Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 11 (1.6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 252 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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252 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÜNCHEN, THEAT1NERSTRASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE Elisabeth Springer (München), Mutter mit ihrem Kind Aus der Reichsausstellung jüd. Künstler im Berliner jüd. Museum die Füße nackt zu malen, oder die auffallend gedrungenen Proportionen des Unterkörpers, dürfen bei der Beurteilung des Künstlers nicht so ins Gewicht fallen wie die starken positiven Kräfte, die wir hier wahrnehmen. Fein gesehen ist auch eine „Winterlandschaft" des gleichen Malers, bei. der, ohne weitere Angabe von Details, allein der bläulich schimmernde Schnee und der kalt-blaue Himmel die endlose Weite und Stille einer solchen Schneelandschaft erkennen lassen. Landschaften und Städteansichten nehmen einen breiten Raum in dieser Ausstellung ein. — Edwin 0 p p 1 e r 's (Hannover) „Flachlandschaft" in ihren grünlich-grauen Tönen, Hans E11 zba.cher's (Köln) „Rheinlandschaft" in ihrer zartfarbigen Stimmung, die ausgezeichnete „Landschaft bei St. Remy" von Ernst N ö e t h e r (Mannheim) oder Isidor A s c h h e i m (Breslau) mit seinem kleinen Landschaftsaqu'arell, das in seiner leichten, technisch gekonnten Ausdrucksform an Slevogt'sehe Illustrationen gemahnt, seien hier erwähnt. Besonders hervorzuheben ist die „Landschaft in der Provence" von dem Düsseldorfer Max Stern, die in ihren gutgesehenen großen Formen und weichen vollen Tönen gobelinhafte Wirkung erhält. Auch das zweite vom gleichen Künstler ausgestellte Gemälde „Hafenarbeiter", ein schmales Hochbild in gelben und blauen Farben von temperaartigem Charakter zeugt von dem hohen Können Max Sterns. Ludwig Neu (Hamburg) versteht es, in seinen Pastell-Landschaften von Madeira, Ragusa, Jerusalem die besonderen Eigenschaften dieser Technik auszuwerten; Fritz Scham es' (Frankfurt) „Straße im Herbst" vermag durch seine gut gesetzten Farbflecken in diesem kleinen Straßenausschnitt die ganze Atmosphäre der Jahreszeit einzufangen. Von den Bildnissen, die durch das Beobachten feiner psychologischer Momente gerade unseren jüdischen Künstlern als Thema naheliegen, und für die auch heute noch Auftragsmöglichkeiten vorhanden sein müßten, soll zunächst das „Selbstporträt" der Stuttgarter Malerin Hilde Brandt mit seinen vornehmen rosaroten warmen Tönen, der feinen Kopfbehandlung erwähnt sein. Herrnann Fechenbach's (Stuttgart) prägnantes, gut durchgearbeitetes Selbstporträt wie die beiden Arbeiten des Düsseldorfers Max W e s t f e 1 d („Bildnis eines jungen Mannes" und „Herrenbildnis") sind tüchtige Leistungen. Eine besondere Begabung auf diesem Gebiet scheint Uns der Frankfurter Ernst D r e y f u ß , dessen Selbstporträt durch Farbe und Modellierung interessiert: mit starken Kontrasten lieben sich die welchen düsteren Schatten scharf von dem in Lichtfläcrfen aufgeteilten Inkarnat des. Gesichtes ab, zeigen die gleiche Licht- und Farbenbehandlung, mit der Dreyfuß ein „Kongobild" im Wechsel der schwarzbraunen Figurengruppe zum hellen leuchtenden Landschaftshintergrund malt. — „Der betrübte Bürger" von Ilse Hanf-Weinhold (Frankfurt) verleiht der im Titel des Bildes bezeichneten Stimmung des Dargestellten in Haltung und Blick guten Ausdruck. Das soziale Thema berührt Otto Schloß (Köln) mit seinem Gemälde „Im Wartesaal": mit vereinfachten, zusammengezogenen, runden Formen sind diese müden, dumpfen Menschen dargestellt, die hindösen oder eingeschlafen sind an dem Platz, auf den sie gerade zu sitzen kamen. Es ist erfreulich, daß dieses Bild bereits vom Hilfsverein der Juden in Deutschland angekauft worden ist. Von den ausgestellten Plastiken seien neben der eingangs gewürdigten Arbeit von Elisabeth Springer noch die gut modellierte Porträtbüste (Terrakotta) der Stuttgarter Margarete Garthe und die beiden Arbeiten von Benno E1 k a n (Frankfurt) erwähnt. Elkan beweist in dem kleinen Bronzetorso erneut seine ausgezeichnete Beherrschung der Körperformen, die feine Durchgestaltung der Glieder und zeigt in seinem kleinen Bronzeleuchter einen gelungenen Versuch, einen sichelartig geschwungenen Lichtträger mit der ins Weite schauenden Gestalt eines Juden zu vereinigen. Fragen wir nach Arbeiten mit jüdischen Bildinhalten auf dieser Ausstellung, so ist zunächst die Studie zu den „Betenden Juden" von Isidor A s c h h e i m (Breslau) zu nennen; von grünlichgrauem Untergrund heben sich die feinen, ausdrucksvollen Köpfe ab, leichte mit Pastell gehöhte Federzeichnungen. Bruno Gimpel (Dresden) zeigt zwei kräftige Lithographien der Prager Altneuschul. Von der Hamburger Malerin Edith Marcus ist ein großes Gemälde „Abigail begibt sich zu David" ausgestellt, das in seiner starken, vorherrschend gold-roten Farbigkeit vielleicht einen Weg für biblische Darstellungen zeigt, vorerst aber mehr allgemein orientalisch als spezifisch biblisch-jüdisch empfunden zu sein scheint. — Neben dem bereits erwähnten Pastell von Jerusalem (Ludwig Neu, Hamburg), starken Holzschnitten von D. Rothschild (Hamburg), ..Klagemauer" und „Gräber im Galil" sei kurz der „Jüdische Knabe mit Ethrog" von Lisel Wetzlar (Köln) erwähnt. Leuchtende Farben, ein spezifisch jüdisches Thema und dennoch, es überzeugt nicht von der Notwendigkeit der Darstellung, es zeigt jüdische Symbolik, aber ohne innere Beteiligung. Auf dem jüdischen Stoffgebiet gewinnen wir einen ähnlichen Eindruck wie auf der letztjährigen Frühjahrsausstellung der Berliner jüdischen Künstler: wenig derartige Themata, keine überragenden Leistungen. Und wir stellen erneut fest, daß gerade in dem Sich-nicht-Beirren-Lassen in dem jedem Schaffenden eigenen Wege vielleicht eine echtere Haltung liegt und der Wille, dennoch mit den Ereignissen und Erlebnissen der Umwelt zurechtzukommen und zu ihnen zu stehen, als wenn man meint, nur um der Konjunktur willen auch schon im Thema sein Jude-Sein zum Ausdruck bringen zu müssen. Nur ein Teil der in der Reichsausstellung im Berliner Jüdischen Museum ausgestellten Arbeiten konnte hier erwähnt werden; nicht allein wertend, sondern auch von prinzipiellen Gesichtspunkten ausgehend wurden die Stücke herangezogen. — Die Mannigfaltigkeit der Ausstellung, die Vielheit der Thematik und die Verschiedenheit der Lösung liefern einen deutlichen und starken Beweis, wie ernst es diesen — in Berlin größtenteils noch unbekannten — Künstlern um ihre Arbeit ist. Mit Hingebung sind Kräfte hier am Werk, die einer Förderung würdig sind. Dr. Lotte Pulvermacher, Berlin.