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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-11-01 · 21 (1.11.1936) · p. Seite 460

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
21 (1.11.1936)
Date
1936-11-01
Page
Seite 460 (sequence 8)
Language
German
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460 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 Ihre Geschäfts- und Vergnügungsfahrten nur mit Wagen vom ... ,„ RM ,„ AUTO-VERLEIH AN SELBSTFAHRER lOy HU. UM. lü.- M. DiÄMÄND, Müllerstraße 4, Telefon: Büro und Garage Nr. 296129, Wohnung: Nr. 10710 Alle Wagen voll versichert! Annnd Verkanfavermittlnng von Kraftfahr mengen _ Das römische Ghetto Ferdinand Gregorovius: „Der Ghetto und die Juden in Rom." Bücherei des Schocken Verlages, Berlin. 1936. Als der junge ostpreussische Gelehrte Ferdinand Gregorovius 1852 nach Italien kam, fast siebzig Jahre später als Goethe, da begann er bald in dem damals angesehensten deutschen Blatt, der Cottaschen „Augsburger Allgemeinen Zeitung", jene berühmten, noch heute mit reichem Genuß und Gewinn lesbaren Aufsätze über Landschaften und Städte der südlichen Halbinsel zu veröffentlichen, die er später als „Wanderjähre in Italien" zusammenfaßte. Hatte Goethe in Italien die Antike, das Klassische gesucht, so lockte Gregorovius mehr das Romantische, das Mittelalter. Kein Wunder, daß dem unermüdlichen Wanderer, der später die „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter" in acht Bänden verfaßte, das historisch wie soziologisch gleicherweise pittoreske Ghetto fesseln mußte, wie er es in einem völlig abgeschlossenen „dumpfen und traurigen Winkel Roms, welchen der Tiber-Fluß von Trastevere scheidet, zusammengedrängt" fand. Er besichtigte am Alltag wie am jüdischen Festtag die engen Gassen und elenden Gebäude des Ghettos und schickte als Frucht dieser merkwürdigen Forschungsreise an seine Zeitung als einen seiner ersten Aufsätze die Abhandlung über „Der Ghetto und die Juden in Rom", die er zwei Jahre später „mit Hilfe eines längeren Aufenthalts und erneuerter Studien in den Bibliotheken" in einer, um die Hälfte erweiterter Fassung Cotta für den ersten Band der „Wanderjahre" anbot. Diese Fassung wird in dem Schocken-Bändchen neu gedruckt. Gregorovius gehört zu den im 19. Jahrhundert häufigen deutschen Wissenschaftlern, in denen sich die Elemente des Gelehrten und des Dichters aufs glücklichste einten. Und so wurde seine Abhandlung über das römische Ghetto zugleich eine historische Studie wie eine kulturell außerordentlich anschauliche und stimmungsvolle Schilderung, die für uns Juden um so bedeutsamer bleibt, weil dies die Jahrhunderte überdauernde Ghetto im Jahre 1887 gänzlich niedergelegt worden ist, so daß die Verfasser der beiden grundlegenden späteren Werke einer „Geschichte der Juden in Rom" sowohl Berliner wie Vogelstein und Rieger, es nicht mehr in der Form kannten, die Gregorovius festgehalten hat. Das römische Ghetto lebt also in seiner langsam gewordenen und lange unverändert gebliebenen Gestalt durch Gregorovius im Schrifttum fort, nicht nur als kulturhistorisches Dokument, sondern ebenso als ein Zeugnis für den Eindruck, den es auf diesen großen und umfassenden künstlerischen Geist machte. Gregorovius wurde nämlich weniger von dem eigenartigen Wesen und. Empfinden jener Juden bewegt, die er im römischen Ghetto gewahrte, als von dem so viele Betrachter der jüdischen Geschichte in Staunen setzenden Wunder der Erhaltung des Jüdenvolks. Ihn' bewegte das unveränderte Fortleben der Juden innerhalb der Hauptstadt ihrer Bezwinger, zwischen den Ruinen, die von Größe und Untergang des Römischen Reiches kündeten, in unmittelbarer Nähe gerade des Triumphbogens, mit dem Titus den Sieg Roms über Jerusalem dokumentierte. Für den Herbst! Jersey-Kleider, Westen, Pullovers, elegante Mäntel, Sport-Slipons, Blusen, Röcke, Morgenröcke. bekannt für große Auswahl und beste Bedienung Fächgeschäft für Damenbekleidung Leo Oppenheimer Dachauerstraße 9 (neben Cafe Rheinland) Und nun geht Gregorovius mit vorsichtigen Schritten durch die Jahrhunderte den Weg der Beziehungen ab, in denen die Bewohner des Ghettos zu den Bewohnern Roms standen. Leo Baeck-weist in seiner knappen, aber tiefgreifenden Einleitung zu diesem Neudruck darauf hin, daß Gregorovius ein Liebhaber des Versinkenden, Versunkenen war. Für Gregorovius ist Kulturgeschichte weniger Deutung der Gegenwart und der Zukunft als malerische Darstellung des Vergangenen, das er wie eine Theatervorstellung sieht und schildert. Er betrachtet auch die Juden seiner Gegenwart wie ein historisches Schauspiel, als romantischen äußeren Bestand, ohne sich viel um ihren inneren Zustand zu kümmern. Während die „marmornen Reste des Altertums... königlich logiert sind", sieht er in den Juden „die einzigen lebenden Reste des alten Roms, Menschen mit vieles duldendem Herzen, in dem elendesten Schmutze wohnend... einen der ältesten und historisch merkwürdigsten Reste, an welchem die Geschichte seine große tragische Ironie vollzogen hat". Es ist schon gesagt, daß Gregorovius auch Dichter war. Und so hat er. nach der Vollendung dieses in wundervollem und künstlerischem Deutsch geschriebenen Aufsatzes, die Stimmung, in die ihn der Anblick des römischen Ghettos versetzte, zu einem „Klagegesang der Kinder Juda in Rom" verdichtet, — ein schwungvoller Trauerhymnus, der dem in vielfacher Hinsicht lehrreichen Bändchen beigegeben ist. KurtPinthus Aus der Gemeinde München Hofrat Dr. Adolf Theilhaber In einem Alter, dessen menschliche Grenzen nur selten überschreitbar sind, und das den Verblichenen bis in seine letzten Lebenstage hinein vor jedem Anzeichen von Greisenhaftigkeit bewahrte, starb am 20. Oktober Dr. Adolf Theilhaber, mit dessen Namen sich nicht nur eine über fünf Jahrzehnte hinaus erstreckende berufliche Tätigkeit verknüpft, sondern der vor allem auch in die Annalen der medizinischen Wissenschaft mit zeitlosen Lettern einzusetzen ist. Schon in seiner fachlichen Ausbildung als Frauenarzt am Hebammeninstitut in Bamberg suchte er den Spuren nachzugehen, die das die Welt btis in ihre Tiefen erschütternde Krebsproblem in sich schließt. Das von Arbeit und forschendem Drang erfüllte Leben, das jetzt hinter ihm liegt, war nur von dem einen Gedanken beseelt: Welches sind die Ursachen der Krebsentstehung, und welches die Mittel, ihn zu bekämpfen? Theilhaber löste als Wegbereiter zeitgenössischer Erkennntis seiine Doktrin des biologischen Charakters der Kresbildung von der bisher geltenden Anschauung einer lokalen Erkrankung ios. und mit dieser in unermüdlicher Arbeit von Stufe zu Stufe fortschreitenden Klärung des Tiefenbegniffes der krebsischen Gewebeentartung, hat er Bausteine geschaffen, die mit das Fundament für die gegenwärtige Erforschung dieser die Menschheit heimsuchenden, verderbenbringenden Krankheitsform bilden. Aus der Lehre entsprang das Handeln, und alle bis in die jüngste Zedt sich erstreckenden Versuche, sei es von Ficherer, sei es von Blumenthal, mit der Einverleibung von aus tierischen Organen gewonnenen Hormonen dem Krebs in seinem Wachstum starre Grenzen zu ziehen, gehen auf Theilhaber zurück. Dieselbe Konsequenz, die er in seiner wissenschaftlichen Forschung zeigte, bewies er auch in der Gestaltung seines persönlichen Lebens: Vegetarismus und Abstinenz wurden von frühester Zeit an für ihn Deuter zu einer gesundheitsgemäßen Lebensführung, und es liegt wohl eine innere Linie zwischen seinem hohen beschwerdefreien und von geistiger Kapazität bis in seine letzten Tage hinein erfüllten Alter und der strengen Beachtung naturgegebener Lebensregeln. Dr.Julian Marcuse

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