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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1936-12-15 · 11 (15.12.1936) · p. Seite 30

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1936
Issue
11 (15.12.1936)
Date
1936-12-15
Page
Seite 30 (sequence 1)
Language
German
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imitfeilangen üe* JüDifflen Seljrenierems für tftopera Schriftleitung: Max Adler, München 1936 München, 15. Dezember Nr. 11 Das Bildungsziel der Jüdischen Volksschule Von Jakob Stoll (Würzburg). (Fortsetzung.) 3. Das biblische Erziehungsziel lautet: k'dauschim tiheju, nicht kodausch tihejeh, weil (im Gegensatz zur asketischen Lebensanschauung, welche .diie Weltflucht predigt) der Mensch nur Mensch sein kann in der Gemeinschaft; darum muß er erzogen werden durch die Gemeinschaft und für die Gemeinschaft. Gewissenhaftigkeit und Ehrfurcht in rein religiösen Fragen finden wir nicht selten vereint mit krassem Egoismus; uns allen sind jene Typen bekannt, die bei der allerpeinlichsten Pflichterfüllung der Mizwos sch'ben odom Iamokaum die sozialethischen Gebote (Mizwos sch'ben odom lachavero) außeracht lassen. Das Erziehungsziel bekommt seine herrschende Idee erst in der Hingabe im Dienst für die Mitwelt. Jeder Mensch ist von Haus aus Egoist: Jezer lew hoodom ra minurov. Weil alles Tun bestimmt wird durch die Wertschätzung, die wir einem Gute entgegenbringen, kann ein sittliches Handeln nur angebahnt werden durch eine Rangordnung der Wertgüter, die die kindliche Neigung auf sich ziehen. Zu unterst stehen die Werte des Angenehm und Unangenehm, der Lust und Unlust. Ihnen gleich geordnet sind die utilistischen Werte des Nützlichen und Schädlichen. Höher stehen die geistigen Werte des Wahren, Guten und Schönen, der allgemeinen Wohlfahrt und des Rechtes. Darum beginnt die Reihenfolge des Heiligkeitskapitels mit der Selbstbeschränkung und Mäßigung im Genuß, führt über die Armenabgaben von leked und Peah, über das Verbot der materiellen Schädigung des Nächsten in lau signovu, über die Gebote der sozialen Rücksichten gegenüber dem Arbeiter zur Achtung von Person und Ehre des andern, zur Forderung der unparteilichen Gerechtigkeit im Gerichtsverfahren und schließt mit dem Hochziel aller sozialen Hingabeerziehung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Hingabeerziehung soll die rechte Wertschätzung des Lebensideals erreichen. Sie wird in der Schulerziehung viel weniger durch besondere Unterweisung als durch den Geist der Erziehungsgemeinschaft erreicht. Hier steht das Beispiel und die Gewöhnung an erster Stelle. Wertungen werden von dem Schüler mit dem Lehrer vollzogen. Was er schätzt und aus welchen Gründen er es schätzt, noch viel mehr was er an Sozial-ethischem Verhalten selbst übt und vorlebt, das5überträgt sich unmittelbar auf die Kinder: Hier ist das naase w'nischmo, oder wie die Spruchweisheit es ausdrückt: lau hamidrosch ikor elo hanaaseh, von entscheidender Bedeutung. Im Unterricht jedoch, der nun einmal auf theoretische Unterweisung eingestellt ist, muß immer und immer wieder dem Bewußtsem eingehämmert werden 'dler Propheten Lebensideal von der sittlichen Lebensführung und der sozial-ethischen Hingabe: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist uncLGtt von dir fordert: Recht zu üben, Milde zu lieben und bescheiden zu wandeln mit deinem Gtte." 4. Einsicht, Erkenntnis u nd Wissen. Erfüllung einer menschlichen Bestimmung ist nicht denkbar ohne einegepflegte geistige Tätigkeit. Gerade um dieser Geistesbildung willen werden die Kinder der Schul er ziebung zugeführt. Die heutige Schule ist sich auch — nach meheren Generationen eines überwiegenden Bildungsmaterialismus — ihrer formalen Bildungsauifgaben wieder 'besonders bewußt geworden. So darf wenigstens die Arbeitsscbulbewegung der Gegenwart aufgefaßt werden. Unter der Führung der Geistesbildung bleibt aber die Schulbildung doch nur dann, wenn sie nicht bloß innere und äußere Arbeit, Selbsttätigkeit, Rührigkeit, geistige Gewandtheit erreichen will, sondern zielstrebige Geistesarbeit. Nur geformte geistige Arbeit bildet, denn der Geist hungert nach Klarheit und gedanklicher Bewältigung des Aufgenommenen. Gewiß darf die fertige Erkenntnis nicht an der Spitze der Schularbeit stehen, um passiv aufgenommen zu werden, wohl aber muß sie am Ende stehen. Der jüdischen Schulbildung zweier Jahrtausende wind man am wenigsten die Vernachlässigung der intellektuellen Bildung vorwerfen können. Aus psychologischen Gründen müssen wir aber mehr als es in der Vergangenheit geschehen ist, sowohl in den Schulen der alten und neuen Jeschiwas als in dem Jahrhundert der jüdischen Volksschule mit ihrem systematischen Religionsunterricht in der Erarbeitung des überlieferten, für uns feststehenden positiven, religiös-halachischen Vorschriften als der gesamten modernen elementaren Wissensfächer den Weg der Selbsttätigkeit und der Induktion geben. Grundlegend für einen solohen Artbeitsunterricht in der religiösen Erziehung ist für uns darum der Bibelunterrioht, der mit der Herausaribeitung der halachischen und ethischen Grundgedanken zur Verwirklichung des Arbeitsprinzips die beste Gelegenheit gibt. 5. Nächst dem Wollen und Wissen hat sich die Erziehungssorge dem Können zuzuwenden. Können setzt Organtüchtigkeit voraus. So erscheint Gesundheit, Kraft, Geschicklichkeit, Organschulung und Organpflege als ein letztes, stets verpflichtendes Ziel der Erziehung. To mim tih' ju im h'elokecho. Und Gtt dienen sollst Du mit Deinem 'ganzen Herzen, Deiner ganzen Seele und Deinem ganzen Können. Vollkommenheit und Tüchtigkeit auch in körperlicher und technischer Hinsicht galt auch unseren Alten neben der Fülle des religiösen Wissens als ein Erziehungsziel, und zwar vor allem aus ethischen Gründen. Wer seinen Sohn keine technisch-kulturelle Fertigkeit lehrt, erzieht ihn zum Räuber an der menschlichen Gesellschaft. Und die Spruchweisheit kennt den allgemeinen Satz: im en thaurohen dereoh erez, aber auch: im en derech erez-en thauroh! Nun ist es gewiß, daß vergangene Zeiten (im Judentum wie in anderen Kulturen) keine systematischen Leibesübungen kannten, wenn auch das Judentum darauf hinweisen kann, daß die Wehrpflicht (vom 20. bis 50. Jahr) gewisse körperliche Tüchtigkeit voraussetzt. In Zeiten primitiver Kultur bestand dazu kein zwingendes Bedürfnis; denn die Natur hat eine eigene Funktion des Jugendalters 'für diese Organertüchtigung bestimmt: das Spiel. Eine tiefergehende Beobachtung des Jugendspiels zeigt uns ja, daß die natürliche Spielübung der Organe eine umfassende ist. Nicht -bloß die Sinne werden geübt, die Muskeln gestählt, die Nerven informiert, Herz, Lunge und Gehirn zu einer gesunden und belebenden Tätigkeit angeregt, auch 'die höheren Funktionen kommen zur Entfaltung: Beobachtung und Ausdruck, Phantasie und Erfindung, Sprache und Gedanke. — Erst die Kulturentwicklung des Jahrhunderts der Technik und der Großstadt bat den Klrnderm, die in früherer Zeit bei den patriarchalisch-ländlichen Verhältnissen frühzeitig in Haus und Werkstatt, in Feld und Wald an der Arbeit der Erwachsenen teilgenommen haben, einen Großteil dieser Organentwicklung genommen. Diese Übungsgelegenheit muß die Gegenwart in der Sohulerziehung bewußt zurückgeben. Dann gilt es aber auch die Einübung solcher organgebundener Fertigkeiten sicherzustellen, die erst die Kultur hervorgebracht und notwendig gemacht hat, die aber die Natur nicht kennt und auch nicht spielend übt. Für die erste Gruppe ist ein hohes Maß von Freiheit wesentlich. Deshalb ist in der Gegenwart die Methodik der Leibesübungen von dem strengen Geräteturnen immer mehr zu den Freiübungen und zur Pflege von Spiel und Sport übergegangen. — Darüber darf aber die 2. Gruppe organgebundener Fertigkeiten, nämlich die kulturellen Techniken Lesen, Schreiben, Rechnen nicht vergessen werden. Es ist die große Täuschung moderner Methodik, wenn sie glaubt, durch irgendwelche Darbietungskünste über die Notwendigkeit der Übung jedes Schulkönnens bis zur absoluten Organgewandtheit hinwegkommen zu können. Fertigkeiten werden immer nur durch das Organgedächtnis erhalten.

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