Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 8 (15.4.1936)
- Date
- 1936-04-15
- Page
- Seite 184 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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184 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Späte Begegnung mit Max Liebermann Mein Freund, den wir nur Michael nennen wollen, erzählte mir vor nun fast zwei Jahren schon, als er, durch die Ereignisse aus dem bisherigen Beruf gestoßen, seinem alten Drange und seiner natürlichen Veranlagung folgend, sich entschlossen hatte, sich ganz der Malerei zu widmen, das Folgende. Er hat mir erlaubt, es weiter zu berichten, und mir die Gesprächsstellen, die er sich damals sogleich aufgeschrieben hatte, weil er von dem Erlebnis ergriffen war, jetzt zur Verfügung gestellt. Der Entschluß zu diesem Berufswechsel beunruhigte seinen Vater. Daher erfüllte er dessen Wunsch, seine früheren Arbeiten einer „ersten Autorität", wie er sich ausdrückte, zur Beurteilung vorzulegen, ob sich darin Talent zeige oder nicht. Der Vater nannte Max Liebermann. Auf die an den .Meister gerichtete Bitte erhielt Michael umgehend eine eigenhändige, kraftvoll geschriebene Antwort, die ich gelesen habe und die hier wörtlich, wenn auch indirekt, wiedergegeben sei: Obgleich er es für ganz überflüssig halte — eine mehr als dreißigjährige Erfahrung habe ihn gelehrt, daß jeder Mensch nur das tue, was er für richtig halte —, wolle er ihm sein Urteil über vorzulegende Arbeiten geben und ob sich darin Talent zeige. Am aufschlußreichsten seien Zeichnungen, die er schicken solle; aber nicht nach dem Modell, vielmehr Croquis, Wiedergaben von dem, was er gesehen oder zu sehen sich vorgestellt habe. In solch flüchtigen Skizzen offenbare sich das Talent, das in ausgeführten Arbeiten oft durch den drauf verwandten Schweiß verdeckt werde. In der Kunst könne und solle jeder, der sich ihr widme, alles Lernbare gelernt haben, und es sei viel zu erlernen, Aber kein Wille, kein Studium könne das.Ur-Eigene, Ur-Sprüngliche, ohne das keine echte Kunst geschaffen werde, ersetzen. Auf diese so bedeutsamen Worte hin suchte Michael mit Hilfe seines früheren gelegentlichen Lehrers, des Professors einer Kunstgewerbeschule, das geeignet scheinende Material aus und nahm außer Zeichnungen, Pastellen noch einige Ölbilder mit. In Berlin angekommen, rief er Max Liebermanns Haus am Wannsee an; der Meister kam schließlich selbst an den Apparat: „Hier Professor Liebermann." „Michael K. aus E. Ich danke Ihnen zunächst, Her Professor, daß Sie mir gestattet haben, Ihnen meine Arbeiten vorzulegen, und wollte Sie fragen, wann ich damit zu Ihnen kommen dürfte." Darauf Liebermann ärgerlich und knurrend: „Wat, sind Se selber hier? Ick habe Ihnen doch extra jeschrieben, Sie sollten mir Ihre Zeichnungen schicken." „Gewiß, Herr Professor, aber ich glaubte, es sei besser und auch höflicher, wenn ich persönlich bei Ihnen vorspräche." „Ach nee! Ick habe mit Absicht so jeschrieben, Det mach' ich immer so. Schicken Se mir doch Ihre Skizzenbücher her." „Ich habe aber auch noch größere Ölbilder mitgebracht." ..Wie iroß denn?" „70 zu 90." Darauf Liebermann bittend, ja fast flehend: „Ach Jott, jehn se doch zu 'nem anderen! Ick bin en alter Mann," „Ich wollte Sie auch nicht weiter belästigen, Herr Professor, und könnte die Sachen lediglich hinbringen, um sie dann wieder abzuholen. Oder wenn Ihnen das nicht genehm wäre, müßte ich eben wieder zurückfahren." Liebermann einlenkend: „Nee, dann kommen Se um halb zwölf. Wissen Se denn, wo ick wohne? Det is sehr weit vom Bahnhof." „Danke vielmals. Ich werde gleich hinausfahren." Beim Landhaus am See angekommen ließ Michael wohlweislich die idem Meister offenbar unsympathischen größeren Formate .draußen und nahm nur seine Mappe mit Zeichnungen und Pastellen hinein. Er wartete im Vorzimmer. Bald trat, mit dem Panamahut und in der weißen, blaugestreiften Flanell jacke, der alte Mann ein, den Kopf etwas gebeugt, aber mit besonders energischen Gesichtszügen. Wie etwas abwesend reichte er die hagere feine Hand. „Setzen Se sieh dahin undpacken Se 'mal aus." Sie setzten sich an den runden Tisch, auf der vielerlei Bücher, Broschüren, lose Blätter und Briefe verstreut lagen. Jede einzelne Arbeit betrachtete er, offenbar nach Lebendigkeit und Sensibilität des Striches, sehr genau, sie ganz nahe vor die Augen haltend, wie etwa ein Gerichtschemiker, der eine Schrift auf ihre Echtheit prüft, und bald tadelnd, bald lobend. Erregt wurde er über eine schief gezeichnete Architektur: „Da", sagte er, indem er auf die Wand wies, an der friesartig Menzel-Zeichnungen aufgereiht waren, „sehen Se 'mal, wie det jezeichnet is!" Und dann führte er ihn sofort am Rockzipfel hinaus an die Front des Hauses, deutete auf die Kanten der Mauer: „Steht die schief, Ick weiß, det Leute so jezeichnet haben" — er mochte dabei an den wilden Expressionismus denken — „aber" — dabei wurde er beweglieh, blitzend die Augen,, und unterstrich alles mit lebendiger Gebärde — „ick finde so wat jemein, niederträchtig und jemein". Bald beruhigte er sich und sah die Arbeiten weiter durch, wies seinen Besuch auch hin auf eine erregend gezeichnete 01studie von Manet, die an der Wand hing, auf einen Degas und kleine Krüger-Aquarelle, vor allem auch auf eine herrlich farbige Reiterskizze von Menzel. „Ja," sagte er schließlich, „wie ick Ihnen schon jeschrieben habe: Sie tun ja doch,wat Se wollen; aber ick bin bereit, mein Urteil abzujeben; wenn ick auch kein Jott bin, un jeder Mensch sich irren kann. — Sehn Se 'mal, wie ick anfing, da hab ick zuerst bei dem Steffeck jearbeitet, wissen Se, dem Pferdemaler; da hat er mir jesagt: .Helfen Se mir mal ein Bischen an einem Pferd malen', und zum Schluß meinte er: Jroßartig!' un ick war' en Genie. Später kam ick dann zu 'nem anderen Maler, der nach zwei Jahren meinte, ick sollte die Malerei an den Nagel hängen. So, und nu können Se Ihre Sachen wieder einpacken. Aber warten Se 'mal, ick will Ihnen noch wat aufschreiben für Ihren Vater." Nachdem mein Freund seine Arbeiten eigepackt hatte, meinte der Meister: „Ach, wissen Se, det muß ick mir alles erst jut überlegen, denn ick kann nich schreiben, wat ick nich ooch verantworten kann." „Selbstverständlich, Herr Professor; die Hauptsache ist jedenfalls, daß Sie Ihr Urteil abgeben, ob ich überhaupt Talent habe, weil mein Vater mich künstlerisch für völlig unbegabt hält." „Nee, nee, det is nich so!; wo wohnen Se denn?" „Vielleicht würden Sie mir Ihr Schreiben ins Hotel nach Berlin schicken?" „Ach nee, lieber doch nich; wenn Se fort sind, dann hab' ick et schon verjessen. Besser is, Se kommen morgen unjefähr um die selbe Zeit nochmal hierher; denn verjess' ick et nich." Die Unterredung war beendet, und er begleitete Michael persönlich bescheiden bis zur Haustüre, die er selbst öffnete. Beglückt und gehoben fuhr der nun zur Stadt zurück. Am anderen Morgen erschien er um dieselbe Zeit bei dem Meister; der führte ihn an seinen Schreibtisch und zeigte ihm einen Zettel, worauf er sein Urteil niedergelegt hatte. Er emplani weitere Arbeit unter einem bekannten tüchtigen Maler, dessen Namen er nannte, und dessen Lehrtätigkeit er außerordentlich schätzte. In seiner Hilfsbereitschaft ging der alte Mann selbst sofort an den Apparat, um den Jungen bei der Schule, wo der Genannte Korrektur gäbe, zur Rücksprache anzumelden. Das Zeugnis lag zwar da, war aber noch nicht unterzeichnet, und Liebermann fragte, ihn gütig anschauend: „Is det jut so und jenug? Ick habe absichtlich noch nich unterschrieben; wenn Se meinen, det ick noch wat sagen soll." „Vielen Dank! Das genügt mir durchaus und wird hoffentlich auch meinen Vater überzeugen." „Na, denn is jut." Während der braune Dackel meinen Freund umsprang, unterhielten beide sich vor allem noch über das Bewegende der Zeit. „Wissen Se, von mir haben se früher jesagt, ick sei Antisemit. So war det nu jerade nich. Aber jetzt bin ick Zionist. Seh'n Se: früher hätt' ick det" — und damit meinte er den meinem Freunde gestatteten Besuch, die Beurteilung und Hilfe — „jar nich so jemacht. Aber nu muß man zusammenhalten." Jakob P i c .a r d.