Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 2 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2728075-2728077--11008-2744405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
38 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 und ich gehöre ihm an und weiß mim ihn, er ist mir Vater und Freund, Lehrer und Meister. Gundolf hatte die wunderbare Kraft der reinen Begeisterung für das, was er als menschliche Größe erkannt hatte, und diese seltene Gabe eines großen und gerechten Herzens ist der Urquell seines Lebenswerkes geworden. Schöpferische jüdische Leistung in der Musik Bei dem ersten Konzert, das das neue palästinensische Symphonieorohester am 06. Dezember in Tel-Awiw veranstaltet hat, hielt der Gründer und Organisator des Orchesters, Brouislav Huberman, eine Ansprache über schöpferische jüdische Leistung auf dem Gebiet der Musik. Wir geben daraus im Folgenden einen Auszug: In diesem Augenblick, da das Palästina-Orchester sich von einer Idee in Wirklichkeit verwandelt, geziemt es uns, Betraichtuinigen anzustellen über dfie von den Juden auf dem Gebiet der Musik gespielte Rolle. Sogar in jüdischen Kreisen werden ofi Zweifel geäußert über die musikalische Begabung der Juden in den höchsen Sphären schöpferischer Kraft. Niemals hat es, so argumentieren diese Skeptiker, einen jüdischen Bach, Mozart oder Beethoven gegeben; ergo müssen die Juden unfähig sein, ein Genie solchen Maßstabes hervorzubringen. Das ist ein Trugschluß, der mit Rücksicht auf die große Zahl und Bedeutung jüdischer Musiker in der nachklassischen und jetzigen Zeit nur zurückzuführen ist auf vollständige Außerachtlassung der politischen und sozialen Verhältnisse, die entscheidende Faktoren in der schicksalsschweren Geschichte der Juden waren. Kunst ist nicht bloß ein schöpferischer Akt des Einzelnen, sondern auch der Ausdruck eines aktiven Kontakts des Einzelnen mit einer geistigen Gemeinschaft; sie faßt zusammen und versinnbildlicht die in einer gegebenen Gesellschaft latenten Gefühlswerte, ihre Ideale, ihre Sehnsüchte, ihre' Hoffnungen, ihre Verzweiflung. Somit ist Kunst nur möglich in der ihr gemäßen Atmosphäre, die das Gemeinschaftsleben erzeugt. Besonders trifft dies für die Musik zu, die nicht Wirklichkeit wand, bevor sie vorgetragen und gehört ist. Aber aus dieser Atmosphäre der Gemeinschaft waren die Juden durch die kulturelle, soziale und politische Ab Sondierung jahrhundertelangen Ghettolebens ausgeschlossen. Erst die Emanzipation, die Napoleon den mitteleuropäischen Staaten mehr oder weniger aufgezwungen hat, schuf für die Juden die Möglichkeit, mit der herrschenden europäischen Kultur in Berührung zu kommen. Nach dem Sturz Napoleons entstand in dem für die Musik jener Zeit besonders wichtigen mitteleuropäiscnen Gebiet die Tendenz, die Emanzipation rückgängig zu machen. Dies führte zu politischen und kulturellen Einschränkungen, die erst allmählich im Lauf des Jahrhunderts aufgehoben wurden. Es war daher kein Zufall, sondern in der Macht der Verhältnisse begründet, daß dar erste große jüdische Komponist, Felix Mendelssohn, ein getaufter Jude war. In der ersten Periode der Emanzipation war es den Juden nicht möglich, sich auch nur die elementarsten Bedingungen zu sichern, die für die Erweck'ung und Entwicklung seiner musikalischen Begabung notwendig sind, außer durch den Übertritt zum Christentum, der rasch alle Schranken beseitigte, die das Ghetto von dem geistigen Leben Europas trennten. Sobald jedoch die geistige Emanzipation aus dem Ghetto im Lauf des 19. Jahrhunderts zum Abschluß gekommen war, haben die Juden qualitativ und quantitativ einen so hervorragenden Anteil an dem musikalischen Leben Europas genommen, daß man ihre besondere Begabung auch au fdiesem Gebiet, wie auf so vielem anderen, anerkennen muß. Es genügen Namen zu nennen wie Meyerbeer, Offenbach. Anton Rubinstein, Goldmark, Max Bruch, Mahler, Schoenberg, Milhaud, Ernest Bloch. Es muß zugegeben wenden, daß sich unter diesen kein Genie von der Größe Beethovens befindet. Aber wo gibt es eine Nation, die in der Zeit nach dem Eintritt der Juden in das musikalische Leben Europas auf einen Beethoven hinweisen Ich will es sagen, zarter als ein Schweigen, Du solltest tonlos es aus mir erhören. Wie aber kommt es tonlos dir zu eigen, Da alle Worte es so roh zerstören? Ich will dich nicht mit schönem Klang betören, Ich will dir meine tiefste Wunde zeigen Und meinen Kern in dich hineinbeschwören, Mein Wesen segnend über deines neigen. Nimm es zu dir aus meinem letzten Schacht. Was noch des Fleisches ist und niedrig macht, O laß es gütig ein in dein Verstehen. Wir müssen auch den Abgrund in uns lieben lernen, Und was auch komme, laß uns lächelnd gehen Den Weg zur Hölle oder zu den Sternen. Manfred Sturmann. ■TVA/VA/>/XA/VA/VA/VrV/\/VA/\/V/%/V^ könnte? Nicht alle Geschichtsepochen sind in 'gleicher Weise und ohne Unterschied fähig, ihren Ausdruck in jedem Zweig der Kunst zu finden. Bedenken Sie einen Augenblick lang, wie kurz etwa der Zeitrauimm war, in dem die Bildhauerei unter Phidias und Praxiteles in Blüte stand, nicht länger als sechs, höchstens acht Jahrezhnte, oder die Malerei unter Rembramdt und Frans Hals, oder die Dichtkunst unter Goethe und Schiller und zuletzt, aber nicht in letzter Reihe, die Epoche der Propheten in der Zeit von Jesaja und Jeremia. - Einzigartige Erscheinungen wie diese, hervorgerufen durch ein einzigartiges Zusammentreffen günstiger Bedingungen!, gibt es vielleicht einmal in tausend Jahren; sie sind atmosphärischen Hochspannungen zu vergleichen, die sich unter Donner und Blitz entladen und denen wieder vollständige Finsternis folgt. So hat auch die Musik ihre besonderen Bedingungen und Imponderabilien. Als, etwa in der Periode zwischen Bach und Beethoven, eine solche Konjunktur von Bedingungen und Imponderabilien zustande kam, lebten die Juden noch im Ghetto; als die Schranken des Ghettos endlich gefallen waren, hatte die Musik ihren Höhepunkt bereits überschritten!, für Juden nicht minder als für Nichtjuden. Möglicherweise muß erst jene Idee des „modernen Funktionalismus" überwunden werden, eine Errungenschaft, auf die musikalische" Kreise vielleicht noch stolzer waren als andere; wir müssen aufs neue Glauben und Vertrauen zu unserem Schicksal bekommen', damit unsere innersten Erlebnisse wert werden, durch Musik, diese mystischste aller Künste, geläutert und erhoben zu werden; vielleicht muß die Menschheit erst auifs neue lernen, den Nächsten zu lieben, bevor sie hoffen kann, „diesen Kuß der ganzen Welt" von einer neuen Neunten Symphonie zu erhalten. Und wo in der Welt gibt es einen Ort, an dem jedermann, Gläubiger und Ungläubiger, Jude, Christ und Mohammedaner, so unwiderstehlich von einer unbegreiflich mystischen Atmosphäre ergriffen wird, wie in Palästina? Gibt es ein anderes Land, das stärker vorbestimmt wäre, die Welt durch eine neue, dritte Heilsbotschaft der Menschenwürde und Menschenliebe zu erlösen als dies unser Palästina, das gerade jetzt dicht bevölkert wird von denjenigen, die vor dem Haß der Welt fliehen, und das durch die Liebe seiner Bewohner umgewandelt wird aus einer Wildnis in einen Garten Eden? Das Orchester dieses immer alten und immer jungen Landes steht nicht, nur vor der Aufgabe, die Bewohner Erez Israels durch Stärkung ihres kulturellen Lebens bei dem Aufbauwerk zu unterstützen, es soll auch sein Ziel sein, einer musikalischen Kultur den Boden zu ebnen, die vielleicht, wenn der glückliche Tag koimimt, der Welt einen großen schöpferischen Musiker schenken wird.