Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 7 (1.4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 163 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 16a haben Männer, wie Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche in ihren Schriften sehr deutlich und eindringlich charakterisiert. Daß die Geschichte des Abendlandes mit dem ausgehenden 19, Jahrhundert an einer Wende angelangt ist, das ist in dem Werk von Jacob Burckhardt, besonders in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen, bereits abgezeichnet, und wir dürfen Schoeps dankbar sein, daß er dieses geradezu paradigmatische Weltbild in seiner ganzen Aktualität mit großer Genauigkeit einmal interpretiert hat. Burckhardt war der geniale Erforscher der niedergehenden Kulturen und er hat mit tiefem Schauder den Gang vorausgesehen, den die Zeit nehmen würde, seine Weltschau ist überraschend verwandt der der großen Kulturkritiker unserer Tage, Ortega y Gasset und Huizinga. Er für seine Person schloß sich, mit allen Kräften von dem ab, was der Geschmack seiner Zeit pries, von der alten Welt suchte er zu retten, was zu retten war. Er blieb nach dem Wort von Marcel Proust auf den Spuren der verlorenen Zeit. ' - Warum diese Zeit „verloren gegangen" ist, zeigt Schoeps. in seinem zweiten Essai über Nietzsche mit eindringlicher Beredsamkeit. Schoeps trifft das Richtige, wenn er in Nietzsche den großen Kritiker der Kultur sieht — es hat vielleicht keinen größeren gegeben — und in dieser Eigenschaft seine Hauptbedeutung erblickt, während ihm "seine eigentliche philosophische Leistung nur „berauschende Dichtung" ist. Er unterläßt auch nicht, auf die verhängnisvolle Rolle des Ressentiment in Nietzsches Leben und Lehre hinzuweisen, und untersucht die Spaltung zwischen beiden in ihren Folgen. Dennoch ist Nietzsche der erste, der den Mut und die Einsicht gehabt hat, den Tod der alten Götter, den . Sturz der großen Denkbilder zu verkünden, und mit ihnen das Sterben des abendländischen Menschenty.pus, den etwazu gleicher Zeit Dilthey mit tiefer Intuition wissenschaftlich aufgezeichnet hat. Nietzsche hat sich selbst als den ersten vollkommenen Nihilisten bezeichnet, als den Umwerter aller.Werte, als den, der die alten Tafeln zerschlagen hat. „Ich bin kein Mensch", so sagt er von'sich, „ich bin Dynamit". Alle Metaphysik, so lehrte er, besitze keinen absoluten Wahrheitswert, sondern befriedige allein psychologische Bedurfnisse. Aber auch Schoeps läßt, bei allem Ja, das er zu der Nietzschischeh Kritik sagt, keinen,Zweifel daran, daß letzten Endes Nietzsches Konzeption, an Stelle des Logos den Bios, an Stelle der Wahrheit die Kraft zu setzen, nicht anders als ein Symptom einer an der Schwäche, an der Dekadenz seines Zeitalters Verzweifelnden zu werten ist. Diese selbe tiefe Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erfüllt auch Franz Kafka, obschon er zu einer wesentlich andern Position gelangte. Und während wir uns zunächst sträubten, Kafka in diesem Zusammenhange zu begreifen, so weiß uns doch Schoeps zu überzeugen, warum er diesen großen jüdischen Dichter für würdig befand, in so erlauchter Umgebung als Kronzeuge für die Zeitenwende aufgerufen zu werden. Denn auch Kafka ist ohne Hoffnungfür die Zukunft. Auch seine Dichtung kreist um die Trauer um die „verlorene Zeit", um die ^Veränderung der Denkweise", um den Leerlauf des Lebens. Auch Kafka gehört zu den letzten „Abendländern". Seine Dichtung analysiert Schoeps als „das Denken eines Vergessenen im Halbdunkel unbestimmter Erinnerungen" und. trifft damit das Wesentliche. Dieses Vergessene sucht er mit allen Mitteln wieder in das Bewußtsein heraufzuholen. So stellt sich in Kafka das merkwürdige Phänomen des suchenden Menschen dar, dessen notwendig unerreichbares Ziel nicht vor ihm, sondern hinter ihm liegt. Er liegt vor den Gestorbenen auf den Knieen. Er sehnt sich in die „alte" Welt zurück, und muß doch in einer neuen Welt leben, die, wie er gewahrt, Gott und das verbindliche Gesetz vergessen hat. In dieser Haltung sieht Schoeps .mit Recht etwas spezifisch Tragisches: Gott suchen zu müssen, mit der trostlosen Gewißheit, ihn nicht finden zu können. Einzig und allein die messianische Hoffnung hat Kafkagewärmt in seiner. Verlassenheit und ihn in der Verzweiflung nicht verlassen: die Ankunft, des Gottesreiches nicht gegen die Vernunft, aber über die Vernunft zu erwarten. Dr. Erich Lichtenstein. Geschäftliches Herr Dipl.-Ing. M. E. Fulda, Heizungsanlagen, Nibelungenstr. 14, empfiehlt sich für die Ausführung von Heizurigsarita'geri aller S3£Steme„ sowie.für Reparaturarbeiten. S. Inserat! Üfw- Qeise6ütt&: , ARTHURBRAUN NUERNBERO EILGUT ST RASSE 5 RUF:206*2 UJvt Spediteur: PHILIPP GUTMANN II EILGUTSTR.5 RUF: 2064-2 Ü. 2004-2 UMZUGS T RANSPORTE NACH ALLEN LÄNDERN —— Zai Pessack Bücher — von der „EvVER"-Buchhandlung G. m. b. 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