Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 22 (15.11.1936)
- Date
- 1936-11-15
- Page
- Seite 492 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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492 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 Ruhende, Ewige in den vielfältigen Gestalten der Natur zu deuten, wählt er aus ihnen bestimmte Motive von jener schlichten Ruhe aus, -die seiner Neigung entspricht; statt -die inmerej Einheit im Bau der Natur zu suchen (wieder sei an Cezarine erinnert), begnügt er sich mit der Einfachheit des Motivs. So ergibt sich in -Farbe und Komposition eine gewisse Eintönigkeit, die allerdings -bei einer Winterlandschaift in ihrem unendlichen Weiß auch zu besonderer Wirkung führen kann. Von großem Reiz ist es zu beobachten, wie das Problem des Bildnisses von Ernst gelöst wird. Die Freiheit von den Fesseln und Erschütterungen! der inneren Problematik, die sich auf anderen Gebieten seines Schaffens so wertvoll auswirkt, läßt an sich vermuten, daß das Bildnis, dieser Spiegel der menschlichen Seele, keine wesentliche Rolle im Schaffen des Künstlers spiele. Man ist daher erstaunt, gerade hier außerordentlichen Leistungen zu begegnen. In 'kraftvoll freiem Aufbau stehen die Formen des Körpers im Räume, sei es in Halbfigur wie bei zahlreichen Porträts oder in ganzer Figur wie in einem eigenartigen Selbstbildnis. Seiner Art allerdings entspricht es, 'daß der Maler den Menseben im Grunde nicht anders behandelt als jedes andere Stück "Natur. So halten sich seine Bildnisse gleich fern von jeder Pose, welche die Bedeutung des Dargestellten hervorhebt, wie von einer stärkeren Spiegelung seiner persönlichen Willens- und Gefühlswelt. Das führt zu einer gewissen Typisierung (als besonders eindrucksvolle Beispiel dieser Art bleibt das Bildnis eines alten Mannes im Gedächtnis), unter der aber die physiognomische Eigenart des einzelnen Porträts ■keineswegs leidet. Sie ist im Gegenteil immer von höchster Lebendigkeit, vor allem in einer Reihe von Selbstbildnissen. Vielleicht wird die weitere Entwicklung des Künstlers gerade auf dem Gebiete des Porträts noch eine Vertiefung ins Persönlich-Menschliche mit sich bringen. Seine Neigung, die ja auch den Weg seiner Ausbildung bestimmt hat. führt Rudolf Ernst immer wieder zum Wandbild. Stilleben von Rudolf Ernst Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig Umfelder Cm.b.fy mündjen. im fioratttal Eine große Leinwand bietet einen Ersatz für die gegenwärtig fehlenden! entsprechenden Aufträge. Schon der Aufbau seiner Porträts weist auf eine Gestaltungskraft hin, die ihn zu solchen monumentalen Darstellungen befähigt. In ihnen ist auch (im Gegensatz zu manchen Porträts) die Farbe in kräftigen Gegensätzen vom Hell und Dunkel der Monumentalität der Komposition angepaßt. Starke Verwandtschaft mit den Fresken in der reizvollen Aufteilung und Füllung der Bildfläche zeigen Arbeiten auf dem Gebiete der Miniatur, wie Malereien auf Holz und hinter Glas. — Nur ein Hinweis ist hier auf das reiche kunstgewerbliche Schaffen Emsts möglich, in dem seine dekorative Begabung besonders stark zur Geltung kommt!. Herausgegriffen sei eine Tischuhr, auf deren Zifferblatt — in Silberauflage auf Lack — eine paradiesische Fülle aus der Tier- und Pflanzenwelt des Waldes in kunstvoller ornamentaler Anpassung an die schwierige Rahmenform angebracht ist. Was sich in diesem wirklichen Kunstwerk ausprägt, ist ein Zug, der zum Wesen des Künstlers gehört: die Freude am Idyllischen, Märchenhaften, Erzählerischen, im besonderen an der lieblich-reinen Welt/ der Tiere. In den graphischen Blättern findet diese Seite ihre deutlichste Spiegelung. Illustrierte Tier-Sprichwörter, humorvolle Darstellungen aus dem Lebenskreise des Künstlers und seiner Freunde zeigen seine Holzschnitte, die eine meisterliche Behandlung dieser Technik verraten. Die feinsten und lebendigsten Wirkungen werden aus dem Aufbau und den Schwarz-Weiß-Kontrasten dieser kleinen Blätter geholt. Das gilt auch für einen Zyklus von Illustrationen zur Bibel, an dem der Künstler arbeitet und der erst kürzlich in der Jüdischen Rundschau mit Abbildungsproben gewürdigt worden ist. Es sind aus der Freude am Erzählen geborene Bildchen, die in ihrem Einfallsreichtum und ihrer Lebendigkeit diese Freude auf dem Betrachter übertragen. Dieser andeutende Überblick soll eine Vorstellung von dem Reichtum und der Vielseitigkeit des Schaffens eines zu wenig bekannten jüdischen Künstlers geben. Wenn 'überhaupt die Frage sinnvoll ist, ob in seiner Kunst eine jüdische Eigenart zu finden ist, so kann sie ebensowenig bejaht werden wie für die Mehrzahl der westjüdischen bildenden Künstler. Gerade ein Künstler, der so ungebrochen und unproblematisch die' Umwelt in sich aufnimmt und verarbeitet wie Ernst, wird dabei nicht auf dast Jüdische stoßen. Nur bei einigen ostjüdischen Künstlern., wie Chagall, ruht das Jüdische im Bezirk der vom ihnen naiv gestalteten Welt. Im übrigen aber liegt es für unsere Generation noch im Bereich des Problematischen, mühevoll zu Klärenden; aus ihm heraus wirkliche Kunst zu schaffen, ist nur in ganz wenigen Fällen gelungen. So sollte man sich im allgemeinen vor dieser zwecklosen Fragestellung hüten: Es wäre genug, wenn das jüdische Publikum stärker allgemein-menschliche und künstlerische Werte in sich aufnehmen würde, wie sie im Werke Rudolf Emsts liegen. * * *