Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 12 (15.6.1936)
- Date
- 1936-06-15
- Page
- Seite 273 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Jikl. Kulturbund in BnYcra Ortsgruppe Symphoniekonzerf des Kulfurbundorchesters München Um die Möglichkeiten dies Orchesters zu erweitern, waren diesmal die Bläser des Berliner Kulturbundorchesters zu Gaste geladen worden. Der Versucht glückte trotz weniger gemeinsamer .Proben über alle Erwartungen; die beiden Gruppen, Streicher und Bläser, verschmolzen zu einem einzigen Klangkörper und musizierten mit solch differenzierter Anpassung und solcher Geschlossenheit, als gehörten sie von jeher zusammen. Die 'Bläser, welche der Berliner Kulturbund entsandt hatte, erwiesen sich als prächtige Musiker, und legten beredtes Zeugnis ab von der hervorragenden Arbeit, die ihr Meister Rosenstock geleistet 'hat. Sie zeigten eine klangliche Kultur uinld eine rhythmische Präzision, an der man seine helle Freude hatte; und rühmt man in ihrer Reihe etwa besonders die ersten Bläser der Oboe, des Fagotts und dies Horns wegen (ihrer tonlichen Qualitäten, so darf man nicht versäumen das kammermusikalisch feine Zusammenspiel hervorzuheben, das diese Musiker sämtlich auszeichnet. , -i*r ' Aber auch unsere Münchener Streicher zeigten sich auf einer Höhe wie fruodh wie zuvor. Die erstaunlichen! Fortschritte, die das Orchester von einem Konzert zum andern an den Tag legt, lassen deutlich die Intensität seiner zielbewußten und fleißigen Probenarbeit erkennen. Was an diesem Abend an vollem, satten Streicherklang, an Toinschöniheit, an Schattierungen vom zartesten Pianissimo bis zu den höchsten Stärkegraden, an beseeltem Vortrag, aber aue'h an Technik in oft wirbelnd schnellen Tempi zu 'hören war, verdient nicht nur die höchste Anerkennung dies Musikverständigen, sondern auch den aufrichtigen Dank einer jüdischen Gemeinde an die Damen und Herren, die sich in so vorbildlich schöner und selbstloser Weise in den Dienst der jüdischen Gemeinschaft stellen und mit Disziplin, mit Einsatz ihrer ganzen Kraft und ihres ganzen Könnens Leistungen vollbringen, die nicht nur. ihnen allein, sondern auöh der Gemeinde selbst zur höchsten Ehre gereichen. Unser Münchener Kulturbundorchester hat sich heute, wenn man von den jüdischen Berufsorchestern im 'Reiche absieht, zu einiem künstlerischen Organismus entwickelt, wie ihn sonst kaum eine andere jüdische Gemeinde in Deutschland aufzuweisen hat, und es darf an dieser Stelle die Erwartung ausgesprochen werden, daß die Gemeinde in noch weitaus größerem Umfange sich der Bedeutung dieses wertvollen Kulturfaktors bewußt wird, als es bisher 'geschehen! ist. Denn neben der künstlerischen Bedeutung dieser Leistungen muß vor allem -auch ihre jüdische Bedeutung erkannt werden, die gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Wenn uns ein Konzert wie dieses bis ins Innerste ergreift und uns beschenkt, dann wollen wir nicht vergessen, daß dieses Orchester vom ersten bis zum letzten Pult aus Juden besteht, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit in den Dienst der jüdischen Gemeinschaft gestellt haben. Was "Juden in Einigkeit des Willens und Geschlossenheit vermögen, kann kaum sinnfälliger zum Ausdruck 'gelangen als im Spiel unseres Münichener jüdischen Orchesters. Das gut gewählte Programm war mitbestimmend für den außerordentlichen Erfolg des Abends. Man hörte zunächst Beethovens Erste Symphonie, die keineswegs als Jugendwerk bewertet werden darf, sondern bereits mit aller Deutlichkeit die Probleme zutage treten läßt, die für das symphonische Schaffen des Meisters bis etwa zur 'großen ..Fünften" richtunggebend gewesen sind: die Sprengung und Erweiterung der Hayeinsehen Form, die Prägung der subjektiv empfundenen Thematik, und vor allem auch die Betonung des dynamischen Konstrastes als stärksten musikalischen Ausdrucksmittels, der das symphonische Geschehen aus der Ebene des formalen Ablaufs ins Dramatische emporsteigert. Das Orchester musizierte im ersten Satz mit prachtvoller Frische und Unmittelbarkeit, gestaltete mit feiner Empfindung idfre Poesie des Andante, und zeigte im Menuett (das bereits deutlich die Ansätze 'des „Scherzo" verrät) vollstes Verständnis für alle stilistischen Merkmale. Auch das technisch schwierige Rondo, das durch sein Tempo erhebliche Anforderungen stellt, wurde mit sprühendem Humor und mit erstaunlicher Leichtigkeit bewältigt. — Zum Höhepunkt des Abends gestaltete der Geiger Boris Schwarz (Berlin) das Beethavensche Violinkonzert, mit dem er stich erstmals bei uns hören ließ. Um es gleich'zu sagen: wir glauben nicht, daß unter den jüdischen Geigern in Deutschland ein besserer Interpret für dieses große Werk hätte gefunden werden können. Schwarz darf getrost zu den wenigen Künstlern gerechnet werden, dienen man dieses Konzert überhaupt anvertrauen kann. Abgesehen von seiner vollendeten Technik bewies der Geiger eine Innerlichkeit des Vortrags, eine Größe der Empfindung, eine Schönheit der Tongebung und eine Gestaltungskraft, welche die Aufführung zu einem wahrhaft weihevollen Erlebnis werden ließ. Diesen Geiger wollen wir öfter nören! Auch das Orchester bot bei diesem Konzert das Vollendetste, was es je vollbracht hat. Es spielte mit einer Klangpracht, einer.;.. Zartheit der Empfindung und mit solch restlosem Eingehen auf die Intentionen des Sollisten und brachte die ausgedehnten orchestralen Teile des Werkes -mit SO üb erzeigender Eindringlichkeit, daß die äußeren Kapellmeister Erich Eisner Photo: Gottlieb der Leiter des Münchener Kulturbundörchesters