religionsphänomenologiische Tatsache des Glauibens an eine göttliche Erwählung der religionsgeschichtlichen Klärung näher gebracht werden. Jede Art der tiefsinnigen Betrachtung" oder Erbauung soll ausgeschaltet bleiben. Die Selbstaussagen der Bibel über die Erwählunig wären ibei einer Gesamtdarstellung zu trennen von der Frage nach den diesen Aussagen zugrunde liegenden historischen Vorgängen; und ein dritter ' Fragenumkreis hätte sich systematischtheologisch mit der göttlichen Erwählung Israels zu befassen. Hier beschränken wir uns auf die Auswahl einiger Textstellen, wobei von dem Ganig der Erklärung Martin Bubers •in seinen Vorträgen, Bihelkursen und Schriitem oft abgewichen wird. Man geht in der Tat am besten von den beiden Arnos- Stellen aus: „Seid ihr mir nicht wie die Mohrensöhne, Söhne Israels?" — So spricht der Ewige —, „habe ich nicht Israel aus dem Land Ägypten heraufgebraeht, — und die Philister aus Kaftor, •und die Aramäer aus Kir?" (Arnos 9,7) Also Wanderung und Landannahme hat Israel vor den a<ttderen Völkern nicht voraus. Auch das Schicksal der übrigen Völker wird von Gott geleitet, ohne eine Vorrangstellung „seines" Volkes. Darauf deutet auch Jesaija: An jemem Tag wird eine Straße von Ägypten nach Assyrien sein, kommen wird Assyrien zu Ägypten und Ägypten) zu Assy rien und dienen werden sie, Ägypten mit Assyrien, An jenem Tag wird Israel das Dritte zu Ägypten und zu Assyrien sein, ein Segen in der Mitte des Erdlands wozu der Ewige der Scharenes gesegnet hat, sprechend: Gesegnet Ägypten, mein Volk, und Assyrien, Werk meiner Hände, und Israel, mein Eigentum. (Jesaia 19,23—25)