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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-08-01 · 15 (1.8.1936) · p. Seite 340

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
15 (1.8.1936)
Date
1936-08-01
Page
Seite 340 (sequence 14)
Language
German
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340 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Mr. 15 E.& O. MERZBACHER Ritter von Epp-Platz 6 Hotel Bayerischer Hof Sommerschlußverkauf Blusen Kleider Mäntel Komplets ■ Karl Wolfskehl, Die Stimme spricht. (Erweitertes Werk.) LXXX Seiten Großoktav. In Leinen mit Goldschnitt RM. 6.—. Berlin (Schocken-Verlag) 1936. Als vor etwa eineinhalb Jahren in der Bücherei des Schocken Verlags die Sammlung Wolfskehlscher Gedichte: „Die Stimme spricht" erschien, wurde dieser Zyklus als der stärkste dichterische Ausdruck der seelischen Lage empfunden, in welche die Ereignisse der letzten Zeit die Juden Deutschlands versetzt haben. Schon damals war eine größere Ausgabe der Gedichte in Aussicht genommen worden. Inzwischen hat der Dichter den Zyklus erweitert, und das „Erweiterte Werk" erscheint nunmehr in einer mit besonderer Sorgfalt und Liebe ausgestatteten Ausgabe für alle diejenigen, die das Bedürfnis haben, das Buch in einer repräsentativen äußeren Gestalt zu besitzen. Die in der ersten Auflage inzwischen vergriffene Bücherei-Ausgabe bleibt unabhängig von dem Erweiterten Werk in der bisherigen Zusammensetzung weiter bestehen. Die in nächster Zeit erscheinende zweite Auflage (Bücherei des Schocken-Verlags Nr. 17) enthält jedoch die inzwischen veränderten Gedichte in der neuen Fassung. Walther Victor, Puzzi. Varia Verlag, Berlin SW 2 9, 1936. Es ist die Geschichte eines Wunderknaben, die uns Viktor erzählt, eine ergreifende Geschichte, die uns immer mehr in ihren Bann zieht, je mehr sie sich dem unerwarteten Ende und dem nicht abzusehenden Ausgang nähert. Einem Ausgang, der vom Menschlichen her gesehen, versöhnlich ist, wenn er den Titelhelden auch aus dem Judentum herausführt. Als Untertitel setzt der Verlag die Bemerkung: eine bezaubernde Franz- Liszt-Anekdote, die uns an den Meister erinnern soll, dessen 50jähriger Todestag am 31. Juli dieses Jahres von der musikalischen Welt begangen wird. Als Juden und als historisch denkende und auf die Kraft der Geschichte zurückverwiesene Juden interessiert uns der Jünger — wenn wir so sagen dürfen — mehr als der Meister, weil der Schriftsteller in die Zeichnung seines Lebensbildes ein Problem der Zeit mit aufnimmt: das Problem der Erziehung. Ein junger Mensch, verwöhnt von zu früh günstig gesinntem Geschick — zu frühe Gunst des Schicksals ist bekanntlich Ungnade — wächst heran im Taumel des „Erfolgs", ein Wunderkind ohne den regulierenden Zügel, ein junger Mensch als Ichzentrum ohne Rückgrat. Das Religiöse erfaßt ihn spät, zu spät, allerdings noch früh genug, um einem selbstgewählten Lebensende vorzubeugen. Aber — es verweist den Sprossen der Hamburger Bankierfamilie Cohen aus unseren Reihen heraus in die Front des Katholizismus, wo er nicht wie Heine und Börne in ihrem Glauben ein indolenter Mitgeher wird, sondern wo er versucht, mit dem Eifer des Bekehrten zu wirken und zu sühnen trunipfladeit gegenüber lmperialtheater Max Schoenemann Im Sommer- Schluß-Verkauf am Stachus Bayerstr. 1 Reine Seide, Damenstrümpfe II. Wahl 78 Pffg. Filialen: Hohenzollernstrasse, Ecke Wilhelmstr. Schwanthalerstrasse I33 — und daß er es kann, versöhnt. Neben dem Darstellerischen, das im Aufbau und der Stilistik außerordentlich bemerkenswert ist und das innere Erfülltsein des Verfassers verrät, zieht durch die ganze Schrift der Gedanke, daß hier ein bezeichnendes Beispiel dafür gegeben werden soll, wie notwendig eine Erziehung der Jugend ist, die sie zur Religion und zu ihrem Stamm hinführt, um den Weg zu erfülltem Menschentum und der geraden Linie zu erreichen. So wird das Büchlein zu einer Erziehungsnovelle auf hohem schriftstellerischem Niveau. Lro. Alfred Neumann: „Königin Christine von Schweden." E. P. Tal & Co. Verlag, Wien 193 5. Über keine Fürstin, wahrscheinlich über keine Frau der Weltgeschichte, ist bereits zu ihren Lebzeiten oder in späteren Jahren so viel geschrieben worden, wie über Christine von Schweden, des großen Gustav Adolf Tochter, die es lebenslang verstand, größer zu scheinen als sie war, durch Zuhilfenahme der barocken Repräsentationsmittel ihres Zeitalters. Alfred Neumann, Verfasser historischer Romane von zeit- und menschenpsychologischer Eindringlichkeit, ihr neuester Biograph, erklärt die abenteuerliche Erscheinung dieser Frau als typischen Ausdruck des Barocks: Christine steigerte sich durch persönliche Lebensführung, durch politische Intrigen, durch pompösen Aufwand ihrer Hofhaltung, ihrer Gelehrsamkeit, ihres Männerverbrauchs zur interessantesten Frau des damaligen Europa. So sehr schwankt ihr Charakterbild, das sie von manchen als zügellose Liebhaberin, von manchen als überhaupt impotent in der Liebe, von manchen als ebenso impotent auf geistigem und politischem Gebiet, und wieder von anderen als Universalgenie betrachtet wurde. Sicherlich war sie weder die Lulu, als die Strindberg sie schildert, noch die lebensfrohe, gefühlstiefe Frau, wie sie Greta Garbo im Film darstellt, noch die zur Erde als Herrscherin herabgestiegene Göttin, wie zeitgenössische und von ihr reich belohnte Panegyriker sie preisen. Übrig bleibt eine ziemlich häßliche, hysterische, unglückliche, aber reichbegabte Frau, die, stets von Männern beeinflußt, dennoch in der politischen und geistigen Welt triumphieren wollte. Besessen davon, einzigartig zu sein, und aus zähem Geltungswillen stets Klatsch und Sensation nützend, entwickelte sie sich zu wirklicher Gelehrtheit und Kunstkennerschaft, zu politischem Scharfblick und zur allgemein bestaunten Figur, so daß sie gleicherweise in Schweden wie nach ihrer Abdankung, auf ihren Zügen durch Europa mit viel Pomp, wenn auch oft als peinlich empfunden, gefeiert wurde und eine pompöse Kultur um sich verbreitete., Neumann hat sein Buch 1923/24 entworfen, zehn Jahre später erst hat er es bearbeitet und erweitert; er bedient sich teils der exakt historischen, teils einer psychologisierenden Methode; manchmal ist seine Biographie nüchtern geschichtsklitternd geschrieben, manchmal mit phantasievollem Schwung. Aus all diesem ergibt sich, daß sein Buch nicht recht zur Einheit gediehen ist. Aber diese Uneinheitlichkeit liegt in Christines Wesen selbst begründet, ja sie bewirkt geradezu den dämonischen Glanz ihrer Persönlichkeit, weshalb diese schillernde Frau weder mit exakt quellenmäßiger Darstellung allein,, noch mit rein psychologischer, ins Romanhafte vorstoßender Schilderung zu fassen ist. Der jüdische Erzähler Alfred Neumann vergißt auch nicht, die mannigfachen Beziehungen Christines zu Juden und Judentum zu schildern. Christine hatte als junges Mädchen hebräisch gelernt und beschäftigte sich mit dem jüdischen Schrifttum; sie stand im Briefwechsel mit dem gelehrten Amtserdamer Rabbi Manasse ben Israel, der später bei Cromwell die Rückkehr der Juden nach England erwirkte. Dieser Manasse hat ihre Thronbesteigung in hebräischer und portugiesischer Sprache besungen und ihr sein Werk „Conziliador" gewidmet. Manoel Texeira, zu den führenden Familien der jüdischen Portugiesengemeinde in Hamburg gehörend, verwaltete nach ihrer Abdankung ihre sehr verwickelten Vermögensangelegenheiten; während ihres Hamburger Aufenthalts verkehrte sie oft und gern in seinem Haus, auch später hielt sie freundschaftliche Verbindung mit ihm aufrecht. Gegen Ende ihres Lebens, als Christine sich in Rom niedergelassen hatte, beabsichtigte sie sich selbst zur Protektorin des römischen „Ghettos der Hebräer" zu ernennen; das. Manifest, das sie zu diesem Zweck in beweglichen Worten verfaßt hat, ist. bis auf den heutigen Tag handschriftlich erhalten. K.P.

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