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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-07-15 · 14 (15.7.1936) · p. Seite 310

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
14 (15.7.1936)
Date
1936-07-15
Page
Seite 310 (sequence 4)
Language
German
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310 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14- Situation "eine unnatürliche und lösungsbedürftige sei. Herzl erkannte klar, daß nicht nur die ewig erneuerte Deklamation seiner Idee zum Ziele führen konnte, sondern nur das erzieherische Moment seiner Forderung, nämlich die Erneuerung des jüdischen Menschen von Grund aus. Herzrs tiefste Erkenntnis beruht darin, daß er gegen den Individualismus des jüdischen Menschen ankämpfte. Er war der Schöpfer eines neuen und revolutionären jüdischen Kollektivbewußtseins. Deshalb stellten sich die Juden des europäischen Westens zunächst gegen ihn, und deshalb hatte er die jüdischen Massen des europäischen Ostens von Anfang an an seiner Seite; weil der Westjude, zutiefst verwurzelt in den Ideen des 19. Jahrhunderts, ein Einzelwesen, ein egozentrischer Mensch war, und weil den Ostjuden mit seinen Brüdern ein Schicksal verband, weil die Juden des Ostens ihre Katastrophen schon hinter sich hatten und eine Notgemeinschaft geworden waren. Herzl machte ein Ende mit der Vorstellung vom sogenannten „besseren Juden" gegenüber der vom „armen Juden". Er schuf jüdisches Volksbewußtsein und sollte recht behalten mit seiner These, nach welcher der Jude in Berlin oder Paris in den Bezirk der Judenfrage genau so einbezogen ist, wie der Jude in Warschau oder Kiew. Theodor Herzl hat nie von oben her, in literarischer und weltfremder Art, sein Werk gelebt. Er ist, gleich den Propheten, unter das Volk gegangen, und es fehlte nicht an Steinen, die man wider ihn warf. Theodor Herzl's Leben, von dem Augenblick, da ihn die Idee der jüdischen Volkswerdung ergriff, bis zu seinem letzten Atemzug, — ist ein O p f e r g a n g gewesen. Mit dem Fanatismus des wahrhaft Besessenen opferte er Stellung, Vermögen, Ruhe und Gesundheit seiner Idee. Und von diesem Beispiel hingerissen waren die Männer, die zu ihm standen und die zusammen mit ihm die zionistische Bewegung schufen. Mehr als drei Jahrzehnte sind vergangen, da dieser Große in Israel die müden Augen schloß. Ungeheuere Ereignisse sind indessen über die Kontinente dieser Erde hinweggebraust. Es hat, um mit Herzl zu reden, „Pech und Schwefel geregnet", und die Steine sind „weich geworden". Wenige Stunden vor seinem Tode sagte Herzl diese Worte: „Ich habe mein Blut für mein Volk hingegeben." Dieser kurze Satz umschließt das ganze Leben Theodor Herzl's. Heute ist Erez Israel Wirklichkeit, heute lebt das jüdische Volk sein bewußtes jüdisches Leben. Wir alle, ob im Jischuw oder in der Gola, sind Träger dieses Lebens geworden, an uns liegt es, dieses Leben zu wahren und zu erhalten; denn es ist das große und verpflichtende Erbe Theodor Herzl's. Die jüdische Kultusgemeinde Kaiserslautern Zur Geschichte der Juden dn der Pfalz Es ist so gut wie sichier, daß Juden nach Deutsdhlaind bereits mit den Römern, sei es als Gefangene, sei es als Kaufleute im Gefolge der Heere gekommen sind. 321 wird ja schon in Köln eine Judengemeinde bezeugt. So wird man auch nicht in der Annahme fehlgehen, daß um die Jahrtausendwende in zahlreichen Orten der heutigen Pfalz Juden gelebt haben. Die Städte legten großes Gewicht darauf, Judengemeinden in ihrer Mitte zu haben, wie aus dem Judenprivileg des Bischofs Rüdiger Huozmann in Speyer vom 13. September 1084 hervorgeht: „Ich glaubte die Ehre unseres Ortes noch zu vergrößern, wenn ich die Juden vereinigte." Durch ihre Eignung zum Handel erschienen sie unentbehrlich. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, daß sie sich auch in dem Königshof Lutra, der bereits im 10. Jahrhundert „Markt" hatte, schon früh eingefunden haben. Auf jeden Fall wohnten hier Juden lange vor der Stadtgründung im Jahre 1276. Denn der am 16. April 1203 gestorbene und in Worms begrabene synagogale Dichter Menachem ben Jacob wird in Handschriften „de Lutra" genannt,1 was darauf schließen läßt, daß er, wenn nicht sogar dort geboren, so doch längere Zeit dort ansässig gewesen sein muß. So sind die Juden also von altersher mit der Geschichte der Stadt verbunden. Wie an den meisten Orten waren sie auch in Lautern gezwungen, in einer bestimmten Straße, einem sog. Ghetto, zu wohnen. Die Judengasse unserer Stadt war neben dem Altenhof und führte von dem Knie der Glaserzur Marktstraße; sie war zum Schutz gegen den Pöbel durch eine Kette abgesperrt. In ihr befand sich auch die Judenschule, d. i. Synagoge, und nebenan der Friedhof, von welchem eine Menge Knochenreste bei Anlegung der Kanalisation der Stadt im Jahre 1894 gefunden wurde.2 Hier also lebten Juden im 13. und 14. Jahrhundert, eingeengt und stets einer Verfolgung oder Vertreibung gewärtig. Leider haben wir aus dieser Zeit nur wenige Nachrichten. Das sog. Steuerverzeichnis aus dem Jahre 1241 führt zwar unter Lautern auf: „Item Judei de Lutera Item de officio in Lutere C et XX". Aber die vier ersten Worte sind durchstrichen, so daß hieraus nichts Bestimmtes zu entnehmen ist.3 Doch erfahren wir aus dem Bericht über die königlichen Einkünfte des Speyergaus aus dem Jahre 1309, daß die Zahlung der Juden von Lautern XVI lb. (Pfund) betragen habe.4 — Eine Urkunde vom 2. Januar 1344 berichtet, daß ein Jude Rose Welen sich und sein Gut dem Schutze des Erzbischofs Baldewin von Trier mittels eines Aktes vor dem Gericht überantwortete, wobei auch drei Juden: Bennet Mennitten, Musses Son und Schreiber Wal als Zeugen zugegen waren, und in welchem es heißt: „daz die juden verstoret (beunruhigt) worden, also daz kein juden zu Lutern nicht wonden (wohnen), so mag min herre mich setzen anderswo in sine stede (Städte)".5 Die Befürchtung des letzten Satzes hat sich nicht so bald erfüllt, denn noch vierzig Jahre wohnten Juden in der Stadt. Am 15. August 1383 wurde von Ruprecht I. ein Jude Isaac aus Lautern und sein Sohn Isaias auf drei Jahre nach Neustadt übernommen.0. Aus dieser Notiz darf man wohl schließen, daß in dem genannten Jahre für die Juden Kaiserslauterns das Leid der Vertreibung begann, welches wenige Jahre später, im Jahre 1930, über alle Juden der Pfalz verhängt wurde. Denn bereits am 19. Juli 1388 wurde über die Judengasse anderweitig verfügt. Ruprecht I. übergab seinem Schreiber Adolf von Kaiserslautern „das haus genannt die judenschule, solange keine juden da sesshaft, in Nutznießung unter vorbehält der rückgabe, falls juden das haus wiederum zu einer judenschule begehrten",7 und am 24. April 1390 erneuerte Ruprecht II. diesen Brief.8 Allerdings bot sich nicht so bald Gelegenheit, den Juden das Haus zurückzuerstatten, denn 400 Jahre war, wie es des öfteren heißt, die Stadt für Juden und Mennoniten verboten, d. h. Juden hatten kein Recht, sich in ihr niederzulassen. So erklärte am 7. August 1697 der Rat: „weiler von alter gerechtigkeit wegen und dem herkommen nach keine judten allhier zu duldtten und zu leyden schuldig ist".9 Am 8. Januar 1699 wurden vom Landschreiber sämtliche Bürger auf das Rathaus bestellt und darüber verhört, ob und warum sie keine Juden in der Stadt haben wollen. Alle waren gegen ihre Anwesenheit. Der Rat ließ eine Kopie der Stadtprivilegien ausfertigen, worin festgesetzt war, daß kein Jude in Lautern wohnen dürfe und daß sogar von jedem einpassierenden Juden 6 Kreuzer Geleitgeld erhoben werde. Das Oberamt erkannte allerdings dieses Privilegium, das es als ein „hinterrücks erlangtes" bezeichnete, nicht an und befahl zwei Monate später, am 8. März, einen Juden aus Schwäbisch-Gmünd aufzunehmen. Der Rat erwiderte, die Stadtfreiheiten seien nicht hinterrücks gesucht und gefunden, sondern der Stadt durch Gnade der Kaiser und Kurfürsten verliehen worden.10 Ob dieser Jude aufgenommen wurde, steht

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